Lesesaal > Essays > Beitrag
Weitere Beiträge
  • Max von der Gr√ľn: Als das Revier noch r√ľhrt

    Ein Porträt von Wolfgang Delseit
    [12.12.2017]
  • Carmina Buerana. Ein Nachruf auf Michael Klaus

    von Gerd Herholz
    [12.12.2017]
  • Eberhard Illner: ‚ÄěK√∂nig Dampf‚Äú. Fr√ľhindustrialisierung und Literatur im Rheinland

    Vortrag, gehalten im Heine-Institut am 9.12.2008
    [12.12.2017]
  • Simon Peters: ‚ÄěEin K√∂nigreich aus Worten‚Äú

    Rose Ausländers poetische Sprachutopie
    [25.11.2017]
  • Tafelausstellung geht auf Wanderschaft
    [24.11.2017]
  • Matthias Bickenbach: Thomas Kling zu ehren

    Dichterfeier am Totensonntag
    [21.11.2017]
  • Pilar Baumeister: Pilar Baumeister: Die literarische Gestalt des Blinden im 19. und 20. Jahrhundert, Auszug II

    Offener Konflikt zweier Gruppen: Gert Hofmanns
    [21.11.2017]
Backlist
Alle bisherigen Beiträge finden Sie in unserer Backlist.

Zu den Netz-Datenbanken von RLA und WLA

Seite 1 von 2 | weiterweiter

Jakob Kneip (1881-1958)

Ein Porträt von Wolfgang Delseit

Sucht man in Literaturgeschichten nach dem Namen Kneip, so sucht man meist vergeblich. Wenn sein Name erw√§hnt wird, dann fast nur im Zusammenhang mit der Gr√ľndung der Werkleute auf Haus Nyland und f√§lschlich als Mitherausgeber ihrer Zeitschriften Quadriga und Nyland. Kneips schriftstellerisches Schaffen geh√∂rt jenem breiten literarischen Mittelfeld an, in dem sich zumeist die Vertreter einer regional oder konfessionell gebundenen Literatur befinden. Abgesehen von ersten literarischen Versuchen bei den Werkleuten blieb Kneips Werk seit den 20er Jahren konfessionell auf die katholische Dichtung, regional auf die Hunsr√ľcker Dorfidylle und personell auf die Glorifizierung des Bauernstandes beschr√§nkt - und dies alles, ohne dabei gro√üe Auflagenzahlen zu erreichen. Als Mensch und Schriftsteller war er ein Kauz, einsam und wortkarg; jemand, der kaum f√ľr eine Zeitung oder Zeitschrift t√§tig war. "Die Zahl seiner B√ľcher ist gering und so ist es nicht verwunderlich, da√ü erst eine kleine Schar seinen Namen kennt", schrieb der Literaturkritiker Kurt Offenburg 1922 in Der Hellweg. Daran sollte sich weder in der Folgezeit noch nach dem Tode Kneips etwas √§ndern. Innerhalb des Literaturbetriebes blieb er, trotz aller Versuche sich durchzusetzen und vielf√§ltiger Kontakte zu Schriftstellerkollegen, ein Au√üenseiter, fast ja ein Sonderling.

Aufgewachsen im Hunsr√ľcker Dorf Morshausen, sozialisiert innerhalb einer festgef√ľgten b√§uerlich gepr√§gten Gemeinschaft, in der Ordnung und Gottesf√ľrchtigkeit die Eckpfeiler der menschlichen Existenz bildeten, f√ľhlte sich Kneip zeitlebens seiner Herkunft verpflichtet. In der autobiographischen Notiz Spiegelbild im Traum (Rheinischer Merkur, 1946) bekannte er sich zu den "Br√ľdern auf der Scholle". Die h√§ufige Aufwertung der d√∂rflichen Idylle bei gleichzeitiger Abwertung des st√§dtischen Lebens dominiert in seinen b√§uerlich-gepr√§gten Romanen und Erz√§hlungen als Gegensatz von Gut und B√∂se, weshalb er nicht zu Unrecht h√§ufig als Heimatschriftsteller tituliert wurde. Doch ist die Landschaft zwischen Rhein und Mosel f√ľr Kneip nicht nur idyllischer Gef√ľhls- und Erinnerungsbesitz, sondern - in Ans√§tzen - auch Ort realistischer Betrachtungsweisen menschlicher, vor allem b√§uerlicher Existenz. Alle g√§ngigen, der Heimatliteratur zugeordneten literarischen Themen fanden Eingang in sein Hauptwerk, ein Priesterroman "unserer Zeit" (Porta Nigra, Teil 1; Feuer vom Himmel, Teil 2; Der Apostel, Teil 3), der auch Auskunft √ľber Kneips dichterisches Verst√§ndnis gibt. Kneip empfand sich nie als Schriftsteller oder Literat; er wollte Dichter sein, Prophet, Seher, Mahner und Richter, wollte als Beauftragter Gottes Zeugnis in seiner Zeit √ľber seine Zeit ablegen - diese Einstellung behielt er bis zu seinem Tod bei.


