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Bernd Kortländer: `Der Geist sei euer König!´ Hedda Eulenberg - eine starke Frau, ein Stück rheinische Kulturgeschichte

Mit einem bibliographischen Anhang

Der Name wird bei älteren Düsseldorfern vielleicht noch das Bild einer meist violett gekleideten Dame mit einer Neigung zu extrem großen Hüten wachrufen, bei manchen, Bevorzugten, auch Erinnerungen an glänzende Gesellschaften im großen Haus in Kaiserswerth an der Burgallee mit dem Blick auf den Rhein. Jeder, der Hedda Eulenberg begegnet ist, die vor 125 Jahren am 6. März 1876 geboren wurde, war von ihr beeindruckt, von ihrer Präsenz, ihrer Geistigkeit, ihrer Intelligenz. An der Seite ihres Gatten, des Dichters Herbert Eulenberg, war sie bereits in den 10er und 20er Jahren eine bestimmende Figur im kulturellen Leben der Stadt Düsseldorf gewesen; nach Herberts Tod 1949 bis zu ihrem Ende am 13. September 1960 war sie die unangefochtene „Grande Dame“ der Düsseldorfer Gesellschaft.

Hedda Eulenberg wuchs in Düsseldorf an der Freiligrathstraße auf als Kind des Volksschullehrers, Musikers und langjährigen Musikkritikers des „Düsseldorfer Generalanzeigers“ Wilhelm Maase. Musik war das Element ihrer Jugend und blieb ein bestimmendes Element ihres weiteren Lebens. Eine vom Vater gewünschte Karriere als Sängerin scheiterte früh. Noch während ihrer Zeit auf dem Ursulinen-Gymnasium verliebte sie sich unsterblich in Arthur Moeller, einen 1876 in Solingen geborenen Schulkameraden ihres Bruders Fritz, dessen Vater in Düsseldorf als Architekt arbeitete. Als Schriftsteller nannte er sich später Moeller-Bruck bzw. van den Bruck. Für eine kleine Biographie Moeller van den Brucks (von Paul Fechter, erschienen in Berlin 1934) hat Hedda Eulenberg später über die Besuche Arthur Moellers in ihrem Elternhaus, sein unangepaßtes Verhalten und die ungewöhnlich anregenden Diskussionen in seiner Umgebung berichtet.

1897, Hedda hatte inzwischen das Abitur absolviert, Arthur die Schule ohne Abschluß abgebrochen, floh das junge Paar nach Berlin, heiratete, lebte einige Jahre in der Berliner Bohème im Umkreis von Richard Dehmel, Franz Evers, Richard Ansorge, Rudolf Steiner. Moeller van den Bruck stand noch ganz am Anfang seiner Karriere als Schriftsteller und konservativer Kulturphilosoph. Eine kleine Erbschaft war bald aufgezehrt, und das Paar begann gemeinsam an Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen zu arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Hauptlast dieser Arbeit trug sehr einseitig die äußerst sprachbegabte Hedda, die schon als junges Mädchen ihr Tagebuch dreisprachig führte. Das erste große Übersetzungsprojekt war eine Gesamtausgabe der Werke Edgar Allan Poes in 10 Bänden, die ab 1901 bei C. Bruns in Minden erschienen. Zu dieser Ausgabe steuerte Arthur lediglich eine Werkanalyse im zuletzt erschienenen ersten Band bei („Poes Schaffen“), die er erst nach seiner Trennung von Hedda verfaßte. Teile von Band 2 und Band 3 enthalten, wie das Vorwort der Ausgabe beiläufig erwähnt, Übertragungen der Lyrik aus der Feder von Hedwig Lachmann. Die Moeller-Brucks hatten Lachmann, die zeitweilige Geliebte Richard Dehmels und spätere Ehefrau Gustav Landauers, im Umkreis Dehmels kennengelernt. Lachmann hatte bereits 1891 einen Band mit Übersetzungen von Poes „Gedichten“ vorgelegt (Berlin: Verlag des Bibliographischen Bureaus), auf die sie jetzt teilweise zurückgriff.

