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Matthias Bickenbach: Thomas Kling zu ehren

Dichterfeier am Totensonntag

D√ľsseldorf im November. Ins Schauspielhaus str√∂men Menschen zur "Kling-Mobilisierung". Die Matinee erinnerte und ehrte Thomas Kling (1957-2005), dessen Tod noch immer schmerzt und sein Werk zuk√ľnftigen Entdeckungen anheim gibt. Aber diese Feier tat es auf seine Weise: Begeistert.


Kennen sie Thomas Kling? Wenn nicht, warum nicht? Seine Gedichte und Spracherkundungen werden kaum jedem gefallen, sie haben wenig mit dem weihevollen, idyllischen Hauch des Gedichts zu tun, mit dem man es gerne verwechselt. Doch genau darin hat Thomas Kling das Gedicht neu definiert - als Geschmacksverst√§rker, als Sondage und Mundraum, in dem zeitgen√∂ssische Wirklichkeit, aber auch Sprache als Ged√§chtnis und Sendung ferner Realit√§t in Geh√∂r und Hirn selbst zur Sprache kommt. Und er hat sie in seinen ber√ľhmten Lesungen und Performancen, in dem, was er "Sprachinstallation" nannte, gefeiert. Dass sie dabei 'remixed' daherkommt, dass Kling die Worte auch aufschlitzt, sie zwischen Stimme und Schrift neu montiert, in schnellem, √ľberw√§ltigenden √úberraschungsangriffen, hat ihn zu einem der bedeutendsten Dichter der Gegenwartsliteratur werden lassen. Begeisterungsf√§higkeit ist vielleicht das, was sein Erbe ausmacht, die F√§higkeit, sich zu begeistern und begeistern zu lassen. Aber auch die F√§higkeit, die Geister und Stimmen des Vergangenen zu rufen und den Geist zu √ľberraschen - F√§higkeiten, die heute in den Worten von Kommunikation und Information recht n√ľchtern und unter Wert allseits gehandelt werden.

"Eine Sonntagsmatinee f√ľr einen der gr√∂√üten Dichter unserer Zeit"

Hubert Winkels, der renommierte Literaturkritiker und Freund, hat die Matinee im D√ľsseldorfer Schauspielhaus (in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt D√ľsseldorf, der Heinrich-Heine-Institut, der Stiftung Insel Hombroich und der arts-Gesellschaft f√ľr Kunst & Kommunikation D√ľsseldorf) organisiert und erinnert an ein Versprechen der Freunde: weiter im Gespr√§ch mit Thomas Kling zu bleiben. Wie dies? Totengespr√§ch? Nein, "Mobilisierung" in allen Arten der Auseinandersetzung, nicht nur der ehrenden Erinnerung, des Gedenkens, sondern des Dialogs und Schreibens mit und √ľber Kling. In der Tat lie√ü und l√§sst sich seit einiger Zeit sagen, dass die Wirkung, die Kling schon zu Lebzeiten entfaltete, in seiner Sprachmacht liegt, in einer Intensit√§t, die ihren Rhythmus und Duktus durch die Geh√∂r- in die Gehirng√§nge dringen l√§sst. Alle Rezensionen sprechen nicht nur davon, sondern damit, alle sind sie gezwungen, ihn ein wenig nachzuahmen.

An diesem Morgen des 13. Novembers wird es voll. Zahlreich str√∂men Menschen ins Foyer des D√ľsseldorfer Schauspielhauses. Helfer haben mehr und mehr St√ľhle zu holen, der Platz reicht kaum aus. Neben Honoratioren wie B√ľrgermeister und Stadtrat sind Freunde, Begeisterte und Interessierte gekommen, um die in Stationen gegen den Uhrzeigersinn organisierten Lesungen zu h√∂ren. Der offene Raum bietet alle M√∂glichkeiten jenseits des Stuhlreihendiktats. Gekoppelt mit der Idee, dass die Zuschauer der Trommel Frank K√∂llges zur n√§chsten Station nachfolgen und somit rituell wandern, entfernt sich die Veranstaltung vom Mief der Dichterlesung wie der Trauerveranstaltung und wahrt dennoch beider W√ľrde.

"Eine Kling-Mobilisierung mit Gedichten, Reden, Aufsätzen und Musik"

Klings Ruf als "Performer" l√§sst die altgewohnte Lesung - Mensch und Mikrophon vor Manuskript - nicht zu. Mit dem Schlagzeug auf der B√ľhne, mit Leinwand und Mischpult wurde auf den ersten Blick die Erinnerung an Klings eigene Lesungen wach. In sch√∂nen Dosierung wanderten Filme, Klings Stimme von den Silberscheiben, den CDs, die seine Lyrikb√§nde seit 1999 begleitet haben und die Freunde und Kollegen vor dem Auditorium, das wunschgem√§√ü somit zu Sensorium wurde. So wurde gleich zweierlei geschafft und vermieden: eine traurige Trauerarbeit, die zu Predigt und Wehmut verkommt und die Abwechslung und √úberraschung, welche die √ľber dreieinhalb Stunden w√§hrende Veranstaltung zu keinem Zeitpunkt langweilig werden lie√ü. Geschaffen wurde eine begeisternde Trauerarbeit, ein kleines Symposion oder Gastmahl im antiken Sinne und im Sinne Klings ganz sicherlich. Eine Definition und Beschreibung von dem, was f√ľr Thomas Kling das Gedicht ist, lautet:

