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Martin Hollender: “Ach, leckt mich doch am Grass und Böll“.

Rolf Bongs (1907-1981)


Kindheit und Jugend des am 5. Juni 1907 in Düsseldorf geborenen Rolf Bongs sind in vielem typisch für die Schriftsteller seiner Generation. Seit dem vierzehnten Lebensjahr in der Jugendbewegung und bereits früh publizistisch aktiv, lernt Bongs das Handwerk des Schreibens bei der „Düsseldorfer Schülerzeitung“, einem Gemeinschaftsorgan der Düsseldorfer Gymnasien. Seine gutsituierten Eltern ermöglichen ihm ein breitgefächertes geisteswissenschaftliches Studium in München, Berlin und Marburg.

1928 lernt Bongs das Werk von André Gide kennen. „Es war eine alltägliche Entscheidung: ich hatte nur noch so viel Geld, um ein Essen oder das Buch zu kaufen. Ich entschied mich für das Buch. Es war in München, in einem kleinen Antiquariat auf der Straße hinter der Universität. Fiebernd las ich die ‚Falschmünzer’, fiebernd, ohne aufzuhören.“ Zwischen Bongs und Gide entwickelt sich ein reger – und vor einigen Jahren in Paris edierter – Briefverkehr, stilbildend aber wirkt Gide nicht auf Bongs. Es scheint eher so, als habe Bongs, im Schatten des vergötterten Meisters Gide, Skrupel, eigene, größere Arbeiten vorzulegen.

Bongs war früh – und zeitlebens – ein literarischer Außenseiter, stets antizyklisch zu allen Moden des Zeitgeistes. Inmitten der Dekadenz der zwanziger Jahre bekennt er: „Am Anfang liebte ich die ‚Jungen’, denn da kannte ich sie noch nicht. Dann aber las ich ihre Bücher: sie sind mir unangenehm und auch widerlich -, wurde ihr Feind: sie sind hassenswert. Ihre Atmosphäre ist die um Dirnen und Freudenjungen, aber sie haben keinerlei Verantwortung! Sie schreien heraus, was sie taten in dunklen Nächten, aber sie können kein Werk bilden aus der Helle und Fröhlichkeit.“ Mit derlei Auffassungen, mehr aber noch mit seinem Körperkult hellenischen Geistes, mit der poetischen Verherrlichung athletischer und gestählter maskuliner Leiber wäre Bongs prädestiniert gewesen zum NS-Dichter, wieder einmal aber scherte Bongs aus: hin und wieder nur erscheint ein Bändchen mit freundlicher Naturlyrik, das wie eine reimlose Goethe-Nachdichtung daherkommt.

Literarischer Erfolg bleibt ebenso aus wie kommerzieller: die hymnischen Sportgedichte des begeisterten Leichtathleten Bongs lassen sich einzig im deutschen Olympiajahr 1936 gewinnbringend publizieren. Er arbeitet als kaufmännischer Angestellter, Sportlehrer, Werbetexter, Zigarettenhändler und Journalist, verlegt seine Dichtungen zumeist privat und verschickt „Jahresgaben“: lyrische Neujahrsgrüße für seine Freunde und Bekannte. Bongs, mittlerweile als Bibliothekar und Archivar tätig, baut ab 1941 bei der Preußischen Rheinprovinz in Düsseldorf das „Rheinische Dichter-Archiv“ auf; eine Sammlung von Werkmanuskripten, Fotos und allerlei ergänzenden Materialien zeitgenössischer Schriftsteller aus dem Rheinland - von der Quelle bis zur Mündung, von Hermann Hesse bis zu Heinrich Lersch. Bemerkenswert ist die Erkenntnis Bongs´, eine Sichtung der binnen nur gut eines Jahres eingegangenen 328 Manuskripte (von 164 Schriftstellern) sei geeignet, ein gängiges Klischee zu zerstören: „der sangesselige, sentimentale und verkitschte Rheinländer muß dem wirklichen Menschen Platz machen; das Lied vom goldenen Wein in grünen Gläsern, dem Mädchen, dem Mond, der Mittermacht – ist nicht von rheinischen Dichtern gesungen worden.“

