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Bernd KortlÀnder: Rheinische Schriftsteller als Vermittler der literarischen Moderne

Ein Vortrag

I.

Wenn ein Schriftsteller aus der Region im Zeitraum 1900-1914 den Titel eines Vermittlers der Moderne durch sein Werk wie seine Biographie in besonderer Weise einlöst, die Begegnung mit der europĂ€ischen Moderne selbst vollzogen und zugleich auf breiter Front gefördert hat, so war das der 1871 in DĂŒsseldorf geborene und 1943 in Berlin gestorbene Hanns Heinz Ewers. Es ist wahr: Man spricht nicht gern von ihm, es entwickeln sich leicht EkelgefĂŒhle. Zu unappetitlich war sein Verhalten in den Jahren von etwa 1929 bis 34, als er zunĂ€chst erfolgreich um die Sympathie der Nationalsozialisten buhlte und von Adolf Hitler höchstselbst den Auftrag erhielt, ein Horst Wessel-Buch zu schreiben. Brecht hat diese Zusammenarbeit mit den Nazis spĂ€ter treffend folgendermaßen beschrieben: „Zur Herstellung einer endgĂŒltigen Lebensbeschreibung des jungen Helden (Horst Wessel) suchte Joseph Goebbels einen Fachmann und wandte sich an einen erfolgreichen Pornographen. Dieser Experte, ein Herr namens Hanns Heinz Ewers, hatte unter anderem ein Buch geschrieben, in dem ein Leichnam ausgegraben und vergewaltigt wurde. Er schien hervorragend geeignet, die Lebensgeschichte des toten Wessel zu schreiben. ... Der Pornographist und der Propagandadoktor, der Fachmann fĂŒr Entschleierung und der Fachmann fĂŒr Verschleierung, setzten sich zusammen ...“ (Bd. 20, S. 210f.)

Es ist nicht angenehm, sich in derart kompromittierte Gesellschaft zu begeben, und da hilft es auch nichts, daß Ewers Anbiederungsversuch - wie konnte es angesichts seiner anrĂŒchigen Vergangenheit und der spießbĂŒrgerlichen Ausrichtung der Partei anders sein - scheiterte, er 1934 mit all seinen BĂŒchern, einschließlich des „Horst Wessel“-Romans, auf der schwarzen Liste stand, nichts von ihm mehr gedruckt, veröffentlich oder verkauft werden durfte und seine Romane auf den Scheiterhaufen der BĂŒcherverbrennung landeten. Trotzdem fand ich es in diesem Fall lohnend, mich wieder einmal aufzuraffen und in den umfangreichen Ewers-Nachlaß hineinzuschauen, den seine 2. Gattin nach dem Kriege der Landes- und Stadtbibliothek DĂŒsseldorf vermacht hat und der heute im Rheinischen Literaturarchiv im Heinrich-Heine-Institut liegt. Heine und Ewers, eine Kombination, die auf den ersten Blick monströs wirkt, etwas von dieser MonstrositĂ€t aber verliert wenn man weiß, daß Ewers bis 1932 sicher der lautstĂ€rkste KĂ€mpfer fĂŒr die Anerkennung Heines in Deutschland und vor allem in DĂŒsseldorf war. Vielleicht sollten wir uns vorerst mit der allgemeinen Einsicht trösten, daß das Leben gelegentlich sehr verworren sein kann.

Nach dieser, ich muß es gestehen, unumgĂ€nglichen Vorbemerkung, komme ich auf die Eingangsbehauptung zurĂŒck, daß Ewers in besonderer Weise die Öffnung unserer Region zu europĂ€ischen Moderne reprĂ€sentiert und unter dem, was man rheinische Autoren nennt, sicher von keinem anderen auch nur annĂ€hernd in seiner Wirkung erreicht wurde.
Dabei spielen verschiedene Komponenten eine Rolle:


