Lesesaal > Essays > Beitrag
Weitere Beiträge
  • Martin Maurach: Ein weiblicher Tonio Kröger?

    Philipp Kellers Erzählung „Gemischte Gefühle“ aus dem Jahr 1913
    [23.01.2014]
  • Enno Stahl: Ratinger Hof - Thomas Kling und die Düsseldorfer Punkszene

    Nebst einem Interview mit Carmen Knoebel und Franz Bilemeier
    [01.02.2011]
  • Simon Peters: „Ein Königreich aus Worten“

    Rose Ausländers poetische Sprachutopie
    [25.11.2010]
  • Levin und Louise Schücking – ein prominentes Schriftstellerehepaar aus Westfalen

    LWL-Literaturkommission legte zwei neue Bände ihrer Schriftenreihe vor
    [01.04.2010]
  • „Im Allgemeinen und denkwürdig in historischer Beziehung“. Georg Arnold Jacobis Lebenszeugnisse, fortgesetzt und um eigene Erinnerungen ergänzt von Victor Friedrich Leopold Jacobi

    Bearbeitet von Cornelia Ilbrig
    [02.03.2010]
Backlist
Alle bisherigen Beiträge finden Sie in unserer Backlist.

Zu den Netz-Datenbanken von RLA und WLA

Pilar Baumeister: Die literarische Gestalt des Blinden im 19. und 20. Jahrhundert (Auszug)

Klischees, Vorurteile und realistische Darstellungen des Blindenschicksals. Zu Stefan Zweig:

Ein Berliner Kunstantiquar erzählt einem Bekannten im Zug die rührende Geschichte des alten, erblindeten Mannes, der einstmals eine der reichsten Bildersammlungen besaß, die er später bis zum letzten Stück der Sammlung verlor, ohne es selbst je zu erfahren.

In bitterer Not, in der Inflationszeit nach dem Krieg, hatten seine Frau und seine Tochter alles verkaufen müssen, aber den Verlust vor ihm verheimlicht, um ihm den Schmerz zu ersparen. Zu diesem Zweck hatten sie die allmählich verschwindenden Schätze mit wertlosen Blättern vertauscht.

Der Blinde freut sich riesig über den Besuch des Antiquars nach so vielen Jahren und will ihm mit Stolz seine Sammlung zeigen.

Der Erzähler beschreibt als erstes sein etwas peinliches Erstaunen, als er entdeckt, dass der Alte blind ist. Gemäß der Perspektive in der Geschichte wird die Reaktion eines einem Blinden begegnenden Mannes besonders ausführlich dargestellt: „Schon von Kindheit an, immer war es mir unbehaglich, einem Blinden gegenüberzustehen, niemals konnte ich mich einer gewissen Scham und Verlegenheit erwehren, einen Menschen ganz als lebendig zu fühlen und gleichzeitig zu wissen, dass er mich nicht so fühlte, wie ich ihn. Auch jetzt hatte ich ein erstes Erschrecken zu überwinden, als ich diese toten, starr ins Leere hineingestellten Augen unter den aufgesträubten weißbuschigen Brauen sah.„ Der Besucher empfindet "Unbehagen", "Scham", "Verlegenheit" und ein "erstes Erschrecken". Als Ursache dafür wird der Kontrast zwischen dem lebenden Menschen und den toten Augen angegeben, so dass die Gestalt eines Blinden für den Besucher eine beunruhigende Widersprüchlichkeit enthält, nämlich die zwischen Menschsein und Andersartigkeit.

Auch die später beschriebenen Haltungsmerkmale des Blinden stehen im Kontrast zueinander. Seine freudige Geste der ausgestreckten Hände und die starre Unbeweglichkeit seiner anderen Glieder, denn er läuft dem Besucher nicht entgegen, sondern er bleibt immer am selben Punkt im Raum "inmitten des Zimmers" stehen.

Ein weiteres Stadium seiner Verlebendigung äußert sich in der Beschreibung: „Er wandte sich in die Richtung, wo er seine Frau vermutete, als wollte er sagen: "Hörst Du", und voll Freudigkeit in der Stimme, ohne eine Spur jenes militärisch barschen Tones, in dem er sich noch eben gefallen, sondern weich, geradezu zärtlich, wandte er sich zu mir.“ Sein plötzlich ausdrucksvolles Gesicht, die Veränderung seiner Stimme, die Bewegungen zu seiner Frau und zu dem Fremden hin, alles deutet auf andere Ausdrucksmittel hin, die den Blickkontakt einigermaßen ersetzen.

