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Enno Stahl: Ratinger Hof - Thomas Kling und die Düsseldorfer Punkszene

Nebst einem Interview mit Carmen Knoebel und Franz Bilemeier

A. Pop-Mythen und Legenden


Das war… `82 oder `83: eine Ente ohne Verdeck, Dead Kennedys quälen den Lautsprecher ¬–¬ dann The Adicts denn zu deren Konzert im Ratinger Hof soll es gehen, Vorgruppe eine regionale Band namens Die Toten Hosen. Sonne, der Rhein, Düsseldorfer Altstadt, Ratinger Str. 10, Viva la Revolution…
Der Ratinger Hof – das klingt nach einem gutbürgerlichen Lokal, was es zunächst auch war. Heute befindet sich dort das „Stone im Ratinger Hof“, das wieder „gute alte Rock Musik“ promoted, wie es auf einer Fan-Site heißt (was eher beunruhigend klingt).

Ratinger Hof, das war in den Endsiebziger, Achtziger Jahren eine Verheißung, Brutstätte der Bewegung, Ausgangspunkt des deutschen Punk, große Anziehungskraft und Faszination also, besonders wenn man aus Moers-Kapellen stammt und im beschaulichen Aachen ein Germanistikstudium aufgenommen hat.

Der Ratinger Hof also ein Kristallisationspunkt der populären Kultur in Deutschland, erst recht im Rheinland, aber wie darüber sprechen? Was sind die ‚Fakten’, objektivierte Geschichte? In den Archiven existiert der Ratinger Hof nicht. Und wissenschaftliche Abhandlungen? Fehlanzeige. Wie auch: Analytisch lässt sich eine vergangene Popepoche kaum fassen, denn Medium und Charakteristikum der Popkultur ist ja gerade Präsenz, also Gegenwart, zumindest, was ihre je aktuellen Ausdrucksformen betrifft, ihre Ästhetik.
Pop ist aber zugleich mehr als das, nämlich: Erinnerung, ein gemeinsames Erinnertes; nur im Bewusstsein derjenigen, die eine Zeit, eine Pop-Phase miterlebt, zusammen erlebt haben, überdauert sie, erlangt sie (quasi-)historische Präsenz. Pop ist also beständige Gegenwart und beständige Erinnerung zugleich, und immer auch private Mythologie.

Maurice Halbwachs hat gezeigt, dass Menschen vor allem durch geteilte Erinnerungen als Gruppen zusammengehalten werden – was bei ihm auf ganze Generationen und Gesellschaften gemünzt war, gilt meines Erachtens ebenso für jugendkulturelle Formationen wie etwa die Punks in Düsseldorf und die heutige Rückschau: „Jedes kollektive Gedächtnis hat eine zeitlich und räumlich begrenzte Gruppe zum Träger.“  Der Ratinger Hof als der Kristallisationspunkt einer solchen kollektiven Erfahrung wird so zu einem „lieu de mémoire“ im Sinne Noras, weil gerade dieser „konkrete“ Ort als Brücke zur Rekonstruktion der – ansonsten abgerissenen - Erinnerung dienen kann.  Der Ratinger Hof war nämlich Schauplatz einer Aufbruchsbewegung, an der zahlreiche Leute teilnahmen und die eine ungeheure Sogwirkung – weit über das begrenzte Territorium hinaus – entfaltete. Viele dieser Zeitzeugen verbinden daher mit dem Ort und Erinnerungszeichen „Ratinger Hof“ die Ausprägung ihres persönlichen Selbstverständnisses, ihre spezifische Sozialisation also: „Selbst wenn Orten kein immanentes Gedächtnis innewohnt, so sind sie doch für die Konstruktion kultureller Erinnerungsräume von hervorragender Bedeutung.“
Wenn wir nun Zeitzeugenberichte heranziehen, müssen wir für gewöhnlich nach Glaubwürdigkeit und Quellenwert dieser Angaben fragen.

Was ist (Ver)Dichtung, was ist reine Fiktion, was private Erinnerungsfolie und was besitzt tatsächlich allgemeinen Erkenntniswert? Bedingt sich all das gegenseitig, ergänzt es sich oder schließt es sich aus? Schließlich besitzen wir, wenn wir uns erinnern, immer ein „Funktionsgedächtnis“, das eine identitätstiftende Aufgabe erfüllt: „Das Gedächtnis produziert Sinn, und Sinn stabilisiert das Gedächtnis. Er ist stets eine Sache der Konstruktion, einer nachträglich hinzugeschaffenen Bedeutung.“  Der Mediävist Johannes Fried hat es unlängst noch prägnanter formuliert: „Erinnerung ist stets Gegenwart, nie Vergangenheit. Sie ist Schöpfung, Konstrukt.“ 

Ihr Quellenwert ist daher gering, der schonungslose Befund Frieds lautet: „Alles, was sich bloß der Erinnerung verdankt, hat prinzipiell als falsch zu gelten.“  So korrekt – und in positivem Sinne „dekonstruierend“ – sein Urteil für die historische Quellenkritik sein mag, in unserem Kontext scheint mir die Erinnerung von Zeitzeugen sogar als die einzige adäquate Form der Auseinandersetzung. Marcus S. Kleiner hat das in seinem Beitrag mit dem Begriff „storytelling“ markiert : wir können den Popphänomenen kaum auf eine traditionell akademische Weise beikommen, weil damit ihr Eigentliches verloren geht. Das Identitätsbildende, die kollektive Erfahrung, kombiniert aus den Privaterfahrungen Einzelner, ist nur durch deren Gedächtniserzählungen patchwork-artig anschaulich zu machen.

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