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Simon Peters: „Ein Königreich aus Worten“

Rose Ausländers poetische Sprachutopie

Das Werk Rose Ausländers ist durchzogen von biographischen Erlebnissen, die sie in ihrer Lyrik verarbeitet. Schon im Getto formuliert sie im Gedicht „Obdachlosigkeit“: „Nun heißt die Heimat: wandern müssen.“ (1/164) [Im Folgenden werden alle Gedichte nach der Gesamtausgabe zitiert. Ausländer, Rose: Gesammelte Werke in sieben Bänden und einem 7 Bände, 1 Nachtrags- und Registerband, Frankfurt/M. 1983-1990. Die erste Zahl nach den zitierten Textstellen gibt die Bandnummer an, die zweite die Seitenzahl.] Diese Heimatlosigkeit und die verlorene Heimat selbst, die Bukowina, werden immer wieder thematisiert. Durch die Art der Darstellung der Bukowina wird Rose Ausländer in der Sekundärliteratur häufig „zu einer Art Botschafterin dieses versunkenen Paradieses“ [Reichmann, Eva: Czernowitz in der Lyrik von Rose Ausländer – Erinnerung oder/und Fiktion?. In: Braun, Helmut (Hrsg.): „Gebt unseren Worten nicht euren Sinn“. Rose Ausländer-Symposion, Düsseldorf, 2001, Köln 2001, S. 77-93, S. 77] gemacht.

Laut Eva Reichmann fiktionalisiert Rose Ausländer die Bukowina, indem sie sich in ihrer Darstellung auf die positiven Aspekte beschränkt und die negative Realität außen vor lässt. Den Grund für diese Fiktionalisierung sieht sie einerseits in der Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit, die mit der verlorenen Heimat gleichgesetzt wird, andererseits im Bedürfnis der Rezipienten, einer versunkenen deutschen Welt im Osten nachtrauern zu können, die Rose Ausländer neben ihren eigenen Bedürfnissen berücksichtigt hat.

Aber Rose Ausländers Thematisierung der Bukowina, so die These dieses Aufsatzes, ist keine rein rückwärts gewandte Erinnerungslyrik, sondern entspringt ihrer Hoffnung auf eine durch das poetische Wort erschaffene Sprachutopie, in der sich Vergangenheit und Zukunft zu einer neuen Heimat verbinden.  Im Gedicht „Niemand“ formuliert Rose Ausländer 1974 ihre Existenz als Heimatlose:

Niemand


Ich bin König Niemand
trage mein Niemandsland
in der Tasche

Mit Fremdenpaß reise ich
von Meer zu Meer
[…]
Mein Pseudonym
Niemand
ist legitim


Niemand argwöhnt
daß ich ein König bin
und in der Tasche trage
mein heimatloses Land (3/132)


Die Existenz der Heimatlosen wird hier bereits durch den Titel „Niemand“ als eine Nicht-Existenz umschrieben. Das „Ich bin“ im ersten Vers setzt gegen dieses „Niemand“ jedoch eine selbstbewusste Existenzbehauptung, durch das auch das „Niemand“ schließlich positiv besetzt wird: „Ich bin König Niemand“. Die Bedeutungsverschiebung des anonymen „Niemand“ in einen Eigennamen findet seine Entsprechung in der Odyssee, in der Odysseus sich gegenüber dem Riesen Polyphem als „Niemand“ vorstellt. Diese Assoziation wird noch verstärkt durch das Reisen „von Meer zu Meer“ in der zweiten Strophe.

Der Vergleich mit Odysseus zeichnet dabei ein positives Bild des Niemandlands: Odysseus hat sich durch die Selbstbezeichnung als „Niemand“ aus einer seine Existenz bedrohenden Gefahr befreit. Der Ausdruck „Niemandsland“ jedoch steht im Widerspruch zum monarchischen Herrschaftsanspruch des lyrischen Ichs über dieses Land, weil dieses im üblichen Wortsinn überhaupt keinem Staat angehört. Wie das „Niemandsland“ zu keinem Staat gehört, ergeht es auch dessen König: Das lyrische Ich ist staaten- und damit heimatlos. Es reist mit dem „Fremdenpass“, kann also nirgendwo wieder heimisch werden. Durch den Fremdenpass wird die Identität der Heimatlosen als Fremde legitim: Erst als Heimatlose bekommt das lyrische ich das Pseudonym „Niemand“. Dass das „Niemandsland“ „in der Tasche“ getragen wird, macht es eindeutig zu einem imaginären Land. Der Ausdruck deutet an, dass das lyrische Ich sein Land ‚wie seine Westentasche’ kennt. Hierdurch erklärt sich wiederum der Herrschaftsanspruch des lyrischen Ichs über dieses Land, auf das wegen seiner Fiktionalität sonst keiner Anspruch erheben kann.

