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Walter Gödden: Prophet und Prinzessin

Sie waren eines der eigentümlichsten Paare der Literaturgeschichte – und doch nie ein richtiges Paar. Peter Hille und Else Lasker-Schüler trennten Welten – und verband ein ganzer Kosmos

Eine Abendgesellschaft irgendwo in Berlin Ende des 19. Jahrhunderts. „Gestatten, Peter Hille.“ – „Else Lasker-Schüler.“ „D e r Peter Hille?“ – „Genau der.“

Schier undenkbar, dass man ihn n i c h t kennt. In Berlin ist er schon zu Lebzeiten eine Legende. Steter Gast in Künstlerzirkeln, Cafes, Theatern, Cabaretts. Vor allem auch: Künstlerkneipen. Die Inkarnation des Bohemiens schlechthin. Ein Dichterkrösus im Gewande eines Bettlers. Immer dem Hungertod nahe, aber, wie er sagt, glücklich wie ein Kind, glücklich wie ein Gott.
Ist der Funken gleich übergesprungen? Wir wissen es nicht.

Und sie? Der Altersunterschied beträgt nur 15 Jahre. N u r 15 Jahre. Denn zwischen beiden Lebensläufen liegen Welten. Hille, Jahrgang 1854, hat zum Zeitpunkt der Bekanntschaft bereits eine jahrzehntelange literarische Vergangenheit hinter sich. Sie dagegen steht noch ganz am Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn, versucht sich zunächst als Malerin und Zeichnerin. Dies allerdings mit brennendem Ehrgeiz. In der Nachbarschaft der ehelichen Wohnung hat sie sich ein Atelier eingerichtet. Ihren ganz persönlicher Fluchtpunkt.


Berlin
Berlin präsentiert sich an der Schwelle zur Moderne als gigantischer, gewalttätiger Moloch. Eine Zeit des Umbruchs, des Chaos, Hunderter sich überlagernder und konkurrierender Weltentwürfe. Eine nervöse, überspannte Zeit, die ihren Halt, ihren Mittelpunkt verloren hat. Man zerredet sich die Köpfe, tagsüber auf den Straßen oder im Cafe, abends bei gesellschaftlichen Empfängen.

Abendgesellschaften finden auch im Hause Lasker-Schüler statt. Der Hausherr, Berthold Lasker ist Arzt für chronische Haut- und Beinkrankheiten. Eine glänzende Karriere liegt vor ihm. Später versucht er sogar, eine Zweitpraxis in New York zu eröffnen. Er ist literarisch interessiert – m ä ß i g literarisch interessiert. Seine eigentliche Liebe gehört dem Schachspiel. Sein Bruder ist von 1894 bis 1921 Schachweltmeister. Also eher ein kühler, berechnender Kopf.

Berthold und Else Lasker-Schüler sind ein ungleiches Paar. Beide passen nicht zueinander. Die Verachtung wächst. Auf ihrer Seite.

Else Lasker-Schüler ist eine „Tochter aus gutem Hause“. Ihr Vater ist jüdischer Privatbankier in Elberfeld, heute Stadtteil von Wuppertal. Ihre jüdische Herkunft ist wichtig, prägt ihre spätere Biografie und Leidensgeschichte. Als sie heiratet, ist sie 25 Jahre. Berthold Lasker ist acht Jahre älter. Eine standesgemäße Ehe. Lasker ist Sohn eines Kantors und Enkel eines angesehenen Rabbiners. Der Umzug nach Berlin im Jahr der Eheschließung 1894 soll ihm bessere berufliche Möglichkeiten auftun.

Doch Karriere und Privatleben sind zweierlei. Man lebt sich auseinander. Die Ehe gerät aus den Fugen. Briefe und literarische Zeugnisse dokumentieren eine rasch voranschreitende Entfremdung. Else Lasker-Schüler beginnt, eine selbständige Existenz zu führen, eine k ü n s t l e r i s c h e Existenz. Besondere Kennzeichen: Ungestümer Drang, unbeirrbarer Behauptungswille. Ihr Zeichenlehrer beschreibt sie als merkwürdig-genialische Frau. Nervöse, vulkanartige Ausbrüche seien an der Tagesordnung gewesen.

Und Berthold Lasker? Er steht abseits wie ein ferner Beobachter. Ist gelegentlich vielleicht noch ein naher Freund (nie jedoch mehr), häufiger jedoch ein gefühlskalter Opponent. Sie dichtet: „Bist wie der graue sonnenlose Tag, / Der sündig sich auf junge Rosen legt. / – Mir war, wie ich an deiner Seite lag, / Als ob mein Herz sich nicht mehr bewegte. / Ich küsste deine bleichen Wangen rot, / Entwand ein Lächeln deinem starren Blick. / – Du tratest meine junge Seele tot / Und kehrtest in dein kaltes Sein zurück. („Verwelkte Myrten“) Irgendwann stellt sich die Frage nach dem Sinn eines weiteren Zusammenlebens. „Gut sein ist sehr gut, aber zusammen wohnen ist Blödsinn“, schreibt Else Lasker-Schüler 1899 ihrer Schwester.


