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Wolfgang Delseit: »Dickschädel aus bäurisch-westfälischem Kornsaft«

Paul Zech (1881-1946)

Zech arbeitete als »Buchrefent« für Zeitungen wie das Berliner Tageblatt, die Vossische Zeitung, den Berliner Tag und Die tägliche Rundschau. Und endlich wurden auch seine Gedichte publiziert – natürlich in Waldens Sturm, aber auch in Die neue Kunst, Das literarische Echo oder Die weißen Blätter. Ergebnis seiner neuen Bekanntschaften war auch die Aufnahme seiner Gedichte in die von Kurt Hiller 1912 in Heidelberg herausgegebene Anthologie Der Kondor, der ersten Lyriksammlung des frühen Expressionismus. Die neuen Kontakte nutzend, gründete Zech im Frühjahr 1913 mit den Lyrikern Hans Ehrenbaum-Degele (1889-1915) und Robert R. Schmidt sowie dem Grafiker Ludwig Meidner die Zeitschrift Das neue Pathos. Die Zeitschrift wurde zum Publikationsorgan vieler junger Expressionisten und bot auch den französischen Lyrikern Platz. Die Herausgabe brachte Zech in Kontakt mit den führenden Autoren des literarischen Expressionismus. Unabhängig davon, blieb er zeit seines Lebens ein Einzelgänger.

Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebte Zech in Berlin. Wie die meisten Schriftsteller begrüßte er den Krieg mit hymnischen, aber schlechten Gedichten und brachte ein Kriegs-Jahrbuch des Neuen Pathos heraus. Im Auftrag der Reichsregierung, für die er im Kriegsministerium als Übersetzer tätig war, bereiste er im Herbst 1914 als »Werbeleiter« die Schweiz.

Im März 1915 wurde Zech als »Landsturmmann« eingezogen und sowohl an der Ost- als auch an der Westfront eingesetzt. Hier lernte er die Materialschlachten an der Somme und bei Verdun aus nächster Nähe kennen. 1916 wurde er durch eine Granate verletzt und erlitt einen bleibenden Herzschaden. Die anfängliche Kriegsbegeisterung wich der Ernüchterung und machte dem Entsetzen Platz.

Nach dem Ende des Krieges – zwischenzeitlich war sein erster Erzählungsband Der schwarze Baal (1917) erschienen und er hatte gemeinsam mit Leonhard Frank (1882-1961) den renommierten, mit je 1.000 RM dotierten Kleist-Preis (30. November 1918) aus der Hand Heinrich Manns (1871-1950) erhalten – suchte Zech einen Ausweg aus der Verzweiflung und fand ihn vorerst in Monismus, christlicher Stimmung und revolutionärem Engagement. Letzteres übte er – bedingt durch seinen sozialen Anspruch innerhalb seiner Dichtungen – vor allem in Berlin aus, wo er sich – ohne entsprechende Parteizugehörigkeit – der SPD anschloss. Seine während des Krieges gewonnenen Erfahrungen auf dem Gebiet der Propaganda brachten ihm die Arbeit als Werbeleiter der Sozialdemokratischen Partei im Werbedienst der sozialistischen deutschen Republik ein, die er bis zur Auflösung der Organisation im Herbst 1919 ausübte. Hier arbeitete er maßgeblich am propagandistischen Weg der Partei mit. Das Verhalten der SPD-Verantwortlichen in der Etablierung ihrer Regierungsmacht führte zur Abwendung vom parteipolitischen Engagement. Zech sprach verbittert von der »Installierung einer neuen, von Wirtschaftsmagnaten und Bankdirektoren geleiteten Regierungsform unter dem Protektorat der schwarzen und der sozialdemokratischen Parteibürokratie«.

Insgesamt war Zech sehr umtriebig und produktiv in jenen Jahren zwischen 1910 und 1930/33: seine journalistischen und literaturkritischen Beiträge veröffentlichte er u. a. auch unter den Pseudonymen »Timm Borah« oder »Paul Robert«; er ließ sich über die Grundbedingungen der modernen Lyrik aus, verfasste eine ketzerische Studie über die Reichspropaganda, wetterte gegen den Starrkrampf der geistigen Jugend oder zog eine Bilanz deutscher Lyrik seit 1923. Er verfasste Aufsätze über August Strindberg (1849-1912), Ernst Blass (1890-1939) oder Franz Werfel (1890-1945). Bei Hans Ehrenbaum-Degeles Gedichten trat er 1917 als Herausgeber auf. Viele seiner Gedichte fanden unter den Rubriken Lyrik der Arbeitswelt und Arbeiterdichtung Eingang in die staatlichen Schul- und Lesebücher (insbesondere das Gedicht Der Hauer). Mitte der 1920er Jahre hatte er den Zenit seines Wirkens erreicht. Sogar der apostrophierte Literaturpapst Franz Blei (1871-1942) nahm ihn 1922 in sein Großes Bestiarium der modernen Literatur auf:

Der Zech: So heißt ein in Kohlenbergwerken lebender Höhlenkäfer, wo er das einförmige Geräusch der Spitzhacke mit seinem guten Takte begleitet. In den belgischen Gruben nannten die dortigen Leute den Zech auch Verhaeren.