"Von dem Dichter aber wird heute und immer zu fordern sein, da√ü er √ľber die Formung seines Werkes mit sich selber zu Gericht geht, da√ü es ihm erlaubt, ja geboten ist, in Zeiten der Verwirrung und Entscheidung als Mahner, Bekenner, Prophet und Richter vor sein Volk, seine Mitmenschen zu treten und in h√∂chster Verantwortung vor den Menschen und vor seinem Gott das auszusagen, was den Einzelnen wie die Gemeinschaft aufr√ľttelt und zu Tat oder zur Umkehr zwingt."


Kneip wurde am 24. April 1881 im Dorf Morshausen (Kreis St. Goar) im Hunsr√ľck als zweites Kind des Bauern Johann Josef Kneip (1834-1915) und seiner Frau Elisabeth Ludovika, geb. Windh√§user (1844-1909), geboren. Nach dem Besuch der Volksschule im heimatlichen Dorfe, wo er durch den Pfarrer im Privatunterricht auf das Gymnasium vorbereitet wurde, beendete er seine Schullaufbahn 1902 mit dem Abitur auf dem Kaiserin-Augusta-Gymnasium in der nahen 'Gro√üstadt' Koblenz. Dem Wunsch der sehr religi√∂sen Eltern und der Empfehlung des Dorfpfarrers folgend schrieb sich Kneip im katholischen Seminarium Clementium in Trier ein, um zum Geistlichen ausgebildet zu werden. Doch der bis dahin sehr angepa√üt und unauff√§llig agierende Kneip f√ľgte sich erstmals nicht der v√§terlichen Regel, sondern verlie√ü das Trierer Seminar nach nur einem Semester, um sich im Wintersemester 1902 an der Universit√§t Bonn, erst in den F√§chern Alte Sprachen und Geschichte, sp√§ter dann Neuere Sprachen und Germanistik, einzuschreiben. Der dabei entstehende famili√§re Dissens zwischen Kneip und seinem Vater konnte bis zu dessen Tod 1915 nicht behoben werden. Sein Studium wurde von mehreren Auslandsaufenthalten unterbrochen, von welchen ein Besuch Londons von 1902 bis 1903 der l√§ngste war.

