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JĂŒrgen Hein: „En Handvöll Riemels“ und mehr!

Norbert Johannimloh zum 75. Geburtstag

Norbert Johannimloh zĂ€hlt fraglos zu den bedeutendsten westfĂ€lischen Autoren. Gleichermaßen ist er in seiner Mundart wie in der hochdeutschen Literatursprache zu Hause. Über die Region hinaus ist er durch Appelbaumchaussee. Geschichten vom Großundstarkwerden (1983), RoggenkĂ€mper macht Geschichten (1996) und Die zweite Judith (2000) bekannt geworden.
Besonders in den Gedichten offenbart sich die Symbolik der Dinge, GefĂŒhle und Handlungen, zuweilen mit immanenter Kritik an verkrusteten Lebensformen und in ĂŒber die RealitĂ€t hinausweisendem Deuten auf unvergĂ€ngliche Sinnhorizonte. Das bislang vorliegende Werk, darunter die vor allem auch im Norden viel beachteten Hörspiele, stellt eindrucksvoll Möglichkeiten literarisch-sensibler Wahrnehmung und Sinngestaltung sowie das Zusammenspiel von Sprache und Region dar. Es bringt ein um seine Grenzen wissendes, sie aber zugleich ĂŒberschreitendes Westfalen literarisch zum Sprechen.
Der Gedichtband En Handvöll RĂ€gen wurde bei seinem Erscheinen vor mehr als vierzig Jahren als etwas Neues in der westfĂ€lischen, ja niederdeutschen Literatur ĂŒberhaupt begrĂŒĂŸt. Er erschloß der Mundartdichtung bisher unentdeckte thematische Perspektiven und Ă€sthetische Sageweisen, deren 'ModernitĂ€t' auch heute noch beeindruckt. 1991 erschien Riete mit neuen Gedichten. Vor zehn Jahren veröffentlichte der Autor kurze, lakonische Terzette. Sind sie, da Johannimloh nach eigener Aussage seitdem kein Gedicht mehr geschrieben hat, die Endstufe des Lyrikers - oder wird sie gar das lyrische Schweigen sein?
Johannimlohs Gedichte vermitteln skizzenhafte, z. T. assoziativ verbundene EindrĂŒcke, in einer Bildersprache verdichtet, die RealitĂ€t und 'Metaphysisches' gleichermaßen sinnlich erfahrbar macht.

Buntet Lauf
Dunkle Asternglout in Oktober-Sunnen-Niewel,
de lesten Rinner blahet up de kahlen WĂ€ihen,
de wilde Wein bloutraut bis an den Giewel,
de Kinner weltert sick in buntet Lauf
un sĂ€ihet nich de Krounen aoll na SĂŒden tĂ€ihen.

