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Enno Stahl: Ratinger Hof - Thomas Kling und die Düsseldorfer Punkszene

Nebst einem Interview mit Carmen Knoebel und Franz Bilemeier
B. Thomas Klings Ratinger Hof-Gedichte


Die ersten beiden der berühmten drei Ratinger-Hof-Gedichte  Thomas Klings erschienen 1986 in seinem Erstling „Erprobung herzstärkender Mittel“  (noch in der Düsseldorfer Eremitenpresse), das dritte sogar erst 1989 im Suhrkamp-Band „Geschmacksverstärker“ . Geschrieben wurden sie aber wohl sehr viel früher, nach Meinung seines guten Bekannten Hubert Winkels  ggf. bereits 1982, als beide, Kling und Winkels, den Ratinger Hof frequentierten.

Wie auch immer, Klings Gedichte beschreiben somit eine Zeit, in denen der eigentliche ‚rush’ längst vorbei war. Und was sie beschreiben, könnte tatsächlich auch in jedem anderen Szeneladen der damaligen Zeit geschehen sein – was im Grunde der Titel „ratinger hof, zb 1-3“, also „Ratinger Hof zum Beispiel“ auch anzudeuten scheint. Dennoch partizipieren Klings Gedichte am Mythos, der Bezug auf den legendären Düsseldorfer Szeneladen mag der Grund dafür sein, dass diese Texte zu Klings bekannteren, häufiger interpretierten Gedichten geworden sind. Was also zeigen sie uns vom Ratinger Hof?

Im ersten geht es um eine Flirtsituation - mit „für juliette“ ist es auch explizit einer Frau gewidmet. Die Kneipe selbst kommt hier kaum vor, nur als Gedränge und Geräusch, Kommunikation unter erschwerten Bedingungen. Das zweite Gedicht wird etwas konkreter: „UNTERM –ZERHACKER das schuhe zertanzn;“  - man sieht die Tanzfläche im Flashlight, dem Zerhacker, auch die Personage ist beschrieben, allerdings mehr über Details („epilierte wadn“, „dragée pupillen“). Im dritten Text nun vermittelt Kling direkte Sinneseindrücke der Nacht und des Nachtlebens zwischen Alkohol, Small Talk und Outfit, weitgehend ohne Hinterböden. Die erotische Spannung wird in knappe und prägnante Formulierungen gebannt: „blitzkrieg/blitzfick“.

Eine ganze Reihe von Adjektiven und Metaphern nutzt der Lyriker um die Frisurenvielfalt des Ortes zu dokumentieren: „grannig gestylt, hoch/ gesprühter edelwust, fiftyfifty, gesperberte föhnung, cherokeegerädert“ usw. Das Gedicht operiert aus einer Kameraperspektive, „es zeigt sich selbst als Beobachtungsmittel bei der Arbeit“,  ohne den Ort des Beobachters preiszugeben. Das Gedicht als Snapshot, Mikro-Clip: „Zehn Sekunden aus einer legendären Düsseldorfer Szenekneipe, aufgenommen wie mit einem simultan arbeitenden optisch-akustischen Aufzeichnungsgerät, gemixt und dann – nun doch – mit großer Kunstfertigkeit neu installiert.“  Dieses Zitat von Hubert Winkels zeigt, wieso es ein Fehlurteil ist, Thomas Kling als eine Art ‚Punk-Lyriker’ darzustellen, was verschiedene Feuilletonisten – zumindest in seiner Anfangszeit – immer wieder getan haben. Die „Ratinger-Hof“-Gedichte mögen hier eine gewisse Rolle gespielt haben. Jedoch, auch sie verraten (wie Klings spätere Lyrik um so mehr), dass die sprachlichen Destruktionsprozesse, auf die man in diesem Zusammenhang gemeinhin abhebt, sehr kalkuliert, geradezu mit chirurgischer Präzision gesetzt sind. „Fraktale Gebilde“  ja, doch nur ein oberflächlicher Blick auf ihr Erscheinungsbild wähnt darin ein unmotiviertes, punkartig-fragmentiertes Zerfetzen von Sprache.
Was aber geschieht unter der Oberfläche?

„ratinger hof, zb 1“ demonstriert das trunkene Nachtbild des überfüllten Szeneorts:


hände die nach reis fiebern
nach – kontinentwechsel – reiß
verschlüssn; tablettenhände,
säure >>ICH KANN NACHTS<<
im –gedrängel wächst meine hand
ums glas, wächst später um ihre
schulter; […]


Es beginnt gleich mit einer Art Gag: „hände die nach reis fiebern“, asiatisches Bild, nein „kontinentwechsel – reiß/verschlüssn“. Statt Hunger in Asien, Geilheit in Europa, zitternde Hände von Drogenköpfen („tabletten“, „säure“ = acid/LSD). Die Sexualisierung des Thema wird durch den running gag „Ich kann nachts“ / „Ich kann nachts nicht“ / „Ich kann nachts nicht schlafn“ gleich zu Anfang ins Gedicht transportiert. Der Alkohol spielt eine Rolle, erst wächst die Hand ums Glas, dann um ihre Schulter.