Noch sehr desorientiert und unsicher ob seiner Zukunft und seines beruflichen Werdegangs trat Kneip im Winter 1903 in Kontakt zu Mitgliedern der "Akademischen Vereinigung zur F√∂rderung von Kunst und Litteratur", die an der Universit√§t Bonn von kunstsinnigen Studenten gegr√ľndet worden war. In der von dem Literaturprofessor Oskar Walzel gef√∂rderten Gruppe lernte Kneip den Philologiestudenten und Vorsitzenden der Vereinigung Wilhelm Vershofen (1878-1960) und den Studenten der Zahnmedizin Josef Winckler (1881-1966) kennen. Gemeinsam legten sie 1904 den Detlev von Liliencron gewidmeten Gedichtband Wir drei! vor, der bei allen dreien den Beginn der literarischen Karrieren darstellte, die bis in die Mitte der zwanziger Jahre gemeinsam gestaltet werden sollte. - Doch zwischen dem Erfolg des Lyrikbandes und der weiteren literarischen Arbeit vergingen acht Jahre, in denen die drei Jung-Schriftsteller sich dem Auf- und Ausbau ihrer b√ľrgerlichen Existenz widmeten: Vershofen, der sein Studium bereits 1905 abschlo√ü, ging nach Th√ľringen, um sich in der Jenaer Porzellanindustrie einen Namen als √Ėkonom zu machen, Winckler lie√ü sich 1907 als Knappschaftszahnarzt in Moers und Homberg nieder und Kneip, der 1908 sein Staatsexamen ablegt hatte - die geplante Dissertation √ľber den britischen Schauspieler und Dramatiker David Garrick (1717-1790) wurde nicht verwirklicht -, ging als Lehramtskandidat nach Fulda. In den n√§chsten Jahren f√ľhrte Kneip berufsbedingt ein Wanderleben: Lehramtskandidat in Limburg (1909; Probejahr), Wissenschaftlicher Hilfslehrer in Bad Ems (1910), Lehrer am Realgymnasium Wiesbaden (1911), Hilfslehrer an der Realschule Diez an der Lahn (1912) und schlie√ülich Studienrat an der Oberrealschule mit Realgymnasium in K√∂ln, wo er 1929 - nach l√§ngerer Krankheit - in den Ruhestand versetzt wurde. Er war nicht gl√ľcklich in der geistigen Begrenztheit seines Berufs und seiner Lehrerkollegen, weshalb er die Pensionierung √ľberschwenglich begr√ľ√üte. Von nun an wirkte er als freier Schriftsteller - ohne allerdings sonderlich erfolgreich zu sein.

Am 1. Juni 1922 heiratete Kneip in Bonn Ida, genannt "Inge", Neukranz (1889-1961) - die Ehe blieb kinderlos. Kneip war zuvor schon einmal in Koblenz verlobt gewesen. Seine im Sommer 1919 mit der Industriellentochter Frieda Stock geschlossene Verlobung wurde nach nur wenigen Monaten wieder gel√∂st. Inge Kneip blieb zeit ihrer Ehe ohne gro√üen Einflu√ü auf die berufliche und k√ľnstlerische Entwicklung ihres Mannes.

1912 trat Kneip - nach 1904 - erstmals wieder in die √Ėffentlichkeit - anonym. Zu Ostern trafen sich Winckler, Vershofen und Kneip im K√∂lner Gasthof "Zur ewigen Lampe", um jene Vereinigung zu gr√ľnden, die in Deutschland die Besch√§ftigung mit der Industrie und dem industriellen Fertigungsproze√ü zum literarischen Gegenstand erkl√§rte: die Werkleute auf Haus Nyland. Weitere literarische Erfahrung nach 1904 hatten nur Vershofen, der in Jena die politischen "Viertelsjahreshefte f√ľr Kultur und Freiheit" redigierte, und Winckler sammeln k√∂nnen, der sowohl unter seinem Namen als auch unter verschiedenen Pseudonymen kleinere Erfolge erzielt hatte. Kneip, der seit 1904 weitere Gedichte verfa√üt hatte, fand keine Publikationsm√∂glichkeit, so da√ü seine Gedichte nur im Freundeskreis diskutiert wurden. W√§hrend Winckler Kneips Ans√§tze lobte, erntete er von Vershofen teils harsche Kritik. Bei den Werkleuten erhielt Kneip den \'Feinschliff\' seiner lyrischen Ambitionen. Winckler und Vershofen machten Kneip zum ersten Mitarbeiter der seit Sommer 1912 herausgegebenen Zeitschrift Quadriga, die als Vierteljahresschrift der Werkleute auf Haus Nyland bis 1914 erschien und in der die Beitr√§ge anonym abgedruckt wurden. Seine im ersten Heft der Quadriga erschienene Dichtung "We clamb the hill thegither" beginnt mit den Zeilen:

"Ich komm' aus einem d√ľstern Land
Wo meiner Väter harte Hand
Jahrhundertlang gef√ľhrt den Pflug
Und wo der Frauen stummer Zug
Allmorgentlich die Kirche f√ľllt."


Schon hier deuten sich die thematischen Komponenten des gesamten Kneipschen Werkes an: der Hunsr√ľck, die b√§uerliche Herkunft und die Religiosit√§t - Kneip verk√∂rpert bei den Werkleuten die Verbindung von Zeitgeist und b√§uerlich-gl√§ubiger Lebenswelt aus der starken Innigkeit seines individuellen Glaubens.

