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Ingrid Hein: Ingrid Bachér zum 75. Geburtstag am 24. September 2005

Ingrid Bachér hat einen ‚runden’ Geburtstag!
Ingrid Bachér hat einen ‚runden’ Geburtstag! Gedanken und Dank an einen Tag glücklichen Lebensbeginns zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche, zugleich Herbstbeginn, Balance und Bilanz, Ernte und Endesanfang.

Seit ihrem “Tagebuch einer Annäherung: Sieh da, das Alter“ (2003) hat sie uns, ihren Lesern, wohl erlaubt, ihr Alter – bei Damen sonst als ungalant verschwiegen - zu erwähnen.
75 Geburtstage sind ihr erlebtes Leben geworden, nun wünschen wir ihr zum jüngsten Glück: tanti auguri!

Freilich, wir Leser nahen nur mit leeren Händen zum Festtag – andere mögen sie mit Ehren und Gaben bedenken - , gleichwohl mit vollem Herzen, weil wir Freunde ihrer Bücher werden konnten.

All ihre jetzigen Leser, selbst die jüngsten, sind wie die Autorin noch im vorigen Jahrhundert geboren und erleben in ihrem Werk mehr oder minder mit ihr gemeinsame Zeitgenossenschaft und Raumerfahrung, Fluchtpunkte in unsere Vergangenheit aus einer unheimlich vertrauten Erzählperspektive.
Ihre Biografie, geografische und familiäre Herkunft, Bildung, Reisen, Wohnorte, menschliche und künstlerische Begegnungen, Zeitgeschichte – soweit aus verlegerischen Angaben und ausführlicher erst aus ihrem Buch zum Alter entnehmbar – gehen in ihre Romane und Erzählungen ein. Aber sie schreibt, anders als viele Schriftstellerkollegen ihrer Generation, ihr Leben nie memoirenhaft aufdringlich stilisiert ab. Sie veröffentlicht früh (ab 1958), erhält positive Rezensionen, bald Literaturpreise und Förderstipendien, gehört zur Gruppe 47, zum P.E.N., dessen kritische Präsidentin sie 1995/96 wird, zuletzt Vorsitzende der Düsseldorfer Heinrich Heine-Gesellschaft.

Hör-, Fernsehspiele, Filme, Erzählungen, Romane umfasst ihr Werk, alles, bis auf den Roman über Vater und Sohn Storm, in ihrer Gegenwart angesiedelt. Leben, Themen, Probleme der letzten Jahrhunderthälfte verarbeitet sie. Dennoch ist sie keine Trendbuchautorin oder Modeschriftstellerin. Die plakative, publikumswirksame Betroffenheitsliteratur (Erlebnisse aus Vorkriegs-, Kriegs-, Nachkriegszeit, Vertreibung, Flucht, NS-Zeit, Holocaust, Generations-, Geschlechterkonflikte, feministische Traumata) bedient sie nicht. So bleibt sie auch in den Besprechungen über die moderne junge schreibende Frauengeneration fast unerwähnt.

Nimmt man ihr „Sieh da, das Alter. Tagebuch einer Annäherung.“ als eine Summa, eine Rechenschaft über einen Lebensstandpunkt, argumentierend aus autobiografischen Erfahrungen sowie theoretischen und emotionalen Erwägungen in nicht fiktional gemeinter Schreibweise, und liest daraufhin einige ihrer fiktionalen Bücher in chronologischer Erscheinungsfolge neu, so erscheint sich ihr Verfahren prosaischer Erzählweise zu erschließen.
Ich kann und will naturgemäß nur meine Lesart ihres Stils wiedergeben.
Zuallererst hat mich fasziniert, dass sie eine Urenkelin Theodor Storms ist, die Erbin seines Erzähltalents, wie modifiziert auch immer. Seine Fabulierkunst, seine Novellentechnik, seine Erzählrequisiten, denke ich beim Lesen ihrer Geschichten, sind in den Texten der Nachfahrin wie ein Palimpsest unterlegt.
Als kritische Hommage an ihn ist ihr Roman „Woldsen oder Es wird keine Ruhe geben“ (1982) geschrieben, worin sie sich themengemäß als auktorialer Erzähler mit einem leicht historisierenden Stil gibt.

Überwiegend lässt sie sonst aus der Perspektive einer ‚zweiten’ Person erzählen und hält eine Distanz – räumlich, zeitlich, personell – zum Hauptgeschehen ein.
Sie beobachtet und schildert genau, so die Strandlandschaft der Ostsee, die hanseatischen Kaufmannsvillen, die Niederrheinebenen mit Kleinstadt- und Gartenanbausiedlungen, den italienischen touristischen Seebadeort und sein kulturell geprägtes Hinterland.

Gast, Kind, Übersetzerin, Schauspielerin, Fremde oder aus der Fremde Wiederkehrende ist sie in diesen Außen- und Innenräumen, oft in Randposition oder Wartestellung bei einem Zwischenaufenthalt.

Ihr Personal, nur mit Einzelhinweisen auf physische, gestische Unverwechselbarkeit, auf zughörige Kleidung skizziert, wird im Laufe ihrer Veröffentlichungen größer, die Schauplätze weiter, die epische Form komplexer, die verhandelten Themen vielfältiger. Als Grundtenor gilt: in allen Diskursen wird Kommunikation gesucht: Annäherung zwischen Gruppen, Liebe und Nähe bei Paaren. Eine Erzählerin der Liebesarten ist sie: Kinderliebe, Bruderliebe, Freundschaft, Gattenliebe, Beziehungen zwischen Freunden, Freundinnen, Vater und Sohn mit allen Spielarten der Herrschsucht, Eifersucht, Abhängigkeit, Treue, die sie facettiert und nie kühl und herzlos darstellt. Aber erfüllte Innigkeit wird gar nicht, nur zeitweilig, außerhalb des Erzählschlusses oder in der Erinnerungsvergangenheit erreicht.

Es gibt bezeichnenderweise Übersetzungsprobleme, die Krankheit der Aphasie, oder der Geheimcode, die Grammatik zwischen den Liebenden ist vergessen, ironisch wird auf einem Übersetzerkongress Wortschatzverminderung als Verständigungshilfe vorgeschlagen.

Über Tagebuch, chronikartige Einschübe, Spielkartenauslegung erhoffen sich die Personen Aufschluss und Einfluss über- und aufeinander. Versenkung und Eintritt in alte Portraits, in frühere Wohnungen, Verschränkung von Lebensphasen und Zeitebenen zwischen Lebenden und Verstorbenen lassen Figuren jenseits unserer Empirie entstehen, die in einer mehrdimensionalen Darstellung ihrer All- oder Ganzzeitigkeit am ehesten Versöhnung, Verschwisterung und Verbundenheit gelingen lassen.

Vielleicht ist „Nergena“ das Schlüsselwort für diese Erzählweise. In „Morgen werde ich fliegen“ (1979) erfindet die Dichterin einen Flugapparat, zunächst für Kinder, der den Menschen Überfliegen und Übersicht ihrer am Boden uneinsichtigen Lebensverhältnisse erlaubt, ebenso glückliches, unbeschwertes, freies Miteinander-in-der-Schwebe-Sein. Aber für die Hochfliegenden gegenseitig wie die überflogene Welt gilt Distanz, verhaltene Nähe: NERGENA – Nirgendnah, so der Name eines Grenz- und Heimatdorfes in dieser Erzählung.
Das ist, was wir in der Kunst den ästhetischen Abstand nennen.