1. Persönliche Beziehungen
Ewers reiste viel im europĂ€ischen Ausland und in Übersee, als Tourist, aber auch als Lesereisender. Er spricht passabel Englisch und Französisch und lernte eine ganze FĂŒlle europĂ€ischer Autoren und Journalisten persönlich kennen. Insbesondere in Frankreich hatte er durch den ihm eng befreundeten Chansonier und Dichter Marc Henry, den er bereits 1901 von den MĂŒnchner „Elf Scharfrichtern“ an sein Berliner „Überbrettl“ geholt hatte und mit dem er spĂ€ter verschiedene Projekte realisierte - u.a. die erste kĂŒnstlerisch gestaltete Zirkusrevue -, ein EntrĂ©e zur literarischen Avantgarde der Jahrhundertwende. Er war mit Guillaume Apollinaire bekannt, in dessen Nachlaßbibliothek verschiedene Widmungsexemplare von der Beziehung zeugen, war in Kontakt zu dessen großen Freundeskreis und hatte 1912 mit dessen Geliebter, der Malerin Marie Laurencin ein VerhĂ€ltnis; er lernte Autoren wie Charles Bargonne, Frederic Boutet, Pierre Loti, Pierre Mille kennen und stand mit ihnen zeitweise in Briefwechsel. Der bedeutende polnische Autor Stanislaw Przybyszewski, der eine Zeitlang in Berlin lebte und dessen Theorien ĂŒber den Satanismus Ewers in deutscher Übersetzungen unter dem Titel „Die Religion des Satans“ auf Vortragstourneen als sein Eigentum vortrug, ĂŒbersetzte und bevorwortete mehrere seiner Romane und ErzĂ€hlungssammlungen. In England, das Ewers nicht mochte und wohin er seltsamerweise nie gereist ist, hat er mit Israel Zangwil einen GewĂ€hrsmann, dessen Werke er ins Deutsche ĂŒbersetzt und der sich seinerseits um die Verbreitung von Ewers Werk in Großbritannien kĂŒmmert. Auch Oscar Wilde ist er persönlich begegnet, ebenso Somerset Maugham, mit dem er einen Sommer auf Capri verbrachte.


2. Übersetzungen seiner Werke
WĂ€hrend die genauen persönlichen Kontakte zu europĂ€ischen Autoren trotz der minutiösen Arbeit von Wilfried Kugel zu Ewers bewegtem Leben kaum bekannt und erforscht sind, gibt es einen relativ guten Überblick ĂŒber die Übersetzungen, die von Ewers Texten in genau 20 Sprachen existieren. Von den meisten hat er Belegexemplare gesammelt, die heute zu seinem Nachlaß gehören. Besonders ausgedehnt ist die Bibliographie der Übersetzungen ins Französische; bereits 1910 erschien die grĂ€ĂŸliche Geschichte „Tomatensauce“ aus der Sammlung „Das Grauen“ im „Mercure de France“; es folgten bis in die 20er Jahre die wichtigsten Horrorgeschichten sowie die Romane „Der Zauberlehrling“ und „Alraune“. Aber auch ins vorwiegend amerikanische Englisch ist er ab 1914 hĂ€ufig ĂŒbersetzt worden - seine ErzĂ€hlung „Die Spinne“ wurde 1931 von Dashiel Hammett in die Schauergeschichten-Sammlung „Creeps of the Night“ aufgenommen.