Doch die Erotik ist nicht unbeschwert, das lyrische Ich steht da in „lederpanzerung“, gefeit gegen Verletzungen. Dennoch kommt es zum erotisch-aggressiven Infight: „aus wespenhälsen schwappts stich/ wort auf stichwort, schwappts/ gestichel, stechn […] das gestochne“, das Liebesspiel der frühen 80er Jahre zwischen Verführung und Verletzung, ein Stich/Wort gibt das nächste, weil es braucht Stichworte, um die Unterhaltung weiterlaufen, nicht abbrechen zu lassen, auch wenn diese teils schmerzen mögen, ja, einem die Sprache verschlagen: „Ich geb dir / die Wortgarotte dass du sie an mir / ausprobieren kannst“, die Wortgarotte, Worte, die dem anderen die Kehle zusammenschnüren. Trotzdem geht die Natur (wahrscheinlich) ihren Gang: „ich spür ihre / schönschwarzn fühler ich will mein / schöngelbes loswern“. Sie Wespe, er Wespe, das Schöngelbe loswerden, Thomas Kling trug in jenen Tagen häufig gelbe Hosen, auch den schwarzgelb geringelten „Wespenpullover“, wie überhaupt die Wespe so etwas war wie sein „Wappentier“.
Noch komplexer das zweite Gedicht, das ich hier einmal ganz zitiere:


ratinger hof, zb 2

[...] UNTERM -ZERHACKER das schuhe zertanzn;
sorgfältig epilierte wadn vor den boxn
bockbierflaschen; das das zerhackn;
mitteilung aus dragée pupillen, -häute,
dezibelschübe; verunglückte mitteilung
durch milchglas, na ja, rasierte muschi,
dezibelschübe, das lichtzerhackn die die
zertanzer in ihren >>stiefel-muß-sterm<<-
stiefeln
walzer heißt pogo! vulkan fiber
wieder PVC! merkts euch! ihr säcke mit
den verrrutschten kathetern mit den ein
gewachsnen unlackierten mit den den
nägeln an den zehen an spitzfüßn an bettlägerigen
innen drin im altnkrnknheim
    (achso mit-
teilung durchtrennscheiben - nichts mehr
aus dragéepupilln aus tablettenhand aus
pferchhäutn aus mehligem zahnfleisch hinter
infarktlippn; doch eines noch ihr verd
verdun ihr verdunblick ende der durch
sage (dezibelschübe, gezupfte brauen,
unter der der lichthacke das das zertanzn
[...]
 
Der Text besteht aus vier Teilen, a) ein Genrebild des Ratinger Hofs: Tanz, Pogo, Springerstiefel, b) die damit verbundene Kampfansage an die Alten: „walzer heißt pogo! […] merkts euch! ihr säcke [..]“, c) in Klammern: das aktuelle Schicksal der Alten im Altenheim, d) Conclusio in Versalien. Das Interessante daran ist, dass der Inhalt der einzelnen Blöcke sukzessive miteinander verflochten wird. Der erste Part gibt zwei Motivlinien vor, einmal die visuelle Wahrnehmung, bzw. ihre Zerstörung oder zumindest Fragmentierung: das „Zerhacken“. So auch: „lichtzerhackn“, „zertanzer“, daneben taucht das Auge selbst auf mit „dragée pupillen“, „reißende iris“. Die zweite Linie ist akustisch-kommunikativ: „dezibelschübe“, „mitteilung“, „verunglückte mitteilung durch milchglas“.

Mit der aggressiven Ansage an die Alten, die nichtsdestotrotz gleich das Bild dieser Alten, der bettlägerigen Bewohner des Altersheims evoziert, tauchen ein und dieselben Metaphern wieder auf: die „mitteilung durch trennscheiben“ dringt hier nicht mehr durch Drogennebel oder den Auswurf der Nebelmaschine, sondern es sind echte Milchglasscheiben, die das Licht sieben, abmildern, aber auch das Elend verbergen sollen. Auch hier „dragéepupilln aus tablettenhand“, doch nun ist es keine freiwillige Form der Sedierung mehr: irgendwann erwischt es jeden...

Der „reißenden Iris“ einer wahrnehmungsgepeitschten Jugend korrespondieren nun die „infarktlippn“ und der „verdunblick“, nämlich das „ende der durch/sage“. Nicht nur, dass hier Tod und Drogenrausch parallelisiert werden – das Leben dazwischen nur ein kleiner Zeitschritt im Grunde –, der etwas unvermutet auftauchende Kriegskontext markiert eine generelle „Ausweitung der Kampfzone“, Flak und Flashlight, „Lichtzerhackung und angeknipste Verdunvision“. 

Im Nachgriff versteht man die eigentümlich verklausulierte Beschreibung der Springerstiefel als „`stiefel-muß-sterm´-stiefel“, welche die Kriegsrealität in Gesellschafts- und Szenealltag einspeisen. Das in Versalien gesetzte Resümee ist dann wahlweise auf die Drogen- und Alkoholopfer der Nacht ebenso wie auf die siechenden Insassen der Geriatrie zu beziehen. Klings Gedicht reicht damit weit über die Ratinger-Hof-Szenerie hinaus, verlängert sie in einen historischen Raum hinein.

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