Volksliedhafte Einfachheit und Ă€sthetische 'Rundung' durch Reimbindung, Strophenformen und rondoartigen Aufbau wechseln mit PrĂ€sentation von Heterogenem, 'Dunklem', Gebrochenem. Ebenso wechseln und pendeln die Perspektiven zwischen - oft lĂ€ndlicher - vertrauter Alltags- und Nahwelt, Heimat und der fernen, fremden Welt. Natur erscheint als Zufluchtsort, aber auch mit geheimnisvoller, angsteinflĂ¶ĂŸender Wirkung.
Naturbilder halten die Erinnerung an die Toten wach. Die bewohnte Natur, das 'Zuhause', die InnenrĂ€ume markieren Anfang und Ende des irdischen Lebens 'unter einem Dach'. Bilder der Kindheit, Erinnerungen korrespondieren mit EindrĂŒcken aus der Gegenwart. Heimatliches, wenn man will, WestfĂ€lisches begegnet ohne falschen Beigeschmack. Selbst Idyllisches erscheint distanziert, oft wie durch die Optik eines Mikroskopes, eines Fotoapparates oder eines Fernglases betrachtet, nicht einfach lyrisch 'ausgesagt', sondern gestaltet, zum Beispiel aus dem Bewußtsein heraus, daß der Ort der Herkunft oder des Erlebens nicht mehr der Ort des Betrachters ist.
Das Abschiednehmen und das Sprechen ĂŒber Abschied und Verlust geben der nur vordergrĂŒndig idyllischen Natur einen geheimnisvoll-dunklen Hintergrund. Aus dieser Perspektive kann das lyrische Ich sowohl den Menschen wie der Natur ins Herz sehen, kann Irdisches und Metaphysisches zwanglos miteinander verbinden.
'Banale' und 'poetische' Orte finden sich ebenso wie Reminiszenzen an moderne Malerei und Naturlyrik (Droste-HĂŒlshoff, Lenau, Mörike, Storm, Rilke, Trakl, Benn), und wie in moderner Kunst werden farbige Kontraste bevorzugt: schwarze Vögel, weiße Birken, heller Sand, rote Blumen, blauer Himmel, braune Erde, gelbe und grĂŒne Felder. Bilder sinnlicher Natur (Feldblumen, Roggen, Kartoffeln, Äpfel, Pfirsiche), LĂ€ndliches (KĂŒhe, Schweine, KĂ€fer, Fliegen) verbinden sich mit dem Menschenleben (Haus und Hausbau, Vater und Mutter, Liebe und Tod); Naturbilder (z.B. Sand, Schmetterling, Vögel, Fliegen) fungieren dabei 'konkret', als Abbilder realer Wirklichkeit, und zugleich als Metaphern fĂŒr Lebenszeit und GefĂ€hrdungen. 'Bildungsmetaphern' aus Mythologie und Katholizismus verstĂ€rken die Darstellung des Erlebens von Alter und VergĂ€nglichkeit, der deformierten Natur, der HinfĂ€lligkeit, befĂ€higen das lyrische Ich aber auch zu einer 'Trauerarbeit', die keinen Trost, aber Selbsterkenntnis bringt, daß die Natur auch die eigenen GefĂŒhle ĂŒberleben wird.
Wie im Roman Appelbaumchaussee hat der Autor sich, seine Kindheit und das Erwachsenwerden, mit in die Gedichte 'hineingeschrieben', in den spĂ€teren plattdeutschen Gedichten - unter dem Titel Riete zusammengefaßt - ergĂ€nzt durch ironisch gebrochene 'Altersweisheit', die die 'Risse' in Natur, Biographie und Geschichte wahrnimmt und poetisch zur Sprache bringt. Daß Johannimloh in der plattdeutschen Literatursprache eigene Wege geht, seine Texte in schöpferischer Wechselbeziehung zur Tradition der Naturlyrik und zur modernen Lyrik stehen, ist mehrfach hervorgehoben worden. Der Dialekt ist kein auswechselbares 'Sprachkleid', sondern entwickelt seine poetische Leistung aus seinen eigenen sprachlichen Besonderheiten.

Oase

En wiitt Blatt Papeier:
Wöiste aohne RÀgen un Dau.

En pa Reigen druppsettet.
un gleiks is dao en Saut in de Wöiste,
un gröine Palmen wasset ĂŒm den Saut,
un mollige Weiwer rejelt sick
in den schattigen Schatten.

Äis wenn du dat Wiarks
den Lektor wiss,
stellt sich harout
de Fata Morgana


Das Gedicht ĂŒber das Wagnis des Schreibens beschwört die Macht der Phantasie, zugleich weiß es um die Gefahr der SelbsttĂ€uschung. Hintersinnig wird der Lektor als Vertreter des Literaturbetriebs mit ins Spiel gebracht, der ĂŒber das Gelingen des Schreibens entscheidet und den Autor 'in die WĂŒste' schicken kann. Ein leeres Blatt, unfruchtbar wie die WĂŒste, wird zum Schreibanlaß. Wenige Zeilen entwerfen ein sinnenfrohes Oasenbild fast lĂ€ndlicher Idylle in exotischer Verfremdung. Fiktion, Kunst, dichterischer Weltentwurf wird mit „Fata Morgana“ konfrontiert; der Anspruch des Geschriebenen, der „Sachen“ („dat Wiarks“) ist zu ĂŒberprĂŒfen. Den Reiz dieses Textes bildet der Kontrast zwischen den mehrdeutigen hochsprachlichen Begriffen Oase und Fata Morgana und der sinnlich-konkreten Mundart. Überdies wird der Dialekt zum Medium der Selbstreflexion.
Daß die Mundart nicht nur auf den 'Riß in der Welt' zu deuten, sondern auch tiefgrĂŒndig Alltagsschicksal auszuloten vermag, zeigt


Bis de Dag kamm

Ähr dat he schlaopen ging,
ha he immer drÀimoaol naohsÀihen,
of die Gashahn ok tou was,

bis dann de Dag kamm,
wo he den Gashahn laosmÀik,
Ă€hr dat he schlaopen ging.

Un kÀiner ha miarket,
dat sich war Ànnert ha.