II.
Ist Ewers selbst so in seiner Zeit ein viel gelesener und in der europĂ€ischen und amerikanischen Öffentlichkeit intensiv wahrgenommener Bestseller-Autor, so bemĂŒht er sich seinerseits auf verschiedene Weise um Vermittlung wichtiger bzw. ihm wichtig scheinender auslĂ€ndischer Autoren an das deutsche Publikum.
Das geschieht auf zweierlei Weise. Durch Übersetzungen, auf die ich spĂ€ter zu sprechen kommen werde, und durch eine umfangreiche publizistische, essayistische und herausgeberische TĂ€tigkeit, die, was die Literaturvermittlung betrifft, gipfelt in dem 1906 zum ersten Mal erschienenen „FĂŒhrer durch die moderne Literatur“, der im Globus-Verlag, dem Verlag des Berliner Kaufhauses Wertheim herauskam, Ă€ußerst preiswert war und bis in die 20er Jahre in vielen Zehntausend Exemplaren und immer wieder ĂŒberarbeiteten und ergĂ€nzten Versionen auf den Markt kam. Auf dem Titelblatt firmierte als Herausgeber Hanns Heinz Ewers; als Mitarbeiter wurden genannt Victor Hadwiger, Erich MĂŒhsam, RenĂ© Schickele und Dr. Walter BlĂ€sing. Dr. BlĂ€sing war ein Pseudonym, wie Erich MĂŒhsam erklĂ€rt, erfunden, „um die WĂŒrdigungen derjenigen Schriftsteller und Dichter zu verantworten, von denen keiner von uns genĂŒgend wußte, um seinen Namen unter eine kritische Betrachtung setzen zu mögen. Da wurde das Nötigste aus schon vorhandenen LiteraturfĂŒhrern zusammengekratzt und Dr. B. drunter geschrieben.“ (Kugel, 85) In spĂ€teren Auflagen kam als realer Mitarbeiter noch Peter Hamecher hinzu, als weiteres Sammelpseudonym ein Balduin Möllhausen. Es ist davon auszugehen, daß die Auswahl der im LiteraturfĂŒhrer vorgestellten Autoren stark von Ewers geprĂ€gt ist und seine Vorlieben und Abneigungen genau widerspiegelt. Kugel vermutet hinter den pseudonym gezeichneten Artikeln meist Ewers als Verfasser, der dann den grĂ¶ĂŸten Anteil geschrieben hĂ€tte. Dabei ist zunĂ€chst interessant, daß dieser FĂŒhrer, im Gegensatz zum bis heute ĂŒblichen Vorgehen, die nationalliterarischen Grenzen aufgegeben hat. Wie selbstverstĂ€ndlich finden sich zwischen den wenigen Stars und vielen Sternchen der deutschen Szene die wichtigsten Vertreter der modernen europĂ€ischen Literatur der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende. Gerade solches Vorgehen rief natĂŒrlich die konservative Kritik auf den Plan, die denn auch von einem „agitatorischen Parteiwerk“ spricht, „im Dienst jener engsten Richtung ..., die man als Nur-Literatentum und radikalsten Modernismus zu bezeichnen hat.“ Der berĂŒchtigte Antisemit Adolf Bartels spricht abschĂ€tzig von einem FĂŒhrer durch die „deutsch-jĂŒdische Literatur“. (Kugel, 86).

Gleich zu Anfang, ich beziehe mich auf die ĂŒberarbeitete Ausgabe von 1911, findet man einen von RenĂ© Schickele verfaßten hymnischen Artikel zu Charles Baudelaire, einem der wichtigen Bezugspunkte fĂŒr Ewers, wie ĂŒberhaupt die französische Literatur mit Flaubert, Gautier, Gide, den Goncourts, mit Huysmans, Loti, Rimbaud, Verlaine, Villiers de l‘Isle-Adam und Zola in der Auflage von 1911 am stĂ€rksten vertreten ist, gefolgt von der skandinavischen (Björnson, Jacobson, Ibsen, Lagerlöf, Strindberg) und russischen Literatur (Dostojewski, Gorki, Tolstoi, Turgenjew; Tschechow nur kurz und abwertend). Die lĂ€ngsten Artikel erhielten neben Gerhard Hauptmann, den Ewers sehr verehrte, Nietzsche und Strindberg, was die Richtung bereits zu erkennen gibt. Manche Urteile fallen auch sehr harsch aus, wie etwa das ĂŒber Hermann Hesse, dessen „Peter Camenzind“ mit Gustav Frenssens „Jörn Uhl“ verglichen wird, fĂŒr Ewers und seine Freunde der Inbegriff des schlechten Geschmacks. Wie Frenssen sei Hesse ein HeimatkĂŒnstler mit den „paar guten und vielen schlechten, durchweg kulturrĂŒckschrittlichen Seiten. ...“. (86) Von rheinischen Autoren sind 1911 Herbert Eulenberg, Rudolf Herzog, Else Lasker-SchĂŒler, Wilhelm SchĂ€fer, Wilhelm Schmidtbonn und Clara Viebig im LiteraturfĂŒhrer vertreten, meist in eher kritischem Zusammenhang. Ein auffĂ€llig langer und natĂŒrlich sehr positiver Artikel ist Ewers selbst gewidmet. Er ist gezeichnet mit Dr. B., also dem Pseudonym, und man darf befĂŒrchten, daß Ewers sich hier selbst anpreist mit SĂ€tzen wie: „Diese Symphonie menschlicher Leidenschaften wurde selbst von der ungeheuren Stimme Poes nicht ĂŒbertönt.“ (52).