Der zumindest mögliche Argwohn anderer verweist darauf, dass das lyrische Ich sein „Niemandsland“ offenbar heimlich in seiner Tasche tragen muss. Dieses „Niemandsland“ gilt es offenbar zu bewahren. Damit wird deutlich, dass es für das lyrische Ich wichtiger ist als die Realität selbst. In der Realität akzeptiert es sein Pseudonym „Niemand“, das negative Auswirkungen hat, im „Niemandsland“ aber wird aus dem „Niemand“ der Realität der König des Landes. „Niemand argwöhnt“ bezeichnet den Erfolg des lyrischen Ichs, das Land zu verbergen. Da es von anderen nicht gesehen wird, kann es von diesen auch nicht zerstört werden wie die Heimat. Dass dieses Land heimatlos ist, zeigt, dass es keine Entsprechung mehr in der Realität findet, dem Land keine real existierende Landschaft mehr zuzuordnen ist, was seinen Wert für das lyrische Ich allerdings nicht mindert.

Im frühen Exilgedicht „Im Dschungel“ trägt das lyrische Ich in seiner Tasche kein Land, sondern Gefährten:

Wenn ich mich verirre
hier im Dschungel
[…]
ruf ich meine Gefährten aus der Tasche:
Revnawald Habsburghöh
Echo aus Dorna
und wenn alles versagt
zaubert in meiner Tasche die Zimbel
den Rabbi Eli Melech herbei (2/337)


Diese Gefährten – hier versteckt sich außerdem das Wort ‚Gefahr’, so dass diese zu Helfern in Zeiten der Gefahr werden – entstammen der Bukowina: Revna ist ein Dorf nahe Czernowitz, die Habsburghöh verweist auf die ehemalige Zugehörigkeit der Bukowina zur Habsburger Monarchie auf, die Dorna ist ein Fluss in der Bukowina. Durch die Auflistung geographischer Daten und durch die Einordnung der Bukowina in die Habsburger Monarchie werden hier zwei Teilaspekte der verlorenen Heimat als ‚Retter’ angerufen: die Natur der Bukowina und der kulturelle Hintergrund. In den letzten Versen wird auch das Judentum zitiert, das hier als letzte Rettung herbeigeholt wird, nämlich durch den chassidischen Rabbiner Rabbi Eli Melech. Mit der Zimbel wird dabei ein alttestamentarisches Instrument verwendet (vgl. 1Chr 25,1 und 2Chr 5,13), so dass durch den Bogen vom Alten Testament zum Chassidismus das gesamte Judentum zu Hilfe gerufen wird. „Melech“ ist außerdem das hebräische Wort für ‚König’ und so schließt sich hier der Kreis zum „Niemandsland“.

Unter dem Eindruck der Rettung durch die Gefährten in der Tasche im Gedicht „Im Dschungel“ ist auch das spätere „Niemandsland“ als Rückgriff auf die Vergangenheit neu zu lesen. In beiden Gedichten sind das Land bzw. die Gefährten Bezugspunkte für ein ansonsten orientierungsloses lyrisches Ich. In keinem der Gedichte aber bietet der Inhalt der Tasche eine Orientierung für die Gegenwart, schließlich verirrt sich das lyrische Ich „im Dschungel“ und reist in „Niemand“ endlos „von Meer zu Meer“. Die Gefährten bzw. das „Niemandsland“ werden aber trotzdem nicht aufgegeben, sie werden sogar gegen Widerstände bewahrt. Schon im Gedicht „Im Dschungel“ wird deutlich, warum das so ist: Da die Gegenwart des Exils keine Orientierung bietet bzw. die Orientierungslosigkeit noch verstärkt, weil sie sich gegen das Land bzw. die Gefährten in der Tasche wendet, wird gerade der Rückbezug auf die Vergangenheit zur Möglichkeit, diese Gegenwart zu überstehen und die Zukunft in einer alternativen Welt zu gestalten.

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