Den ganzen großen Rest der Poe-Ausgabe aber, nämlich alles außer den von Hedwig Lachmann stammenden Teilen der Bände 2 und 3, übersetzte Hedda Eulenberg allein. Bis in die 20er Jahre erschienen Einzelausgaben aus dieser Edition, und obwohl sie damals längst mit Herbert Eulenberg verheiratet war, firmiert sie als Übersetzerin immer noch unter Hedda Moeller-Bruck. Mit den Zeichnungen von Alfred Kubin ist die Poe-Übersetzung von Hedda Eulenberg noch bis heute im Buchhandel greifbar. Auch Autoren des französischen Fin de Siècle wie Barbey d\'Aurevilly, Marnière und Provins hat sie übersetzt, insbesondere für den Verlag Bard in Berlin, wo 1902 auch Arthur Moellers „Variété“-Buch erschien, das er Hedda widmete. Daneben treten Übersetzungen von Nerval, Maupassant und Zola, später noch von Flaubert und Huysmans.
Das Zusammenleben des jungen Paares wurde schwierig. Zu den finanziellen kamen gesundheitliche Probleme Moeller van den Brucks hinzu, die ihn veranlaßten, einige Jahre nach Paris zu gehen und sich von Hedda zu trennen. Er ließ 1902 eine hochschwangere Frau zurück, die zu ihren Eltern nach Düsseldorf zog und dort ihren Sohn Wolfgang zur Welt brachte. Bereits 1901 hatte sie in Berlin Herbert Eulenberg kennengelernt. Diese Bekanntschaft nahmen die beiden jetzt in Düsseldorf wieder auf und lebten seit 1903 zusammen. 1904 bekam sie, jetzt wieder nach Berlin übersiedelt, wo Eulenberg an seiner Karriere als Bühnenautor arbeitete, das erste von drei Kindern von ihm, die nach wenigen Wochen gestorbene Tochter Imogen. Es folgte die Scheidung von Moeller und die Heirat mit Herbert Eulenberg, der 1905 eine Stelle als Dramaturg am Düsseldofer Schauspielhaus von Louise Dumont und Gustav Lindemann antrat.

Hedda Eulenberg hatte in der Zwischenzeit weiter übersetzt, gelegentlich auch eigene, allerdings nicht veröffentlichte literarische Versuche unternommen. Doch konzentrierte sie sich in den folgenden Jahren vor allem auf ihre Rolle als Mittelpunkt des Hauses, das die Familie in Düsseldorf-Kaiserswerth bezogen hatte und über die Jahre dann ständig ausbaute und erweiterte. Sie war eine herausragende Gastgeberin und der Salon der Eulenbergs einer der glänzendsten in ganz Deutschland. Was Rang und Namen hatte in der deutschen Kulturszene zu Anfang des Jahrhunderts, war hier zu Gast und genoß die ungemein kultivierte Atmosphäre, die von der Dame des Hauses ausging. Auch bedeutende Frauen kehrten in Kaiserswerth ein: Helene Stöcker, die Vorkämpferin der Frauenemanzipation, Alma Mahler und Margarete Hauptmann, Musikerinnen, Schauspielerinnen, Tänzerinnen wie Elly Ney, Claire Waldoff, Niddy Impekoven, Tatjana Barbakoff, Henny Porten und viele andere mehr. Immer suchte Hedda Eulenberg das Geistig, das Poetische in der Begegnung mit den anderen Menschen, sie war überzeugte und bekennende Idealistin auch noch, als das längst nicht mehr modern und schon gar nicht mehr schick war.
In den 20er Jahren rückten die Eulenbergs bereits etwas in den Hintergrund der literarischen und gesellschaftlichen Bühne, und vollends dann nach 1933 waren sie so gut wie verschwunden. Heddas Bruder Fritz und dessen Sohn Klaus Maase und seine Frau Doris waren politisch links engagiert, was ihnen seit 1935 politische Verfolgung und Inhaftierung in Zuchthäusern und Konzentrationslagern eintrug.