Insgesamt veröffentlicht Kneip nur drei Dichtungen in der ersten acht Heften; in der von 1918-1921 von Winckler und Vershofen herausgegebenen Quadriga-Nachfolgerin Nyland erschienen gar nur zwei Veröffentlichungen. So sehr es den beiden Herausgebern gelang, die Gruppe zum Sprungbrett ihrer literarischen Karrieren zu funktionalisieren, so wenig konnte Kneip daran partizipieren. Ihm fehlte, wie Winckler einmal feststellte, das "Talent zur höheren Marktschreierei", sprich: Selbstvermarktung.

Doch stimmt dies eben nur zum Teil: Als bedeutendes Hemmnis erwies sich auch Kneips Verh√§ltnis zu Vershofen - Winckler mu√üte zwischen beiden wiederholt vermitteln -, in dem sich Vershofen als der St√§rkere, der Skrupellosere, erwies, dem es gelang, Kneips literarische Entfaltung mehrfach zu behindern (hiervon legen die √ľberlieferten Briefe beredtes Zeugnis ab). Dennoch war die Gruppe f√ľr Kneip ungeheuer wichtig: Bei den zahlreichen Tagungen und Gruppentreffen lernte er verschiedene Maler, Schriftsteller und Verleger kennen, zu denen er freundschaftliche Beziehungen entwickelte. Neben dem K√∂lner Maler Franz M. Jansen (1885-1958) war es besonders der Schriftsteller Gerrit Engelke (1890-1918), den er 1914 in K√∂ln kennengelernt hatte. Kneip f√ľhlte schon beim Lesen der Gedichte, die im letzten Heft der Quadriga unter dem Titel Dampforgel und Singstimme ver√∂ffentlicht wurden eine, - wie er schrieb - verwandte Seele sprechen. Kneip erm√∂glichte Engelke einen mehrmonatigen Aufenthalt in seinem damaligen Wohnort Diez. Nach dem fr√ľhen Tod Engelkes verwaltete Kneip dessen literarisches Erbe bis in die vierziger Jahre hinein: Mit zahlreichen Erinnerungsbeitr√§gen suchte er das Andenken an den Freund zu bewahren. Kneip besorgte zudem eine Nachla√üausgabe mit Gedichten und eine Briefausgabe.

Dar√ľber hinaus gelangen Kneip bei den Werkleuten noch drei selbst√§ndige Ver√∂ffentlichungen: Unter dem Titel Bekenntnis f√ľgte Kneip den bereits 1904 in "Wir drei!" erschienenen Gedichten 1917 einige neue, vor allem autobiographisch gef√§rbte hinzu, die als dritter Band der Nyland-B√ľcher im Insel-Verlag erschienen. Jugend und Heimat bilden die Grundt√∂ne und -themen dieses ersten selbst√§ndigen Werkes Kneips, wobei die Wiedergabe stark sinnhafter Eindr√ľcke dominiert. Zwei Jahre sp√§ter konkretisierte sich Kneips religi√∂se Dichtung, die in Zukunft bestimmend f√ľr sein Werk bleiben sollte. Als der "Nyland-Werke vierter Band" erschien im renommierten Eugen Diederichs-Verlag, bei dem die Werkleute seit 1917 publizierten, erschien "Der lebendige Gott. Erscheinungen, Wallfahrten und Wunder". In naiver, stellenweise fast barocker Art konzeptionierte Kneip hier seine Heiligenlegenden, die vom sakralen Kult katholischer Religiosit√§t beeinflu√üt sind. Es zeigt sich, wie sehr Kneip seit seiner Kindheit von den kirchlichen procederes beeindruckt wurde. Dies deutete sich beireits in der dritten, zeitlich fr√ľheren Schrift an, die Kneip gemeinsam mit Winckler und Vershofen als "Kriegsgabe der Werkleute auf Haus Nyland" verfa√üt hatte: "Das brennende Volk" - Kneip ver√∂ffentlichte darin Kriegsgedichte unter dem Titel "Ein deutsches Testament".

