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René König zum 100. Geburtstag

Von Enno Stahl
Die Kulturgeschichte Kölns, reich an musikalischen und künstlerischen Höhepunkten, blickt auf vergleichbar wenige Intellektuelle von Format zurück. Friedrich Schlegel lebte vier Jahre in der Domstadt, Karl Marx redigierte eine Weile die liberale “Rheinische Zeitung”, aber das war es auch schon fast. Um so erfreulicher ist es für Köln gewesen, dass mit René König ein Soziologe von Weltruf für die Kölner Universität gewonnen werden konnte und hier den größten Teil seines Lebens verbrachte.

Am 5. Juli 2006 wäre König 100 Jahre alt geworden. Geboren wurde er in Magdeburg, seine vielfältigen Studien - neben der Philosophie und Psychologie beschäftigte er sich auch mit islamischen Sprachen, Romanistik, Kulturwissenschaft und Ethnologie - führten ihn nach Wien und Berlin. Der Promotion 1930 folgte 1938 die Habilitation in Zürich, wohin König unter dem Druck der nationalsozialistischen Herrschaft emigriert war. Nach langen und schwierigen Jahren als Privatdozent und außerordentlicher Professor in der Schweiz wurde er 1949 auf den Soziologielehrstuhl nach Köln berufen, den er bis zu seiner Emeritierung 1974 innehatte. Dazwischen lagen zahlreiche amerikanische Gastprofessuren und ausgedehnte Vortragsreisen in alle Welt.

König wurden internationale Ehrungen zu Teil, nicht nur im Bereich der Wissenschaft, sondern auch literarische und kulturelle Auszeichnungen. Das ist kaum verwunderlich, denn König war nicht nur ein hervorragender Stilist, der sein Fachgebiet mit essayistischem Anspruch vertrat, sondern er tummelte auch auf anderen Gebieten der Schriftstellerei und Publizistik. Zum Beispiel tat er sich als Übersetzer literarischer Werke hervor, übertrug etwa “Die Malavoglia”, ein Hauptwerk des sizilianischen Romanciers Giovanni Verga, ins Deutsche. Eigene kulturgeschichtliche Schriften, über Niccolo Machiavelli, über Sizilien sowie zeithistorisch relevante Lebensrückblicke komplettierten sein Werk.
Wissenschaftlich lag Rene Königs Verdienst insbesondere in der Verbindung des französichen Positivismus Emile Durkheims mit den empirischen Methoden des “social reasearch”, die er aus den USA nach Deutschland brachte. Ergebnis dessen war unter anderem sein Fischer-Lexikon der Soziologie, das eine Auflage über 400.000 Exemplaren erreichte.

Viele Jahre lang wirkte König zudem als Herausgeber des "Handbuchs für empirische Sozialwissenschaften" und der “Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie”. König befand sich in Auseinandersetzung mit der "Frankfurter Schule" (Adorno, Habermas), aber auch in Abgrenzung zur Dortmunder Gruppe um Schelsky. Vor allem ging es ihm um die Etablierung der Soziologie als unabhängige Wissenschaft von der Gesellschaft, womit er sich explizit gegen die marxistischen Tendenzen der 50er und 60er Jahre wandte. Das von König bereitgestellte Instrumentarium der empirischen Methode bietet bis heute für viele Nachfolger eine fruchtbare Forschungsgrundlage.

Erstaunlich ist, dass die Kölner Universität diesem herausragenden Forscher keine Würdigung gezollt hat, jedoch hat die Stadt Köln hier glücklicher Weise reagiert und vor kurzem eine Ausstellung zu Königs Leben und Werk im Spanischen Bau des Historischen Rathauses veranstaltet. Diese Aktivitäten gehen zurück auf die Initiative von Eberhard Illner, der die umfangreiche Schau organisiert und kuratiert hat. Er konnte dabei zurückgreifen auf den reichhaltigen und wissenschaftsgeschichtlich interessanten Nachlass des international bekannten Gelehrten, der im Historischen Archiv der Stadt Köln bewahrt wird. Allein die Liste der Korrespondenzpartner, darunter so berühmte Namen wie Theodor W. Adorno, Ernesto Grassi, Jürgen Habermas, Theodor Heuss, zeigt, wie seit den 50er Jahren die Weltsoziologie von Köln aus mit geprägt wurde. Im Kölner Supposé-Verlag ist eine Hör-CD mit Originaltonaufnahmen René Königs erschienen.