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Enno Stahl: Ratinger Hof - Thomas Kling und die Düsseldorfer Punkszene

Nebst einem Interview mit Carmen Knoebel und Franz Bilemeier

Selbst der dritte Text, der noch am ehesten eine 1:1-Beschreibung des Geschehens abzugeben scheint, vernetzt eine heterogene Vielfalt von Bezügen und poetischen Verfahren:


ratinger hof, zettbeh (3)

    >>o nacht! Ich nahm schon
    flugbenzin..<<

nachtperformance, leberschäden,
schrille klausur
  hier können sie
anita berber/valeska gert besichtigen
meine herrn .. kann aber in s auge gehen
stimmts outfit? das ist dein auftritt!
[…]
>>süße öhrchen<<, ohrläppchen metallverschraubt
beschädigtes leder, monturen, blitze,
beschläge, fischgröt ium parallel-
geschiebe; sich überschlagendes, -lapp
endes keckern […]

Neben der „Fusion von Wörtern zur Steigerung der Sinn-Komplexität“, den „unregelmäßigen Wiederholungen längerer und kürzerer rhythmischer Einheiten“, gebildet aus „zweihebigen Komposita“ und durch „vierhebige Adjektiv-Subjektiv-Kombinationen“, weist das Gedicht auch eine ausgeklügelte, akustische Dramaturgie auf mit hellen, dunklen oder auch hell-dunkel gemischten Vokalfolgen, Binnenreimen und Homophonien.  In seiner komplex verfugten Ebenentektonik inszeniert und verschriftlicht sich eine „komprimierte Oralität“ , die allerdings nicht Zentralelement dieser Texte ist: Hermann Kinder hat Recht, wenn er sich gegen die Überbetonung der Mündlichkeit in der Rezeption von Klings Poesie wendet. Denn angesichts ihrer „hoch verdichteten Bezüglichkeit“ ist die lautsprachliche Präsentation verkürzend. Selbst einzelne Worte wie „yachtinstinkt“ bieten ganze Bündel von Assoziationsmöglichkeiten. Auch literarisch-historische Querbezüge tauchen auf, die gelesen sein wollen: das Eingangszitat wandelt etwa eine Zeile aus Gottfried Benns „Oh Nacht“ ab. Valeska Gert und Anita Berber, die hier genannt werden, waren so genannte „Grotesktänzerinnen“ während der Weimarer Republik,  diese Sentenz ist also als ironischer Kommentar zu übertriebenem Ausdrucksbemühen auf der Tanzfläche zu verstehen.

Klings Darstellung des „Hof“-Geschehens ist in allen Texten auf die ein oder andere Weise eher ‚nachtleben-kritisch’, changierend zwischen Spott und historischem Relativismus.

Streng genommen haben also der Ratinger Hof, und was er – sagen wir ruhig: kulturgeschichtlich bedeutet – und Thomas Kling nicht allzu viel gemein: natürlich lag die lyrische Beschreibung gerade dieser Szenekneipe für Kling nahe, aus biographischen wie aus taktischen Gründen.

Dennoch stimmt es aber wohl nicht, dass der Ratinger Hof allein als Fußnote in den Anmerkungen zu Beuys, Immendorf, Mittagspause, Fehlfarben und eben Kling überleben werde, wie Hubert Winkels mutmaßt. Denn Pop-Orte wie dieser bewahren ein Eigenleben in der Erinnerung zahlreicher Menschen, die hier ihre spezifische Sozialisation erfahren haben. Das Gedächtnis ist eine Kraft, die man nicht unterschätzen sollte, mitunter hält es lange an. Vielleicht ist es irgendwann erstaunlicher Weise sogar umgekehrt: dass Thomas Kling als schwieriger Lyriker, in einer Zeit, die nach Simplifizierung lechzt, gerade auch durch den Erinnerungsraum Ratinger Hof überdauert.

Dieser Text (ebenso die folgenden Interviews) erschien erstmalig in:
D. Matejovski, M.S. Kleiner und E. Stahl (Hg.): Pop in R(h)einkultur. Oberflächenästheitk und Alltagskultur in der Region, Essen: Klartext Verlag 2008. Dort auch alle Belege.

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