Sicherheit, ja Routine einer Alltagshandlung schlĂ€gt von einem Tag auf den anderen in Flucht aus dem Leben um. Die Schlußzeilen deuten Hintergrund und AbgrĂŒnde an - Einsamkeit und Isolation -, zugleich rĂŒcken sie durch die Formulierung „dat sick wat Ă€nnert ha“ das Einzelschicksal in die NĂ€he allgemeingĂŒltiger Aussage. Die Mundart drĂŒckt komplizierte Beziehungen knapp, einfach und eindringlich aus, weist zugleich auch auf Möglichkeiten und Hindernisse des Sprechens und der Kommunikation.

SpÀigelbield

Vomourn bi’n RasĂ€iern
Saoh ik up Àinmaoll
Dat Gesichte von min’n Vader,
Ă€s he dat leste Hous bogge
in bi’n Döisterwerde
de Kelle out de Hand lÀgg
un sÀgg:
Et wÀtt mi souer
In lester Teit. –
Dao wusste he na nich,
dat dao war ant Wassen was,
date m langsam voschmachten lÀit,
em, de siliawe so gÀrne giaten
und Baime outrieten ha. –

Ik mott mi wull
En niggen SpÀigel kaupen.
De aule is blind woarden
In lester Teit.


Das lyrische Ich will die Wahrheit der Ähnlichkeit mit seinem Spiegelbild und dem Gesicht des Vaters nicht wahrhaben, weil es an das Schicksal des Vaters und sein eigenes unausweichlich (vor)erinnert. Er will nicht 'sehen' und unterstellt dem Spiegel 'Blindheit'. Hier wird in einer lyrischen Miniatur auf eine zentrale Thematik der ErzĂ€hlbĂ€nde Appelbaumchaussee und Roggenkemper macht Geschichten angespielt.
Johannimlohs Gedichte der letzten Jahrzehnte zeichnen sich durch eine Haltung der Nachdenklichkeit aus, die auch vom Leser gefordert wird. Erreicht wird sie durch Konzentration und Knappheit der Aussage, oft auch komisch pointiert, wobei bildkrĂ€ftige und lebendeutende Situationen und Konstellationen die dialektische Verbindung von RealitĂ€t und subjektiver Wahrnehmung, NĂ€he und Ferne, menschlicher Tiefenschicht und oberflĂ€chlichem Alltagshandeln veranschaulichen. Momentaufnahmen menschlicher Psyche vermitteln gerade durch die Poesie der Mundart GlĂŒck und GefĂ€hrdung des Lebens. Daneben treten ironisch betrachtete, hintergrĂŒndig-komische Momentaufnahmen, lakonisch und spruchhaft verdichtet, nicht selten auch parabolisch und appellativ.
In aphoristischen und epigrammatischen Texten hat Johannimloh fĂŒr das Niederdeutsche die Kunst (wieder) entdeckt, fĂŒr sich selbst zu sprechen, auch im Weglassen und Verknappen, wie in den „Terzetten“.


Die Hiemel was blau,
de Rausen blöihen.
De Breif ha en schwatten Rand.

De Maond stund Ă€chtern Fensterkröiße.
Se lustere na em rĂŒawer.
He ha uphaott Aohm to halen.

He ha sin Hous Frisch indecken laoten
un de Fensters grötter maket up de Sunnenseite.
Dao dröigen se em rout met de Föite vorout.

Se han’n sick druopen bi Frönne.
He schreif Àhr schöne Gedichte.
Se was mÀhr fo Aolldags-Prosa.


Die lyrischen Texte sind thematisch und Ă€sthetisch Ausdruck einer niederdeutschen Moderne, die sowohl um regionale wie traditionelle Bindungen weiß, aber auch um die Notwendigkeit der GrenzĂŒberschreitung, ohne die mundartliche Sprachform aufzugeben. Gleichwohl noch an eine regionale Sprache gebunden, reichen sie ĂŒber den regionalen Erfahrungsraum hinaus und zeugen gerade in der Mundart von Ă€sthetischer Zeitgenossenschaft. Sie spĂŒren mit poetischer Reflexion Risse und BrĂŒche im Alltagshandeln und den oft geheimnisvollen Zusammenhang zwischen den Dingen und der Bedeutung unter der OberflĂ€che auf. Zusammenhang und Zusammenklang von Ernst und Heiterkeit, Ironie und Tragik entsprechen dem 'wirklichen' Leben, in das Biographie und Geschichte, Natur und Landschaft einbezogen sind. Hoffen wir und wĂŒnschen wir ihm zum Geburtstag, daß es kein lyrisches Verstummen des Autors Norbert Johannimloh geben wird.

JĂŒrgen Hein (Quickborn, 95. Jg., 2005, Heft 1, S. 17-22)