Erst spät, gegen 1942, schlägt sich auch Bongs auf die ‚braune Seite’: kleine Essays über die „Bewährung der Kunst im Kriege“ mit den üblichen pathetischen Durchhalteparolen, aber auch begeisterte Berichte des SS-Kriegsberichterstatters Bongs aus Venedig lassen sich vorteilhaft publizieren. Der bisher so wenig Erfolgsverwöhnte greift zu und besingt für den tiefbraunen Berliner Wiking-Verlag die Bevölkerungsumsiedlungen der ‚Volksdeutschen’ aus Bessarabien. Do ut des: im selben Verlag erscheint 1942 endlich eine 147 Seiten starke Sammlung der Bongs´schen Lyrik der Jahre seit 1925...

In der Nachkriegszeit versäumte Bongs erneut den Anschluß; ihn traf das Schicksal so mancher seiner Generation: er war zu jung, um bereits mit einem geachteten Frühwerk aus den Weimarer Jahren aufwarten zu können; und er war zu alt, um neben den Newcomern der Gruppe 47 noch als Neuentdeckung gelten zu dürfen. Aber auch inhaltlich und stilistisch gelang Bongs die Karriere abermals nicht: seine Lyrik war zu realistisch, um in den fünfziger Jahren, der Ära der abstrakten Poesie, Gehör zu finden, aber sie war andererseits auch zu hermetisch und zu streng, um sich als anspruchsvolle Unterhaltungslyrik durchsetzen zu können. Kaum anders erging es seinen Romanen und Erzählungen: in unbekannten Kleinverlagen erschienen eine Handvoll Bücher, deren Bekanntheit kaum über Düsseldorf hinausragte. Vermutlich war die zumindest lokale Bedeutung, zu der Bongs gelangte, sogar überwiegend dem Umstand geschuldet, daß er seine Epik im heimischen Düsseldorf ansiedelte und den gekränkten Stolz der an Dichtern so armen Landeshauptstadt doch zumindest ein wenig zu kompensieren vermochte.

Im Juli 1947 war Bongs, in der Eisenbahn zwischen München und Frankfurt, dem greisen Gide erstmals persönlich begegnet, aber noch immer konnte sich Bongs nicht aufraffen, es Gide gleichzutun und fesselnde Romane mit Breitenwirkung zu produzieren. „Gide lehrte mich“, so Bongs, „das Schreckliche zu sehen und doch zu wissen, daß die Erde schön sei“ – mit derlei Weltabgewandtheit und trotzigem Glauben an den Sieg des Guten im Menschen reduzierte sich in den Jahren der politischen bzw. politisierenden Literatur die Klientel treuer Bongs-Leser rapide.

Das Schreiben für Brot bleibt auch Bongs nicht erspart: mit Beiträgen für Kunstkataloge, Anthologien und die Tagespresse, mit Reiseberichten, Firmengeschichten und Rundfunktexten sichert er mühsam seine Existenz, die ihm die poetischen Arbeiten mit ihrem zunehmend experimentellen Charakter nicht gewährleisten können. Die Erträge reichen für ein kleines Backsteinhaus, besser gesagt eine umgebaute Feldscheune, am Nordwestende von Düsseldorf, im linksrheinischen Lörick, eine Handbreit vom Rhein entfernt. „Ach, leckt mich doch am Grass und Böll“, murrte der resignierte Bongs, dessen unpolitische Bücher zunehmend unfreundlich rezensiert wurden.

Als die Schmerzen des Gelenkrheumatismus, eines Kriegsversehrung, übermächtig wurden, setze Rolf Bongs 1981 seinem Leben selbst ein Ende. Der Nachlaß eines Mannes, der weniger zu den vergessenen als vielmehr zu den niemals über die Grenzen des Rheinlands hinaus bekannt gewesenen Autoren gehörte, zählt heute, wie auch das „Rheinische Dichter-Archiv“, zu den Beständen – und den womöglich zu entdeckenden Schätzen – des Düsseldorfer Heinrich-Heine-Instituts.