Das eigentliche Thema der Geschichte ist aber nicht der Kommunikationsverlauf zwischen dem Besucher und dem Blinden, sondern die Notwendigkeit der Lüge in gewissen Situationen. Durch eine Art Zeichensprache verständigt sich die Frau mit dem Fremden und teilt ihm so mit, was der Blinde nicht hören soll. "Nun verstand ich sie. Ich wusste, dass sie wünschte, ich solle eine sofortige Verabredung ablehnen und erfand schnell eine Verabredung zu Tisch".

Später, als die Tochter den Besucher aufsucht und ihm die erschütternde Wahrheit erzählt, wird dieser zum aktiven Komplizen an der Täuschung des Blinden. Der alte Sammler wird, wie der Blinde in Dürrenmatts Drama, oder Jolante in Heinrich Hertz Drama "König Renées Tochter" u.v.a. von dem Unglück des Wissens um schreckliche Dinge ferngehalten.

Dadurch aber verliert diese Gestalt an Mündigkeit und Eigenständigkeit, wird so sehr zum Kind, zum geistig Blinden gemacht, dass die Blindheit für den Fremden (für den Leser ebenfalls) durch ihre Pathetik und Traurigkeit ein unvergessliches, nicht zu überwindendes Merkmal bleiben muss. Wenn er schon als Kind die Andersartigkeit der Blindheit empfunden hat, so muss diese "Episode" seine Einstellung im Sinne des Unbehagens noch verstärkt haben. Durch die täuschende, schonende Warmherzigkeit der anderen dem Blinden gegenüber, entsteht auch seine entsetzliche Isolation von der Welt der Tatsachen und seine Verkennung der Realität. Der alte Mann weiß nichts über die finanzielle Not der Familie, über die veränderten Preise und Umstände. Die zwei Frauen belügen ihn auch in anderen Dingen, oder zumindest vermeiden sie jegliche Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. „Er weiß auch nicht, dass wir den Krieg verloren haben und dass Elsass und Lothringen abgetreten sind, wir lesen ihm aus der Zeitung alle diese Dinge nicht mehr vor, damit er sich nicht aufregt.“

Die Manipulierbarkeit eines solchen Schicksals kann man nur akzeptieren, wenn man annimmt, dass der Alte von vorneherein nicht nur blind, sondern geistig unzurechnungsfähig gewesen ist. Nicht nur seine Augen sind geschlossen, seine ganze Existenz wird durch die fehlende Sehkraft, aber vor allem durch das Fehlen richtiger Informationen wie zugemauert und von der Außenwelt abgetrennt.

Man könnte fragen, ob das Verhalten der beiden Frauen sich ohne weiteres rechtfertigen lässt. In der Geschichte aber wird die Legitimation des menschlichen Glücks, auch wenn dieses auf einer Täuschung basiert, gar nicht in Frage gestellt. Es gilt als eine unbestritten hinzunehmende moralische Bewertung, der sich auch der Erzähler anschließt, dass die letzten Illusionen eines Menschen, mit mitleidsvoller Fürsorge, um welchen Preis auch immer, gerettet werden müssen. So wenn die Tochter ausruft "Vielleicht haben wir Unrecht an ihm getan", bezieht sie sich lediglich auf den Verkauf der Sammlung, nicht auf die versäumte Aufklärung des Blinden, und sie hält immer noch an der Konstruktion der Lüge fest, die als Lebenshilfe verstanden wird, als die Ermöglichung einer kindischen, rührenden Freude.

Durch die von den Frauen herbeigeführten Umstände wirkt die Freude des Sammlers um so rührender und peinlicher, wie z.B. an der Stelle, als der visionäre arme Blinde nur leere Blätter genussvoll mit seinen Händen betastet. Damit wird die Botschaft des Mitleids gesteigert und vollkommen abgerundet, denn es ist klar, dass ein unaufgeklärter, betrogener Blinder mitleidswürdiger als einer erscheinen muss, der genau weiß, was er in Händen hält und was ihn umgibt. Die Stellen, die die ekstatische Bewunderung des Blinden für seine nicht existierende Sammlung darstellen, enthalten daher den höchsten Grad an Grauen für den Besucher, zwingen ihn aber gleichzeitig dazu, als Schauspieler in der traurigen Komödie mitzuwirken: „Mir lief es kalt über den Rücken, als der Ahnungslose ein vollkommen leeres Blatt so begeistert rühmte, und es war gespenstisch mit anzusehen, wie er mit dem Fingernagel bis zum Millimeter genau auf alle die nur in seiner Phantasie noch vorhandenen unsichtbaren Sammlerzeichen hindeutete. Mir war die Kehle vor Grauen zugeschnürt, ich wusste nichts zu antworten; aber als ich verwirrt zu den beiden aufsah, begegnete ich wieder den flehentlich aufgehobenen Händen der zitternden und aufgeregten alten Frau. Da fasste ich mich und begann mit meiner Rolle. "Unerhört!" stammelte ich endlich heraus. "Ein herrlicher Abzug!" Und sofort erstrahlte sein Gesicht voller Stolz.“

