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Wolfgang Delseit: »Dickschädel aus bäurisch-westfälischem Kornsaft«

Paul Zech (1881-1946)

Hans Daiber beschrieb Paul Robert Zech in seiner 1967 erschienenen Polemik Vor Deutschland wird gewarnt als

rastlos schreibend, Nacht für Nacht, dabei Unmengen Zigarren, Kaffee, Pralinen vertilgend. Morgens um neun ging er schlafen, mittags stand er wieder auf. So erschrieb er sich ein Werk von gewaltigem Umfang, aber auch die Herzkrankheit, die diesen breitschultrigen, gedrungenen Kerl mit dem ausladenden Schädel jahrzehntelang peinigte und schließlich im Alter von fünfundsechzig Jahren fällen sollte.

Zech war einer der produktivsten Schriftsteller seiner Zeit und hinterließ rund 30 Gedichtbände unterschiedlichen Umfangs, etwa 20 Sammlungen mit Novellen, Erzählungen und Legenden, 11 Romane, ca. 30 Dramen, zahllose Essays und Hunderte von Nachdichtungen auf François Villon oder Jean-Arthur Rimbaud. Hinzu kommen unzählige journalistische Beiträge, umfangreiche Konvolute unveröffentlichter Manuskripte sowie eine reiche Korrespondenz mit Persönlichkeiten des kulturellen Lebens der ersten Hälf-te des 20. Jahrhunderts. Postuliert und kategorisiert wird er als »Arbeiterdichter«, »Industriedichter«, »Dichter der Ruhr«, »Expressionist«, »antifaschistischer Exilautor« oder auch »Naturlyriker«. Seine literarische Nachwirkung ist allerdings gering, denn obwohl seine Werke bis in die späten 1980er Jahre in Ostdeutschland gedruckt wurden und zwischen 1998 und 2001 eine fünfbändige Werkauswahl erschien, ist sein Œuvre heute fast in Vergessenheit geraten. Wer war dieser Paul Zech, der sich in den 1920er Jahren als »ein Dickschädel aus bäurisch-westfälischem Kornsaft« bezeichnete?

Kaum ein anderer Schriftsteller seiner Generation hat durch eigenes Verschulden seine einst hochangesehene Position im deutschen Literaturbetrieb so leichtfertig verspielt, war schließlich ähnlich umstritten und hat sich mit vergleichbarer, bis heute wirkender Nachhaltigkeit um die Gunst von Kollegen und Publikum gebracht wie Paul Zech. Und niemand anderer als dieser vielschichtige Mensch, dessen vor allem während der Epoche des Expressionismus erworbenen literarischen Verdienste nicht hoch genug eingeschätzt werden können, verstand es besser, seinen an Wendungen reichen Lebensweg durch Legenden zu verschleiern und zu einem von Gerüchten umwogenen Zerrbild der Wirklichkeit werden zu lassen. Denn zeitlebens hatte der Dichter seine biographischen Daten mit Nonchalance immer wieder neu fabuliert, um sie tatsächlichen oder vermeintlichen Erfordernissen anzupassen.

Damit umreißt Bert Kasties die Probleme der Forschung mit diesem doch überaus umtriebigen und produktiven Schriftsteller: Was sich üblicherweise aus Briefen, auto-biografischen Zeugnissen oder literarischen Texten über Autoren erarbeiten lässt, greift bei Zech nicht, da er immer wieder andere Angaben über sein Leben und sich machte. Er schrieb verschiedene, sich widersprechende Lebensläufe, neigte zur Selbstmystifikation, spielte also zeitlebens mit seiner Biografie.

Die großen Umbrüche und politischen Ereignisse prägten Zechs Leben: Ge-boren unter der deutschen Monarchie, erlebte er das Ende einer Weltordnung in einem selbstzerstörerischen Krieg, den Beginn und das Ende einer »ungeliebten Republik«, den Aufstieg eines diktatorischen Regimes bis zur Machtübernahme und im Exil schließlich ein etabliertes, von konservativen Machteliten geprägtes Ausbeutersystem. Die eigene Diskreditierung als seriöser Schriftsteller und Mensch, die Paul Zech immer wieder betrieben hat, umfassten Skandale, Plagiatsunterstellungen und Diebstahlvorwürfe.



»Was darüber ist, ist Legende. Ich zerstöre sie.«
Versuch einer Spurensuche


Geboren wurde Paul Zech am 19. Februar 1881 im westpreußischen Briesen bei Thorn als ältestes von fünf Kindern der Eheleute Adolf und Emilie Zech. Die Vor-fahren der Familie entstammen dem Land zwischen Rhein und Ruhr sowie aus dem Sauerländischen. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts siedelte sich die Familie in Elberfeld an. Wo Zech die Schule besuchte und wann er sein Abitur ablegte, bleibt – in Ermangelung konkreter Zeugnisse – ebenso ungewiss wie die Antwort auf die Frage, ab wann Zech sich selbst in der Region aufhielt. Auch sind ein Studium oder ein Studienabschluss nicht nachzuweisen. In seiner Selbstmystifikation wies Zech allerdings immer wieder auf ein abgeschlossenes Studium hin und führte auch zeitweise den Titel »Dr. phil.«. Von 1902 bis 1903 arbeitete er in belgischen und nordfranzösischen Bergwerken bei Monz und Lenz.

