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Simon Peters: „Ein Königreich aus Worten“

Rose Ausländers poetische Sprachutopie
Mühelos aber, das „gern“ deutet darauf hin, überwindet das lyrische Ich die trennende Mauer und besucht das Dorf. Der Name des Dorfes und der Hinweis „in meiner Freizeit“ betonen den Erholungsaspekt des Besuches. Hierdurch wirkt das Dorf wie das „Niemandsland“ und die Gefährten aus der Tasche, die Halt und Unterstützung bieten in der orientierungslosen Lebenswirklichkeit des Exils. Weil das Dorf in der Vergangenheit liegt, ist der Besuch aber nur durch Erinnerung möglich. Diese aber wird von Rose Ausländer im Gedicht „Blinde Erinnerung“ (5/276) als unzuverlässig beschrieben: „Ich laufe ein Stück / zurück ins Vorbei / weiter und weiter zurück // und erblicke / ein erblindetes Bild“. Wie das lyrische Ich in „Das Dorf Sonntag“ zurück in die Vergangenheit läuft, läuft auch dieses lyrische Ich „zurück ins Vorbei“. Dabei wird allerdings deutlich, dass die Erinnerung kein vollständiges Bild mehr liefern kann, weshalb es vom lyrischen Ich vervollständigt wird.

Dieser Prozess wird in der zweiten Strophe beschrieben, in der auch die Fiktionalisierung der Bukowina deutlich wird: „Ich bringe meinen Lieblingsberg mit / den Raréu / und die Zigeunerin“. Das Mitbringen des Berges Raréu, ein Berg in der Bukowina, dessen Einzigartigkeit als Lieblingsberg durch das Enjambement besonders betont wird, verweist auf die Irrealität des Dorfes. Indem das lyrische Ich einen Teil der verlorenen Heimat zurück zu dieser bringt, scheint es selbst aus einzelnen Teilen das Ganze zusammen zu setzen. Auf diese Weise besteht das Dorf Sonntag zwar einerseits aus tatsächlich Erinnertem, wird aber andererseits vom lyrischen Ich selbst gestaltet und dadurch zum Dorf der eigenen Imagination. Außer dem Berg bringt das lyrische Ich die Zigeunerin, die ihr „einst die Zukunft geschenkt hat“, mit in die Vergangenheit.

Die den Zigeunern zugeschriebene Wanderschaft, die sie mit dem lyrischen Ich anderer Gedichte verbindet, wird hier um die Fähigkeit der Hellseherei ergänzt: Hier wird deutlich, dass die Vergangenheit Identität stiftend für Gegenwart und Zukunft ist. Im „Dorf Sonntag“ nämlich kann die Zukunft durch die Zigeunerin immer wieder erneut verschenkt werden, so dass die Rückbesinnung auf die Vergangenheit die Gestaltung der Zukunft ermöglicht und damit die Zukunft konstituiert. Dies wird auch deutlich durch den Namen des Dorfes. Schien das Dorf durch die Lage hinter der „Montagmauer“ eindeutig in der Vergangenheit zu liegen, so wird jetzt deutlich, dass durch den Wochentag als Name des Dorfes die eigentliche Zeitlosigkeit des Dorfes symbolisiert wird. Der Wochentag nämlich liegt immer sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft und kann gleichzeitig die Gegenwart sein. Hier wird die ewig fortlaufende Kreisbewegung des Rückblicks in die Vergangenheit und der daraus möglichen Gestaltung der Gegenwart und Zukunft, aus der wiederum der Rückblick in die Vergangenheit möglich wird, deutlich. Die Erinnerung ist dabei nur durch die räumliche und zeitliche Trennung möglich, die den realen Ort in eine ersehnte Heimat – auch der Zukunft – verwandelt.