Zwei Stunden lang sieht der Besucher die leeren Fetzen Papier und weil er die Diskrepanz zwischen dem Blinden und der Realität nicht ertragen kann, glaubt er beinahe daran, was der Blinde in seiner überwältigenden "Leidenschaft" noch sieht. Die Mittäterschaft des Besuchers wird an keiner Stelle problematisiert. Sein Mitleid mit den zwei schwachen Frauen und dem Blinden, dessen Freude vor der Zerstörung bewahrt werden muss, rechtfertigt ihn.

Das große Ziel der Täuschung wird erreicht. Der Blinde erlebt seinen Glückstag, seinen vollen Triumph, der ihn auf seine ganze Existenz mit Zufriedenheit zurückblicken lässt, weil er überzeugt davon ist, in allem recht gehabt und klug gelebt zu haben: „Da habt ihr mich immer misstrauisch gescholten, weil ich alles Geld in meine Sammlung gesteckt: es ist ja wahr, in sechzig Jahren kein Bier, kein Wein, kein Tabak, keine Reise, kein Theater, kein Buch, nur immer gespart und gespart für diese Blätter. Aber ihr werdet einmal sehen, wenn ich nicht mehr da bin - dann seid ihr reich, reicher als alle in der Stadt und so reich wie die Reichsten in Dresden, dann werdet ihr meiner Narrheit noch einmal froh sein.“

Wieder erscheint diese irrtümliche Prognose in einem zu krassen Gegensatz zur Wirklichkeit. Gleichzeitig erlaubt uns diese Selbstcharakterisierung der Figur zum ersten Mal, Klarheit über die zu einseitige Natur des Mannes zu bekommen, der sechzig Jahre lang nur für seine Sucht, seine Leidenschaft gelebt hat. Die rührende Situation der Blindheit ermöglicht kaum eine Analyse der Figur, doch geht aus diesen Worten hervor, dass es sich um eine wenig flexible Person handelt, um einen Menschen, der schon immer seine Interessen starrköpfig und autokratisch auf nur einen einzigen Punkt fixiert hatte. Wenn das so ist, könnte man daraus folgern, dass die Schuld der Täuschung nicht die Frau und die Tochter trifft, sondern ihn selbst, der sich allen anderen Alternativen der Lebensgestaltung verweigert hat. Aber die Schuldfrage wird im Text gar nicht angesprochen, lediglich die Situation der Täuschung und des Glücks als Positivum, trotz der Unechtheit und des Betrugs. Weiterhin besonders wichtig für den Beobachter ist die Wirkung des Glücks in der Physiognomie des Blinden, die Verlebendigung des bisher tot Geglaubten. Das plötzliche sich mit Ausdruck Füllen des Gesichtes eines Blinden wird wieder unterstrichen: „Es war grauenhaft und doch gleichzeitig rührend für mich, denn in all den Jahren des Krieges hatte ich nicht so vollkommenen, so reinen Ausdruck von Seligkeit auf deutschem Gesichte gesehen, wieder ging ein Leuchten in den toten Augensternen auf.“

Was er an dem Blinden bewundert, ist dessen Begeisterung "in dumpfer, freudloser Zeit", dessen starke Liebe zur Kunst, die ihn über die anderen Menschen erhebt und seine Intensität des Empfindens, die sich hauptsächlich in den Händen, also im Tastsinn äußert: „Er nahm meine beiden Hände, und seine Finger strichen liebkosend mit der ganzen Ausdrucksfähigkeit eines Blinden an ihnen entlang bis zu den Gelenken, als wollten sie mehr von mir wissen und mir mehr Liebe sagen, als es Worte vermochten.“

Weshalb der Besucher sich am Schluss der Geschichte vor sich selber schämt, wird nicht eindeutig gesagt. Im Grunde ist er davon überzeugt, eine gute Tat geleistet zu haben: "Ich hatte einen Blinden sehend gemacht für eine Stunde". Er besitzt die Dankbarkeit dreier Menschen, dennoch sieht er die Ambivalenz seiner Rolle und den Kontrast zwischen seiner eigenen geschäftstüchtigen und praktischen Natur und der Gestalt des alten Blinden.

Auszug aus der gleichnamigen Dissertation Pilar Baumeisters, erschienen bei Peter Lang 1991 (= Europäische Hochschulschriften) 459 Seiten