1904 heiratete er die Elberfelderin Helene Siemon (1885-nach 1962). Der Ehe entstammten zwei Kinder. Mit Brotberufen wie Lagerist (1904) oder Konditor (1906) versuchte er den Familienunterhalt zu bestreiten; finanziell wenig erfolgreich, schrieb er gelegentlich für die Barmer Allgemeine Zeitung und den General-Anzeiger aus Elberfeld. In der Elberfelder Literarischen Gesellschaft traf er mit Gleichgesinnten zusammen.
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1907 beteiligte Zech sich an den Kölner Blumenspielen und sandte fünf Natur-Gedichte als Bewerbung für den Remscheider Preis ein, die eine lobende Erwähnung fanden. Bis 1909 arbeitete er dann wieder in Bergwerken (Bottrop, Hamm). Diese Aufenthalte in den Bergbauregionen prägten Zechs literarisches Schaffen mehr als seine tatsächliche Herkunft; er ist wie kein anderer deutscher Schriftsteller seiner Zeit Dichter der industriellen Arbeitswelt, insbesondere des Bergbaus. Natur und industrielle Arbeitswelt stellen den Spannungsbogen im Zechschen Werk jener Tage dar.

1909 erschien Zechs erste Veröffentlichung unter dem Titel Das schwarze Revier in einem Privatdruck von 100 Exemplaren, wovon allerdings 80 Exem-plare vernichtet worden sein sollen. Erweitert und unter demselben Titel wurden die Sonette 1913 in der Reihe Lyrische Flugblätter mit einem Titelholzschnitt von Ludwig Meidner (1884-1966) im Berliner Verlag von Alfred Richard Meyer (1882-1956) publiziert. Die Gedichte spiegeln die Welt des rheinisch-westfälischen Kohlenreviers, die Arbeit selbst, ihre Gefahren und die Tristesse des alltäglichen Lebens. Sie verherrlichen den Arbeitsprozess und die Lebensbedingungen nicht, sondern verweisen, ganz in der Tradition der von Emile Zola (1840-1902) – vor allem durch seinen Roman Germinal (1885) – geprägten sozial-engagierten Arbeiterliteratur, auf soziale Ungerechtigkeiten.

Obzwar die zeitgenössische Rezension sich mit diesen Gedichten ausführlich beschäftigte, blieb der finanzielle Erfolg für Zech gering. Auch sein zweiter Ge-dichtband Waldpastelle (1910; Neuauflage Dresden 1920), den Zech immer als seine erste Publikation bezeichnete, fand kein breiteres Publikum. Die Sechs Gedichte erschienen ebenfalls in der Reihe Lyrische Flugblätter. Es folgten die Naturlyriksammlung Das Schollenbuch (1912) und sein erstes Schauspiel unter dem Titel Der Kuckucksknecht (1914), »ein sauerländisches Stück«, an dem er seit 1902 arbeitete und das 1927 in Leipzig am Alten Theater uraufgeführt wurde.

Zwischen 1910 und 1942 war Zech mit Stefan Zweig (1881-1942) befreundet, wovon der umfangreiche Briefwechsel beredtes Zeugnis ablegt. Während eines Aufenthaltes in Paris sollen sich beide kennen gelernt haben (zur nachweislich ersten persönlichen Begegnung kam es im November 1912 in Berlin). Zweig war sicherlich Zechs wohlgesinntester Freund, immer bereit, dem Gleichaltrigen zu helfen, ihn zu unterstützen (oft genug auch finanziell) und zu vermitteln. Aus der Zeit vor 1910 datiert Zechs Freundschaft mit Else Lasker-Schüler (1869-1945) – der »Wuppertaler Stadtnachbarin, dolles Ding, tapferer Kriegskamerad durch siebzehn Schlachtjahre«. Seit Sommer 1912 setzte sich Zech verstärkt für das Werk der Schriftstellerin ein.

Es war Else Lasker-Schüler, die Zech ermutigte, im Juni 1912 von Elberfeld nach Berlin überzusiedeln, obwohl er mit der »Front der Berliner Snobs« nur schwer zurecht kam. Zech wollte weg aus der Provinz, aus Wuppertal. »Hier in Wuppertal wird für alles Mögliche Geld aus-gegeben, nur nicht für Gedichte«, teilte er Georg Heym (1887-1912) mit. Berlin, das kulturelle Zentrum Deutschlands, bot die Chance, der provinziellen Enge zu entfliehen und sich als Schriftsteller zu etablieren. Hier fand er rasch Anschluss an die verschiedenen Literatenkreise, insbesondere an den Neuen Club, in dessen Neopathetischem Cabaret er Veranstaltungen besuchte, und lernte auf Vermittlung der Lasker-Schüler den von Herwarth Walden (1878-1941) geführten Sturm-Kreis kennen.

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