Die letzte Strophe scheint wie eine Zusammenfassung die positiven Aspekte des Dorfes zu beschwören: Drei Mal taucht die Farbe „grün“ auf, sowohl in Bezug auf das gesamte Dorf als auch auf einzelne Teilaspekte. Dabei stimmt die zugeordnete Farbe nie mit der Realität überein. Grün ist die Farbe der Hoffnung und bei Rose Ausländer als „le mythe vert“ die Farbe ihres poetischen Raumes, der utopischen Zukunft. [Vgl. Lemercier, Michel: Le Mythe „vert“ dans le champ poethique de Rose Ausländer. In: recherches germaniques 29 (1999), S. 47-65, S. 59f] In diese Utopie sind mit der Bezeichnung „grün“ bukowinische Natur und auch – Kultur – „grüne Doinas“ eingebunden. Doinas sind eine rumänische Liedart, die von Hirten gesungen wird und damit wieder ein Bezug zur Poesie. Das Schnitzen der Lieder in die Flöten weist wie die „Luftschlösser / aus Papier“ die Hoffnung auf eine Materialisierung der Utopie auf. So ist dem Ende des Gedichts durch das „Grün“ als Hoffnungssymbol eine Konkretisierung der Utopie eingeschrieben, die sich mit Bezug auf die Vergangenheit realisieren lässt.

Im Gedicht „Bukowina III“ (4/130), in dem sie eindeutig die Landschaft ihrer Herkunft thematisiert, gibt es einen völligen Verzicht auf unterschiedliche Zeitebenen, so dass kein Unterschied mehr zwischen Vergangenheit und Zukunft existiert:

Bukowina III


Grüne Mutter
Bukowina
Schmetterlinge im Haar


Trink
sagt die Sonne
rote Melonenmilch
weiße Kukuruzmilch
ich machte sie süß


Violette Föhrenzapfen
Luftflügel Vögel und Laub


Der Karpatenrücken
väterlich
lädt dich ein
dich zu tragen


Vier Sprachen
Viersprachenlieder


Menschen
die sich verstehn

Durch den Titel und die erste Strophe wird als Thema des Gedichts der biographische Herkunftsort bestimmt, der in den folgenden Strophen sowohl geographisch als auch kulturell näher beschrieben wird und in der letzten Strophe seine idyllische Steigerung in der Harmonie der Menschen findet.
Die Bukowina wird hier eindeutig als Ort der Kindheit ausgewiesen, indem es heißt: „Grüne Mutter / Bukowina“. Die Verschmelzung der Bukowina mit der Mutter verweist offensichtlich auf das „Mutterland“ Rose Ausländers, evoziert aber auch die eigene wie auch die Geburt der Mutter. Mit der Beschreibung der „Mutter / Bukowina“ als grün und damit als utopischen Raum wird die mütterliche Heimat bereits hier intensiv mit dem aus ihr entstehenden poetischen Weltentwurf „Mutterland Wort“ verknüpft. Der Landschaft werden auch im weiteren Verlauf menschliche Eigenschaften zugewiesen. Durch „Schmetterling im Haar“ wird die Einheit von Mensch und Natur intensiv evoziert.

In der ersten Strophe scheint die „Mutter Bukowina“ damit zu einer Allegorie zu werden sowohl für die heimatliche Bukowina und ihre Einigkeit von Mensch und Natur als auch für die Neuerschaffung von Welt aus dieser heraus.
Die zweite Strophe beginnt mit einer Aufforderung durch die Sonne, die an ein hinzuzudenkendes lyrisches Ich gerichtet ist. Durch die „rote Melonenmilch“ und die „weiße Kukuruzmilch“ wird die nährende Funktion der Bukowina evoziert, die durch die zweifach vorhandene „Milch“ eine Konnotation zur Mutter erhält. Die Sonne, die für die Süße der Milch sorgt, erweitert diese Fürsorge der mütterlichen Bukowina auf die gesamte Welt, so dass die Heimat eine generelle Geborgenheit garantiert.  

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