Hedda setzt sich tatkräftig für den Neffen und dessen Frau ein, muß gleichzeitig den ebenfalls ins Blickfeld der Gestapo gerückten Herbert Eulenberg schützen. Ihr Tagebuch, das sie von 1893 bis 1941 - wenn auch mit großen Lücken - geführt hat und das heute mit dem gesamten Eulenberg-Nachlaß im Heine-Institut aufbewahrt wird, legt Zeugnis ab von der erstaunlichen Hellsichtigkeit dieser Frau. Für Hedda waren die Jahre seit 1924 in vieler Hinsicht eine Qual. Im Januar 1924 starb, während das Paar in Italien unterwegs war, der Sohn Wolfgang aus der Verbindung mit Moeller van den Bruck. Hedda Eulenberg kam nie wirklich über diesen Tod und seine Umstände hinweg. Ständige finanzielle Probleme, die teils mit dem literarischen Bedeutungsverlust Herbert Eulenbergs, teils mit den Maßnahmen der Nationalsozialisten gegen ihn zusammenhingen, der Nazi-Terror mit der Sorge um die Familie taten ein übriges. Ihr blieben der Rückzug in die Kunst, in Literatur und Musik, das Gespräch mit einigen treuen Freunden, wie etwa der Verlegerfamilie Heinrich und Trude Droste, und gelegentliche Reisen.

Nach Kriegsende unterstützt sie den einzig noch lebenden Sohn Till beim Aufbau eines literarischen Verlages „Die Faehre“. Sie beginnt auch wieder verstärkt zu übersetzen, Henri Troyat, Yvette Guilbert, eine Tolstoi-Biographie aus dem Französischen, Thomas Burke aus dem Englischen, alles für den Düsseldorfer Droste-Verlag. Sie genießt es, wieder Mittelpunkt zu sein, Frau des ersten Ehrenbürgers der Stadt Düsseldorf nach dem Krieg, die mit einem städtischen Dienstwagen zu den Theaterpremieren chauffiert wird. Herbert Eulenberg stirbt 1949. Hedda übernimmt jetzt Aufgaben, die sonst ihm zugefallen wären, wie z.B. Jurytätigkeiten im Rahmen des Großen Kunstpreises des Landes Nordrhein-Westfalens. Sie wird zur regelmäßigen Mitarbeiterin am Düsseldorfer „Mittag“. Als im August 1954 Thomas Mann nach Düsseldorf kommt, ist sie es, die den hohen Gast begrüßt, den sie bereits ein halbes Jahrhundert früher in Kaiserswerth empfangen hatte.

1952 erschienen ihre Memoiren „Im Doppelglück von Kunst und Leben“, bis heute ein lesenswertes Buch für den, der an der Zeit um den 1. Weltkrieg interessiert ist. Die Schilderung ist sehr auf Herbert Eulenberg, sein Werk und seine Lebensleistung konzentriert, hinter der sie ihren eigenen Beitrag versteckt, doch ist das typisch für das Selbstverständnis und Selbstbewußtsein dieser so außerordentlich starken Frau. Sie hatte offensichtlich auch kein Problem damit, gelegentlich unter seinem Namen eigene Übersetzungen erscheinen zu lassen, Texte einzustreichen, Klassikerausgaben zu bearbeiten; sie hat für ihn Proben überwacht und jedes seiner Werke kritisch begleitet. Wichtig war ihr vor allem, in jener gesteigerten Atmosphäre der Kunst und des geistigen Austausches zu leben, die sie „Poesie“ nannte und in der Gesellschaft Herbert Eulenberg offenbar fand, getreu dem emphatischen Motto, das sie im Tagebuch über ihr Leben stellt: „Der Geist sei euer König!“

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