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Katrin Askan: Miraflores (nach dem Men├╝)

Vorgestellt von Kerstin D├╝mpelmann

Miraflores (nach dem Men├╝)

Nachts um drei in der K├╝che
Kamillentee gegen den Krieg
von Fisch und Creme Caramel


gegen das Stechen im Magen
Zu viel zu sp├Ąt gegessen


Kalte Fliesen nackte F├╝├če
um die sich Zugluft schn├╝rt


und in der Teetasse bl├Ąht sich
der Beutel zur Wasserleiche auf


Auf dem Tisch zwei Gr├Ąten ├╝brig
ein vertrockneter Tropfen der Sauce
platzt unterm Daumennagel weg


Schluck um Schluck hei├č
Kein Auto ist von drau├čen zu h├Âren
nur der Kessel summt noch und knackt


Im Magen istÔÇÖs dunkel
pflegte meine Tante zu sagen
Kannte sie Kamillencremefisch?


Der K├╝hlschrank springt an
und ein winziges Tier
jagt zum Abfluss


├╝ber die Wand



Man h├Ârt das R├╝hren eines Teel├Âffels. Man h├Ârt das Splei├čen eines Saucetropfens und das Krachen des Kesselmetalls. Man kann sogar den Durchzug am eigenen Kn├Âchel sp├╝ren. Und der voll gestopfte Bauch nach einer, sagen wir, gut b├╝rgerlichen Drei-G├Ąnge-V├Âllerei? Die Vorstellung liegt schwer im Magen. Jede Bewegung in Miraflores vermittelt ein Schaudern, sei es die bl├Ąhende Teebeutelleiche oder der K├╝hlschrank, dessen Anspringen wie ein Beben die K├╝chenfliesen ersch├╝ttert. Die Ger├Ąuschkulisse ist alles andere als feinklingend. Es ziept, knackt, pfeift und schl├╝rft in die Stille. Miraflores spielt mit den Sinnen. Es ist die Szenerie einer Orientierungslosigkeit auf vielen Ebenen. Die Szene kommt irgendwo her, geht vielleicht auch irgendwo hin.

Zusammen mit dem winzigen Tier verschwindet das Geschehen sogartig im Abfluss. Inzwischen aber starrt das Ich gebannt auf sich selbst und berichtet, denn mehr ist es kaum, von der K├╝che, in der es sich aufh├Ąlt. Im Mittelpunkt des Gedichts steht seine eigene, phlegmatische Apathie. Das Ich reagiert und harrt in einer Innerlichkeit, die in Verfallsmetaphorik suhlt. Doch um das mal festzuhalten: In Miraflores passiert eigentlich nichts.

Das ist Stoff f├╝r eine Kurzgeschichte. Erstaunt es, dass ich mich nach dem ersten Lesen an Wolfgang Borchert erinnert f├╝hlte, eine Eingebung, die mich zugegebenerma├čen nie losgelassen hat? Die Zutaten zum Text sind unver├Ąndert, die Pointe dagegen ist neu. Statt eines Borchertschen Nichts-Nie bem├╝ht Askan ein Zuviel-Zusp├Ąt. Das kann man zweifach verstehen. Zuviel, weil der 360-Grad-multisensorische Blick im Halbschlafdusel zwar hoch sensibilisiert ist, aber der reflexive H├Âhepunkt in Kannte sie Kamillencremefisch banal daherkommt. Zusp├Ąt, weil das Gedicht sich und der Gegenwart entr├╝ckt wirkt. Metaphorische Fu├čfallen heben den Finger und stellen ungestellte, existentielle Fragen. Achtung! Wo bin ich? Wann bin ich?

Ob Miraflores als Nachruf auf die deutsche Nachkriegslyrik durchgeht, dessen Stimmung als aktueller denn je heraufbeschworen wird? Bleibt man beim Borchert-Vergleich f├Ąllt auf, dass Askans Bilder wenig modern sind und irgendwie in ein anderes Jahrzehnt geh├Âren. Es ist die Rede vom Kessel in Zeiten der Plastik-Wasserkocher, von Fisch und Creme Caramel statt internationalem Artfood und Asiahype. Und wo pflegt man noch etwas zu sagen? Miraflores stellt sich in eine literarische Tradition, macht sie sich zum Nutzem und definiert sie um. Nur wohin? Nehmen wir mal an, hier gluckert eine zeitgen├Âssische Wohlstandsattit├╝de den Ausguss herunter. Luxus als strategische Kampftaktik frisst sich von innen heraus. Die eingepflanzten Gegner hei├čen Fisch und Creme Caramel. Das ist absurd...und packend. Nehmen wir weiter an, dass es den Generationenwechsel zwischen dem Tanten- und Ich-Jahrgang nicht gibt. Ihre einvernehmliche Beziehung definiert sich ├╝ber ein physische Ereignis: Der leere Magen bzw. Im Magen istÔÇÖs dunkel. Zeitlos wirkt dieser Zustand, der auf Krankheit oder Armut deutet und sich schlie├člich als geistige Leere lesen l├Ąsst.

Die Stimmung in Miraflores ist ungem├╝tlich. Hinter der Maske der Apathie presst eine ungeheure Spannung, die den Leser nicht losl├Ąsst. Katrin Askan gelingt ein Ton, der stilistisch leise, aber atmosph├Ąrisch ersch├╝tternd ist. Und fast, fast m├Âchte man selbst mit dem niedlichen Insekt den Abfluss hinab fliehen.