‚ÄěDie Distanz zum H√∂rerleser, zum Leserh√∂rer. Schnellz√ľngigst, mit Stentorstimme, wie im Fl√ľsterton. Immer inszeniert, immer inszeniert spontan. Immer pr√§zis auf den Punkt mit der Stimme, mit der Schrift; immer Rhythmus und Bild h√ľbsch, in getimten Klimawechseln, abst√ľrzen lassen, um die Maschine, Sprach- und Sprechmaschine, wieder hochzuziehen. Recherche, Regie, Dramaturgie, Bildtechnik, Schnitt, Schnitt√ľberwachung, Script, Archiv, Maske, die ganze verwackelte Kameraf√ľhrung (Experimentalfilm! Under-ground!), der vom N√§seln in Knacklaute √ľbergehende, gern als irritierend empfundene Ton der Sprachinstallation: das Gedicht, paradoxes Instrument der Distanz√ľberwindung wie ‚Äďgewinnung.‚Äú (Thomas Kling: Itinerar. Frankfurt/M. 1997, S. 54)

Klings Lyrik sticht, sie sticht zu und besticht und so war die Wespe das Tier des Tages auf das sich alle Redner bezogen.

"Ein Totengespr√§ch und ein Dichterfest mit dem Rheinl√§nder Thomas Kling, geboren 1957 in Bingen, gestorben im April 2005, Raketenstation Hombroich bei D√ľsseldorf"

Neben Hubert Winkels waren mit Marcel Beyer und Norbert Hummelt, Frank K√∂llges und Hans-J√ľrgen Balmes jene dort, die seit langem mit und √ľber Thomas Kling schreiben. Sie lasen Kling und eigene Texte, einf√ľhlsam, aber unsentimental, gaben Entdeckungen und Erinnerungen preis, entf√ľhrten in die Weltsprache Literatur. Mit Anja Utler pr√§sentierte sich eine √§u√üerst spannende junge Lyrikerin, die Kling einst f√∂rderte. Denn auch das geh√∂rt zu seiner Wirkung und gewisserma√üen zum Erbe des Dichters: die F√∂rderung und Entdeckung Schreibender, die Auseinandersetzung mit J√ľngeren und Unbekannten. Die Filme von Theo Roos - ein alter "Aspekte" Beitrag - und von Detlev F. Neufert, ein ambitioniertes und gelungenes Portr√§t in Bild, Stimme, Schrift und Farbe, stellte die Intensit√§t, die Thomas Kling gab, vor Augen. Lernen konnte man dabei etliches von Klings Spracharbeit, seiner Poetik der Mischung und Erweckung der Sprache als Palimpsest und "Streu√ľberlieferung", als Botenstoff und Sendung, "weitere Avent√ľren im weiteren Sprachwechsel".

Als dann Frank K√∂llges, der Musiker und langj√§hrige Begleiter Klings auf Lesereisen und Sprachinstallationen, die "Wolkenstein Mobilisierungen" auff√ľhrte, erschien der Zauber noch einmal ganz. Das war nicht mehr nur Erinnerung, Gedenken, sondern das war der Dichter als Live-Act (so der Titel eines Statements Klings zum Dichterlesung von 1992). Nicht, dass K√∂llges Kling ersetzen k√∂nnte, das ist nicht der Punkt, sondern seine Keyboard- und Schlagzeugbegleitung zu dem Oswald von Wolkenstein erweckenden Text lie√üen die Kongenialit√§t erwachen und deutlich werden, warum Thomas Kling mit Frank K√∂llges auftrat: weil dessen "Untermalungen" exakt tun, was die Sprache Klings ausmacht, was seine Lyrik bedeutend macht. Da geht es nicht einfach um Phrasierung und Betonung, um Rhythmus und Lautst√§rke, sondern - da, mit dem ersten Ton - immer um das Ganze, einer Stimmung.

Thomas Kling hat von "Ohrbelichtung" und von "Sprachpolaroids" gesprochen und diese Metaphern sagen es: Es geht um eine Sprachmacht und Begeisterung, die in G√§nze gibt und hingibt, die es schafft, den Leser-H√∂rer einzunehmen, ihn in Anschauung zu versetzen. Das mag nicht allen und jedem gelingen - etwas "Kopfakrobatik" wird verlangt, das wird nicht jeder m√∂gen. Aber dass es m√∂glich ist und dass dies die M√∂glichkeit von Gedichten ist, diese Erinnerung und diese Macht ist das Erbe, das Thomas Kling hinterlassen hat. Und so traf voll und ganz zu, was die - hier als Kapiteltitel montierten Ank√ľndigungen - versprachen, auch in dieser, gew√§hlten Reihenfolge: "Ein Dank, Abschied und Willkommen f√ľr den Dichter, Performer, Essayisten und Sprachk√ľnstler Thomas Kling"

Und eins noch, noch eins, woran Thomas Klings Lyrik und Sprache als Erfahrungsraum erinnert und das die Veranstaltung als Dichterfest bewies und feierte. Es ist so banal und wahr und gilt f√ľr alle Zeiten f√ľr alle LITERATUR: "Der Eintritt ist frei".

Empfehlung:
Neben den B√ľchern Thomas Klings, in jeder guten Buchhandlung erh√§ltlich, sei das gerade erschiene Buch empfohlen:

Hubert Winkels: Der Stimmen Ordnung. Über Thomas Kling. Köln: DuMont 2005.

Dieser Text wurde erstveröffentlicht in der Internet-Zeitschrift www.einseitig.info. Unser Dank gilt der Redaktion.