Der Verzicht auf die nationalliterarische Abgrenzung entspricht der Einstellung, die Ewers im selben Jahr bereits in einem Essay ĂŒber Edgar Allan Poe geĂ€ußert hat. Dort heißt es: „Schon erkennen wir klar den Weg, der von Jean Paul und Th. A. Hoffmann zu Baudelaire und Edgar Poe fĂŒhrt, diesen einzigen Weg, den eine Kunst der Kultur gehen kann, schon haben wir manche AnsĂ€tze - Diese Kunst wird nicht mehr im engen nationalen Kleide stecken. Sie wird sich bewusst sein, wie sich Edgar Allan Poe als Erster bewusst war, dass sie nicht fĂŒr „ihr“ Volk da ist, sondern einzig fĂŒr die dĂŒnnen Kulturschichten, ... Kein KĂŒnstler hat je fĂŒr „sein“ Volk geschaffen ... “ (38f.)

Der Internationalismus der Moderne ist hier lĂ€ngst selbstverstĂ€ndliche RealitĂ€t. Ewers stellt sich immer wieder in die Traditionslinie einer phantastischen Literatur, die von Jean Paul ĂŒber Hoffmann und Poe zu Gautier und Baudelaire und von dort ĂŒber die französischen Symbolisten und Nietzsche bis zu den bedeutenden oder auch weniger bedeutenden Vertretern der Phantastik und des Grauens in seiner Gegenwart reicht. In der von ihm herausgegebenen Buch-Reihe „Galerie der Phantasten“ stehen Hoffmann und Poe am Anfang, gefolgt von Oskar Pannizza, Karl Hans Strobl, Alfred Kubin und Ewers selbst. Ein besonders ins Auge springendes Moment dieser Tradition ist das Interesse der meisten Autoren fĂŒr den Zusammenhang von Rausch und Kunst, ein Punkt, mit dem sich auch Ewers ausgiebig sowohl in lebenslangen Selbstversuchen mit allen möglichen Formen von Drogen wie auch theoretisch beschĂ€ftigt. Es ging um den Versuch, im Rausch, aber auch in der Steigerung des Schreckens und des Grauens neue Dimensionen der Wirklichkeit zu entdecken, einer Wirklichkeit jenseits aller BĂŒrgerlichkeit, vor allem auch aller Moral, aus der sich die MaßstĂ€be einer Kritik der bĂŒrgerlich-kapitalistischen Welt entwickeln lassen sollten. Wie sehr Ewers gerade diesen Aspekt und damit den wesentlichen Teil der Leistungen der von ihm beanspruchten Vorbilder von Jean Paul bis Baudelaire verfehlte, kann ich hier nicht im einzelnen zeigen. Nur in ganz wenigen Texten gelingt es ihm, jenseits des bloßen Effekts eine Wirkung zu erzielen; das sonst so vorzĂŒglich genaue und nĂŒtzliche Buch von Wilfried Kugel hat im ĂŒbrigen in diesem den grundlegenden Mangel des Ewersschen Schreibansatzes betreffenden Punkt ganz offenkundige SchwĂ€chen, wie ĂŒberhaupt die neuere Literatur zu Ewers, so etwa auch zuletzt die 2002 erschienene Dissertation von Marion Knobloch, eine Neigung hat, diesem Autor und seiner bizarren Selbstdarstellung zu verfallen.


III.
Es ist in gewisser Weise verstĂ€ndlich und konsequent, wenn Ewers, als er begann Übersetzungen zu planen und Möglichkeiten hatte, sie bei Verlagen unterzubringen, sein Interesse von Anfang an auf solche Autoren richtet, die die von ihm gepflegte Traditionslinie verstĂ€rken. Das hatte einerseits den Vorteil, daß allgemein die phantastische Literatur, die Literatur der Dekadenz, auf dem Buchmarkt verstĂ€rkt vertreten war. Andererseits wurde sein eigenes Werk durch die Verbindung solcher Autoren mit seinem Namen auf die von ihm gewĂŒnschte Ebene gehoben. Überblickt man die von Ewers und seinem Kreis ĂŒbersetzte Literatur, so kann man in der Tat eine strategische Anlage in der Auswahl der allermeisten Namen und Texte erkennen. NatĂŒrlich spielt auch der finanzielle Aspekt eine Rolle bei einem Autor, der bis er 1913 endgĂŒltig seinen Durchbruch erlebte, stĂ€ndig klamm war und doch immer einen ganzen Schwarm von Menschen mit zu versorgen hatte und auch wirklich versorgte, darunter auch bittere Not leidende Kollegen wie etwa Paul Scheerbart.
In den ersten Jahren hatte Ewers noch selbst die gesamte Arbeit ĂŒbernommen; sein erster Versuch war die Übersetzung zweier BĂŒcher von George Washington Cable, des PortrĂ€tisten kreolischen Lebens in den SĂŒdstaaten der USA, die im Verlag Max Bruns in Minden erschienen und Ewers wegen des darin beschriebenen Voodoo-Kultes interessierten.