Wie Heinrich Lersch (1889-1936) und Winckler - allerdings weit weniger erfolgreich - beteiligte sich Kneip an der Legitimierung des I. Weltkrieges. Seine Kriegslyrik ist durch religi√∂se √úberh√∂hung des Kampfes und der Gemeinschaft gekennzeichnet: eine Beschw√∂rung des heiligen Verm√§chtnisses der Toten des gro√üen Krieges an die √úberlebenden und Lebenden, hymnische Prosa in 35 Aufrufen, kraftvolle Bibel- und Prophetensprache, verhei√üungsvolle Prophetie, ein geh√§mmerter erzner Klang (Hajo Klein). Kneip sp√ľrt den Krieg als elementaren Aufbruch des deutschen Volkes zu Gott, als heiligen Krieg. Er wertete den Krieg nicht als Ausdruck fortschreitender Technisierung, sondern als Vereinigung von Kunst, Glauben und Leben, als zeitgen√∂ssisches Ereignis, das gestaltet werden mu√üte. Dieses propagandistische Engagement zur Unterst√ľtzung des I. Weltkriegs lie√ü ihn ebenso wie seine b√§uerlichen Erz√§hlungen f√ľr die Nationalsozialisten geeignet erscheinen, nach 1933 zu einem Repr√§sentanten ihrer Kulturpolitik gemacht zu werden, zumal er die Gedichte 1935 in einem schmalen B√§ndchen wiederver√∂ffentlichte. Ein √úbriges taten Verse wie die folgenden, die im Bekenntnis erschienen sind und die Franz Alfons Hoyer 1939 als "ein Blut-Bekenntnis zu dem Boden, der ihn geschaffen, zu der Heimat, die ihn gehalten" hatte, bezeichnete:


"Wenn hinterm Pflug ich in der Furche ging,
Der Himmel √ľber mir voll Lerchen hing,
Mein Ackerland
Lag blauumspannt
Vom Horizont der Welt:
Wie schritt ich hoch!
Wie f√ľhlt ich auserlesen mich bestellt!"


Die Kontroversen zwischen Vershofen und Kneip, in die Winckler st√§rker als gewollt einbezogen wurde, f√ľhren schlie√ülich zum Austritt Kneips aus der Vereinigung, die er gemeinsam mit Lersch vollzog. Mit Vershofen sollte er bis zu seinem Lebensende nur noch selten Kontakt haben; doch seine Freundschaft zu Winckler blieb - obwohl h√§ufig angespannt - erhalten. Im Gegensatz zu Winckler oder Vershofen ging Kneips Engagement f√ľr den Krieg √ľber ein nur propagandistisches hinaus: Am 15. Dezember 1915 wurde Kneip als Kriegsfreiwilliger beim Train-Bataillon No. 16 in St. Avold angenommen, doch bereits im Mai des folgenden Jahres - ohne Fronteinsatz - zur weiteren Verwendung im Schuldienst aus dem Heer entlassen. 1917 wurde er eingezogen und als Mitglied des Presseamtes in die Dolmetscherschule Berlin versetzt.

Kneips Einstellung dem Krieg gegen√ľber √§nderte sich erst 1917, als er in Berlin mit den Kriegserlebnissen von Freunden konfrontiert wurde. Im Dezember 1917 schrieb er an Winckler:


"Krieg gegen den Krieg! Denn f√ľr die M√§chtigen ist dieser Krieg ja nur der Weh zum Gl√ľck, u[nd] nur die Armen, Schwachen, \'Untergebenen\' m√ľssen sich opfern... Ich bin in diesem Krieg radikaler Demokrat geworden [...] Wir m √ľ s s e n gegen diese brutalen Unterjocher angehen die mit der Vaterlandspartei pp jetzt noch dem Volke seine Rechte vorenthalten und weiter w √ľ s t e n wollen."


Der Erkenntnis der politischen Bevormundung und Beeinflussung folgt aber nicht, wie etwa bei F.M. Jansen, die Radikalisierung innerhalb der Kunst. Hier bleibt Kneip im Rahmen der offiziellen, staatstragenden Vorgaben.