Der Vagabund
Peter Hille hat zum Zeitpunkt der Bekanntschaft schlimme Jahre hinter sich. Der im ostwestfälischen Erwitzen geborene Sohn eines Lehrers und späteren Rentmeisters ist auch mit vierzig Jahren noch auf keinen grünen Zweig gekommen. Nicht aus Mangel an Talenten und Fähigkeiten, sondern weil er schon früh nichts anderes anstrebte als eine freie Dichterexistenz.

In keinem „ordentlichen“ Beruf hielt er es lange aus. Schon die Versuche des Vaters, den verlorenen Sohn in eine Beamtenlaufbahn hineinzuzwingen, waren kläglich gescheitert. Für kurze Zeit war Hille Verlagskorrektor in Leipzig, dann Redakteur des „Bremer Tageblatts“.

Eine Erbschaft, die nach zwei, drei Jahren aufgezehrt war, ermöglichte ihm Wanderungen durch Europa. Monatelang war er wie vom Erdboden verschluckt, um dann wie aus heiterem Himmel wieder aufzutauchen. Er lebte von der Hand in den Mund, besaß nicht einmal festes Schuhwerk, geschweige denn einen Pfennig in der Tasche. Doch um alle Entbehrungen der Welt: Seine literarische Mission stellt er keinen Augenblick in Frage.

Zwei Jahre lebte er im Londoner Armenviertel Whitechapel und lernt die englische Sprache. Anschließend hält er sich für zwei Jahre in Holland auf, wo er sein letztes Geld an ein bankrottes Theaterunternehmen verlor. 1885 kam er halbverhungert zum ersten Mal nach Berlin.

Hier versuchte er eine eigene, höchst obskure Zeitschriftengründung, „Die Völker-Muse. Kritisches Schneidemühl von Peter Hille“. Es erschienen nur zwei Nummern für ganze zwei (!) Abonnenten. Der eine davon hieß immerhin Detlev von Liliencron, ein damals gefeierter Dichter. Für ihn ist Hille der „Jean Paul der Jetztzeit“. Wiederholt versuchte er, Hille Verleger zu besorgen, bevor er kapitulierte: Hille treibt Raubbau mit seinem Talent, ihm fehlen jede Zielstrebigkeit, Systematik, Durchhaltevermögen. Liliencron: „Gelingt es dem Herrn Verleger, diesen köstlichen, uroriginellen, höchst anständig denkenden, sehr gutherzigen, aber etwas trägen Menschen zum Schaffen zu zwingen, so werden Verleger und Autor sich noch einmal die Hand vor Freude schütteln. Vor allem scheint es mir, daß unser prächtiger Peter Hille gezwungen wird, ein Werk zu Ende zu schreiben. Sein reicher Geist quillt als Saft in zu vielen Bäumen hoch.“

Von 1885 bis `89 vegetierte Hille in Bad Pyrmont vor sich hin. Wiederum bedrückende Geldnot, Hunger, Auszehrung und Krankheit. Eine weitere Zeitungsgründung misslang. Er ging erneut auf Wanderschaft, in die Schweiz, wo er Gottfried Keller traf, und Italien. Seit 1895 lebt Hille endgültig in Berlin. Freunde und Gönner erbarmen sich seiner Hungerexistenz und nehmen ihn auf. Oft campiert er unter freiem Himmel. In Künstler- und Literatenkreisen ist er bekannt wie ein bunter Hund. Er wird bemitleidet, aber auch verehrt: „Was die meisten Dichter zu wenig haben, hat er zu viel: Gehirn... Wirklich, meine Herrschaften: ein Heiliger lebt unter euch, ein Asket und Narr, ein Weiser und ein Vagabund, einer, der innerlich in allen Zungen redet, aber doch nur lallen kann, ein Wahnsinniger, der unendliche Reichtümer hat und vor den Garküchen bettelt, eine gutes drolliges Kind, das plötzlich psalmodiert... So etwas Unglaubliches ist in seinen Büchern, daß man glaubt, sie seien nicht von einem, der da lebt.“ (Otto Julius Bierbaum)

Eine Gestalt, wie geschaffen für Fabelgeschichten. Ein Glücksspieler und Don Quichotte. Ein sentimentaler Messias, dem allerdings eins nicht gelingt: Seine Dichtungen an einen Verleger zu bringen. Ausnahmen bilden sein Roman „Die Sozialisten“ und die kleinen Romane „Cleopatra“ und „Semiramis“ sowie das erst nach seinem Tod aufgeführte Drama „Des Platonikers Sohn“. Kam doch einmal etwas Geld in die Kasse, wurde dies – trotz aller Saumseligkeit seines Charakters – penibel genau registriert. Und anschließend ins Wirtshaus getragen. Als Unikum wurde Hille selbst Gegenstand von Dichtung, von Gerhard Hauptmann bis Wolf Biermann.


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