Es erschienen zahlreiche, in Privatdrucken herausgebrachte Gedichtsammlungen – wie Schwarz sind die Wasser der Ruhr. Gesammelte Gedichte aus den Jahren 1902-1910 (1913) – und Neue Weihnachtsblätter (13 Hefte von 1918-1932).

Fast gleichzeitig arbeitete Zech – wie ein Workaholic – an mehreren Projekten, oftmals nur für die Schublade; verschiedene Werke konnte er erst Jahre nach ihrer Entstehung bei einem Verlag unterbringen und eine Vielzahl seiner Schriften erschien erst nach seinem Tod.
1919 gehörte Zech, u. a. neben Else Lasker-Schüler, Walter Hasenclever (1890-1949), August Stramm (1874-1915), Georg Trakl (1887-1914), Karl Otten (1889-1963) und Franz Werfel (1890-1945), zu den engagierten und ausdruckstarken Autoren, die Kurt Pinthus (1886-1975) zu seiner »Symphonie jüngster Dichtung« Menschheitsdämmerung zusammenfasste, was Zech endgültig eine »Kanonisierung« als »Expressionist« einbrachte. Er ist hier mit 13 Gedichten vertreten. Dabei steht das Sonett Fabrikstraße tags (vgl. S. 10), das Zech auf das Jahr 1911 datierte, synonym für sein Literaturverständnis dieser Tage.

Von 1920 bis 1923 arbeitete Zech für die deutsche Eisenbahnreklame in Berlin, um 1923 als Dramaturg am Dramatischen Theater (Berlin) in Erscheinung zu treten (das Unternehmen ging 1924 in Konkurs). Ebenso episodenhaft blieb seine Herausgebertätigkeit der kurzlebigen Zeitschrift Das dramatische Theater 1924 auf Vermittlung des Regisseurs und Theaterintendanten Willhelm Dieterle (1893-1972), mit dem er sich dann 1925 überwarf, was das Ende dieser Arbeit bedeutete.

1925 nahm Zech, der trotz seiner literarischen Erfolge vom Schreiben allein nicht leben konnte, auf dem Höhepunkt seiner literarischen Karriere eine Stelle als Bibliothekshelfer in der Berliner Staatsbibliothek an. An Zweig schrieb er:

Denk Dir, ich habe mich wieder in ein Amt begeben. Ich kann nicht Feuilletons auf Kommando schreiben. Und da ich nicht mehr die Spannkraft habe, Geldsorgen heiter zu ertragen, verdiene ich mir auf bürgerliche Art mein tägliches Brot. Hier verlangt man dafür nichts weiter als das im Rahmen der Stellung liegende Pensum. Und das leiste ich wie ein normaler Büromensch und damit basta.

Dennoch wurden seine literarischen Veröffentlichungen zahlreicher, auch wenn das Publikum, das sie erreichten, wegen der Zech umgebenden Skandale immer geringer wurde: 1925 erschienen die Romane Peregrins Heimkehr und Die Geschichte einer armen Johanna, zwei Erzählungen unter dem Titel Die Mutterstadt. Die unterbrochene Brücke sowie vier Erzählungen als Das törichte Herz, 1926 folgte der Roman Ich bin du, 1928 das Balladenbuch Das rote Herz der Erde, 1929 die Erzählungssammlung Das Baalsopfer und schließlich 1932 die Terzinen für Thino.

Am 21. Mai 1926 wurde an der Berliner Volksbühne Zechs Rimbaud-Drama Das trunkene Schiff unter der Regie von Erwin Piscator (1893-1966) aufgeführt; die Bühnenbilder entwarf kein Geringerer als George Grosz (1893-1959). Die Aufführung stellte Zechs größten (und einzigen wirklichen) Erfolg als Dramatiker dar. Dennoch blieb Zech dem Genre verhaftet: Bereits am 25. März 1921 war sein Stück Verbrüderung als »erste literarische Sonderveranstaltung der Volksbühne« in Berlin uraufgeführt worden. 1925 schrieb er das Drama Triumph der Jugend (UA.: Leipzig, 23. Januar 1926), es folgten Erde – die vier Etappen eines Dramas zwischen Rhein und Ruhr (1925, UA.: Königsberg, 5. Dezember 1925), Fremdes Gesicht im Haus (1926), Der unbekannte Kumpel (1927), Jochanaan (1928), das »chorische Spiel« Morgenrot leuchtet. Ein Augsburger Festspiel (1930), das Zech als Auftragswerk der Stadt zur 400-Jahrfeier der Confession Augustana verfasste (UA.: Augsburg, 12. Juli 1930), Hiob (UA.: Zittau, 25. März 1930) und als letzte vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten erschienene Publikation das Drama Das Schloß der Brüder Zanowsky (Frühjahr 1933).

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