Das Ende des Kaiserreiches und den Beginn der ersten deutschen Republik erlebte Kneip in Berlin, allerdings ohne sich aktiv an den politischen Ereignissen des Novembers zu beteiligen. Wie viele seiner konservativen Kollegen empfand er das Kriegsende als Zusammenbruch des Deutschen Reiches, allerdings ohne dem Kaiser der Deutschen nachzutrauern. Im Gegensatz zur Vorkriegszeit - sicherlich auch bedingt durch den Einflu√ü seines Freundes Jansen - wurde Kneip in seinem Selbstverst√§ndnis politischer. Ab 1919 engagierte er sich nachhaltig f√ľr die "Gross-Deutsche Sache im besetzten Gebiet" innerhalb des sozialdemokratischen Heimatdienstes in Frankfurt. Hierf√ľr lie√ü er sich durch die SPD f√ľr drei Monate vom Schuldienst beurlauben. Teil der Politisierung Kneips ist auch, da√ü er sich in der aufkommenden Friedensbewegung mitarbeitet; 1922 lernte er deren Leiter, den franz√∂sischen Pazifisten Marc Sangnier kennen. Aus diesem Kontakt heraus konzentriert sich Kneips weiteres Engagement in den 20er Jahren vor allem auf das Rheinland. In seiner Kleinschrift An Frankreich, die 1922 erscheint, setzt er sich f√ľr die deutsch-franz√∂sische Verst√§ndigung ein; er konstatiert das Ende des preu√üischen Einflusses im Rheinland und propagiert eine "v√∂llig neue Epoche europ√§ischen Geisteslebens", in dem der Rhein "das gro√üe Misch-Bett zweier Kulturen werden" mu√ü, und warnt die Sieger von 1918 vor ungeb√ľhrlicher H√§rte gegen√ľber den Unterlegenen.

Kneip sieht die politische Zukunft der deutschen Republik in einem gesamteurop√§ischen Verst√§ndnis, an dem auch die Rheinlandbesetzung nach dem I. Weltkrieg nichts √§nderte. Im Rahmen der 1925 zelebrierten "Tausendjahrfeiern" der Zugeh√∂rigkeit des Rheinlands zum Deutschen Reich f√ľhlten sich die rheinischen Schriftsteller nicht ihrer Wichtigkeit entsprechend vertreten, weshalb sie - allen voran Alfons Paquet und Josef Winckler - sich f√ľr eine eigene, von ihnen einberufene, organisierte und geleitete Tagung einsetzten. Doch erst ein Brief Kneips an den Koblenzer Oberb√ľrgermeister sorgte daf√ľr, da√ü aus der Idee eine Tagung wurde. Kneip regte an, da√ü die Stadt Koblenz zu einer informellen Dichtertagung laden sollte. Im Juli 1926 begann das erste Treffen rheinischer Schriftsteller in Koblenz, das die Grundvoraussetzungen f√ľr den Bund rheinischer Dichter legte, der von 1927-1933 (ab 1930 als eingetragener Verein) existierte und sich auf zahlreichen Tagungen mit Problemen der Zeit und der Dichtung besch√§ftigte. Aus den Einladungs- und Teilnehmerlisten geht das au√üerordentliche Interesse der Schriftsteller an diesen Tagungen hervor, die sie jedoch zumeist als Forum der literarischen und pers√∂nlichen Selbstdarstellung benutzen: Von Kasimir Edschmid √ľber Adolf von Hatzfeld, Armin T. Wegner Winckler, Kneip und Lersch bis hin zu Carl Zuckmayer. "Ein diffenenziertes Spektrum zeitgen√∂ssischer literarischer Stile und politischer Bekenntnisse kam hier zusammen" (Gertrude Cepl-Kaufmann). Politisch nutzten die Schriftsteller den Bund zum Ausdruck ihres regionalistischen Protestes gegen den politischen wie kulturellen Moloch Berlin. Allerdings gelang es den Verantwortlichen - darunter Kneip - nicht, die konservativ starre Organisation, die von b√ľrgerlichen Feierritualen dominiert wurde, zu durchbrechen. Dazu geh√∂rte auch, da√ü die gro√üen Jahrestagungen unter ein gemeinsames Motto gestellt wurden: u.a. "Dichtung und Industrie" (1930), "Dichtung und Landschaft" (1931), "Begegnung mit dem Nachbarn" (1932).

Seite 1 von 2 | weiterweiter