Doch bald wurde ihm klar, daß er einerseits bei der rastlosen TĂ€tigkeit auf allen möglichen Gebieten als Kabarettleiter, Autor, Herausgeber, Welt- und Vortragsreisender, nur mehr sehr beschrĂ€nkt wĂŒrde ĂŒbersetzen können; daß andererseits gerade bei Übersetzungsprojekten sein Name sich auch dann vermarkten ließ, wenn er nicht selbst die Hauptlast trug. Er suchte sich deshalb einen Kreis von Mitarbeitern und Vertrauten, mit denen er seine Projekte realisieren konnte. Das lief dann meist so ab, daß Ewers den Autor auswĂ€hlte, sich um die Rechtefrage kĂŒmmerte, den Kontakt mit dem Verlag herstellte, seit 1907 vorzugsweise mit dem Georg MĂŒller Verlag, der nach vielfĂ€ltigen anderen Versuchen sein Hausverlag wurde, und die Honorare aushandelte und einen Vertrag schloß. In den meisten FĂ€llen scheint er auch noch eine Art Endredaktion der Übersetzung vorgenommen zu haben. Dem Verlag gestattete er die Benutzung seines Namens in irgendeiner Form, indem er etwa als Herausgeber firmierte oder auch ein kleines Vor- oder Nachwort zu Papier brachte. In einem besonders eklatanten Fall ist sogar auf einem Band der Villiers-Ausgabe außen als Reklame aufgedruckt:„Übersetzt von Hanns Heinz Ewers“, wĂ€hrend innen auf der RĂŒckseite des Titelblattes der Name der tatsĂ€chlichen Übersetzerin vermerkt ist.

Zu dem Kreis, aus dem die Übersetzungen stammen, gehörten neben Ewers selbst seine Frau Ilna Ewers-Wunderwald, seine Mutter Maria Ewers aus‘m Weerth und der engste Freund der Familie, der in DĂŒsseldorf als Beamter der Provinzialbehörde im Brot stehende Rolf Bongs senior, Vater des 1981 verstorbenen DĂŒsseldorfer Schriftstellers gleichen Namens. FĂŒr einen kurzen Zeitraum arbeitete auch noch Gisela Etzel, die Ehefrau seines Freundes und Kollegen Theodor Etzel mit. Ich möchte ihnen die Kerngruppe kurz vorstellen.
Caroline Wunderwald, Ilna war ihr KĂŒnstlername, wurde 1875 in DĂŒsseldorf geboren. Der Vater betrieb eine Fahnenfabrik, ein Bruder war Maler. Über diesen Bruder geriet Ilna im DĂŒsseldorfer „Malkasten“ 1895 zuerst in den Kreis um Ewers, der damals in Neuss als juristischer Referendar tĂ€tig war. Über Ilnas Jugend, ihre Schulausbildung und die Herkunft ihrer Fremdsprachenkenntnis ist nichts bekannt. 1897 gilt sie als Ewers Verlobte, und als dieser 1901 seine erste bezahlte Anstellung am Berliner Überbrettl erhĂ€lt, heiraten die beiden. Das junge Paar tritt gemeinsam auf der KabarettbĂŒhne auf; Ilna erhĂ€lt glĂ€nzende Kritiken. Doch schon bald trennen sich die Wege: seit 1904 ist Ilna in DĂŒsseldorf, Hanns Heinz in Berlin. Zwar unternimmt das Paar noch verschiedene ausgedehnte Reisen zusammen, so etwa 1910 nach Indien, Australien, Japan und China, doch kommt es kurz danach zur Trennung und im April 1912 zur förmlichen Scheidung. Bereits frĂŒh hatte Ilna begonnen zu zeichnen, dabei einen ganz eigenen ornamentalen, an japanische Holzschnitte erinnernden Stil entwickelt, der viel Anklang fand. Sie entwarf Buchillustrationen, auch Titelbilder fĂŒr Werke ihres Mannes, und hatte seit 1909 verschiedene Ausstellungen in DĂŒsseldorfer und anderswo. Leben konnte sie nicht von ihrer Kunst und blieb auf finanzielle Zuwendungen ihres geschiedenen Mannes angewiesen, die dieser auch bereitwillig leistete. SpĂ€ter tat sie sich mit der aus wohlhabender DĂŒsseldorfer Familie stammenden Bildhauerin Elli Unkelbach zusammen und zog 1938 mit ihr nach Allensbach am Bodensee, wo sie am 29. Januar 1957 starb. Noch fĂŒr eine Ausstellung 1947 in Radolfzell wirbt das örtliche Blatt mit dem Hinweis, bei Frau Ewers-Wunderwald handele es sich um die Witwe des berĂŒhmten Schriftstellers Hanns Heinz Ewers.

Ilnas StĂŒtze in DĂŒsseldorf war in der Zeit der Trennung von Ewers und auch noch danach dessen Mutter Maria Ewers aus‘m Weerth. Sie wurde 1839 in Bonn geboren. 1848 ĂŒbersiedelte die Familie nach DĂŒsseldorf, wo Maria bis zum Alter von 16 Jahren die Schule besuchte. 1869 heiratete sie den Maler Heinrich Ewers. Seit der Jahrhundertwende hatte Maria Ewers, die von ihren Freunden nur „Mutter Maria“ genannt wurde, ihr Talent als MĂ€rchen- und GeschichtenerzĂ€hlerin auch schriftlich unter Beweis gestellt. Einiges erschien 1902 in dem von Ewers und Theodor Etzel herausgegebenen Band „Singwald. MĂ€rchen und Fabeln fĂŒr große und kleine Kinder“. Ihr Arbeitsfeld wurde dann die Übersetzung aus dem Englischen und Französischen. Vor allem im Französischen war sie sehr gut zu Hause, wie ein Brief ihres Sohnes vom 23. April1912 zeigt, der an „Madame Je sais tout“ gerichtet ist. Zwischen 1904 und 1914 erschienen 10 von ihr ĂŒbersetzte BĂŒcher. Maria Ewers, die ihren Sohn verehrte und von diesem rĂŒhrend umsorgt wurde - er schrieb ihr in den letzten Jahren tĂ€glich entweder eine Karte oder einen Brief, alle im Ewers-Nachlaß zu besichtigen - starb 87jĂ€hrig am 18. Juli 1926. Ihr geliebter Sohn hielt sich damals in Capri auf, von wo er auch nicht zum BegrĂ€bnis nach DĂŒsseldorf gerufen wurde.

Rolf Bongs berichtet ihm brieflich ĂŒber die Beerdigung und beruhigte ihn mit den Worten: „vielleicht tröstet Dich ein wenig das GefĂŒhl, das Du immer und immer bemĂŒht warst, ihr die letzten Jahre so schön und sorglos als möglich zu machen, darĂŒber sprach sie immer mit mir.“ (Kugel, 279) Wie bereits diese SĂ€tze zeigen, gehörte Rolf Bongs irgendwie zur Familie dazu. Er war fĂŒr Ewers, seine Mutter und seine Frau so etwas wie ein SekretĂ€r und Sachwalter vor Ort, der briefliche Anweisungen erhielt, sich spĂ€ter im Auftrag des Sohnes um die alte Mutter Maria kĂŒmmerte, der aber in zwei FĂ€llen auch selbst als Übersetzer eingesetzt wurde, als Herausgeber diverser SammelbĂ€nde im MĂŒller-Verlag fungierte („Seltsame Begebenheiten“; „Das Buch der Abenteuer“; „Die Jagd auf Menschen“, die letzten beiden mit Vorworten von Paul Scheerbart, zu dessen BegrĂ€bnis die Familie Bongs nach Berlin fuhr) und schließlich 1922 als Betreuer eines „Ewers-Breviers“, wo er die goldenen Worte des Meisters zusammengetragen hat. Bongs lebte von 1875 bis 1943 und arbeitete in DĂŒsseldorf fĂŒr den Provinzialverband (heute Landschaftsverband). Über seine Ausbildung und seine LebensumstĂ€nde in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg ließ sich nichts in Erfahrung bringen. Der Sohn Bongs hatte ein offenbar sehr schwieriges VerhĂ€ltnis zu seinen Eltern und berichtet in seinen Erinnerungen, wie sein Vater spĂ€ter die enge Beziehung zur Familie Ewers völlig aus seinem Leben ausgeblendet hat, nie davon sprach und auch nicht darauf angesprochen werden wollte.


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