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Wolfgang Delseit: „Ein kurzes Künstlerleben“

Ernst Isselmann 1885-1916
Seine Sehnsucht nach der Landschaft des Niederrheins und nach seiner Heimatstadt Rees trieben Isselmann oft in Begleitung von Jansen dorthin zurück. Jansen berichtet in seinen Memoiren, daß Isselmann sich seine Segeljolle zum Brückenturm bringen ließ. Von hier aus starteten sie einmal zu einer Segeltour, die dem Nichtschwimmer Jansen und dem segelsüchtigen Isselmann eine mehrtägige Bettruhe im elterlichen Haus in Rees einbrachte. Durch Jansen lernte Isselmann auch den Maler Johannes Greferath (1872-1946) kennen, der gelegentlich - meist mit Jansen - zu Besuch bei Isselmann war. Man bezog bei der Familie Isselmann oder im nahegelegenen Hotel Deymann am Markt Quartier und brach zu gemeinsamen Exkursionen in die Umgebung auf, wobei das künstlerische Arbeiten inmitten einer ländlichen Umgebung Antrieb war.

Im Winter 1913/14 gründete Isselmann mit Werner Heuser (1880-1964), Hans Dornbach (1885-1952) u. a. die „Rheinische Künstlervereinigung, Sitz Köln“, die im Januar 1914 eine erste Ausstellung in den Räumen des „Kölnischen Kunstvereins“ organisierte. An der Ausstellungseröffnung selbst nahm Isselmann nicht teil. Er war wenige Wochen zuvor mit dem zu den „Rheinischen Expressionisten“ zählenden Maler William Straube (1871-1954) nach Tunesien aufgebrochen, um dort einige Monate zu verbringen. Neben neuen künstlerischen Impulsen erhoffte sich Isselmann vor allem eine Gesundung seiner erkrankten Lungen. Die Ärzte hatten im Jahr zuvor eine beginnende Schwindsucht diagnostiziert und zu einer Reise in trockene und warme Klimazonen geraten.

Anhand der Postkarten, die Isselmann an seinen Freund Jansen schrieb, läßt sich der Ablauf der Tunesienreise Isselmanns nachvollziehen. Sie führte ihn zuerst nach Tunis, dann in das an der Mittelmeerküste gelegene Gabès, quer durch das südliche Tunesien bis Matmata, anschließend nördlich von Kebilli durch die Salzsümpfe des Schott el-Dscherid nach Touzeur und schließlich nördlich über Gafsa und Kairuan zurück nach Tunis. Der Rückweg nach Deutschland führte ihn über Rom durch das nördliche Italien.

Die Faszination, die Land und Leute auf Isselmann ausübten, fand ihren Niederschlag in zahlreichen Gemälden und Zeichnungen. In Postkarten an Jansen geriet er ins Schwärmen und versuchte, den Freund zum Nachreisen in das exotische Land zu bewegen:


"Begeisterte Karten erhielt ich von ihm aus Tunesien: wie unvorstellbar billig es sei, welche fabelhaften Negermodelle es gäbe, daß eine arabische Cocotte ein Märchen sei, nur persische Miniaturen seien so schön; wie Königinnen sähen sie manchmal aus in ihrer phantastischen Kleidung."

In Tunis mietete er sich für einen Monat ein Zimmer, malte und zeichnete Einheimische, die er gegen Bezahlung verpflichtete. Als er Fotografien der Oasen sah, war er begeistert; seine 1922 noch erhaltenen Zeichenbücher legten hierfür reges Zeugnis ab. Mit Straube bereiste er auf Eselskarren und Kamelen den Süden Tunesiens, um die Landschaft unter Ausnutzung der extremen Lichtverhältnisse malerisch nachzuempfinden. Er malte die Landschaft unter gleißender Sonne ebenso wie die Karawane, die in der hereinbrechenden Dämmerung ihren Weg sucht. Er durchquerte die Salzpfanne Schott el Dscherid, machte Station in Touzeur, Gafsa und Kairouan, um schließlich wieder nach Tunis zurückzukehren. Es ist durchaus vorstellbar, daß er im Verlauf dieser Reise auf die Maler August Macke (1887-1914), Paul Klee (1879-1940) und Louis René Moilliet (1880-1962) traf, die sich vom 7. bis 19. April in derselben Gegend aufhielten.

Im Sommer 1914 kehrte Isselmann Tunesien den Rücken, da seine finanziellen Mittel nahezu aufgebraucht waren. Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte er im August 1914 nach Rees zurück. Ein Auftrag rief ihn nach Aachen, wo er für das Jubiläum eines Großindustriellen eine Mappe mit Aquarellen des Hüttenwerkes „Rote Erde“ zu malen hatte. Dieser Aufenthalt und die Anstrengungen der Rückreise haben seine Lungenkrankheit vollends zum Ausbruch gebracht. Schwer krank vegetierte er im Elternhaus und nach einem Blutsturz wurde er schließlich nach Essen in ein Krankenhaus gebracht. Hier kümmert sich der damalige Direktor des Städtischen Museums Essen (heute Museum Folkwang), Ernst Gosebruch (1872-1955), um den schwer kranken Künstler. Im Frühjahr 1915 kehrte Isselmann unheilbar krank noch einmal nach Rees zurück, wo er am 17. März 1916 im Hause seiner Eltern an den Folgen seiner schweren Lungenkrankheit starb.

Gosebruch, der zuvor schon Bilder Isselmanns für das Essener Museum angekauft hatte, regelte den Nachlaß, der von dem Düsseldorfer Kunsthändler Alfred Flechtheim (1878-1937), einem der ersten Förderer Isselmanns, verwaltet wurde. Daß sich heute nur noch wenige Spuren Isselmanns in der Kunstgeschichte finden lassen, hängt sicherlich mit der späteren Auflösung der Sammlung Flechtheims durch die Nationalsozialisten (1933) und den Kriegseinflüssen zusammen. Maßgebliche Akzente konnte Isselmann durch seinen frühen Tod nicht setzen. Dennoch haben seine Bilder, vor allem die in Tunesien entstandenen, viele Liebhaber gefunden, so daß heute noch Bestände in verschiedenen Museen (etwa Kunstmuseum Bonn, Kunstmuseum Düsseldorf oder Museum Folkwang Essen) und bei Privatsammlern zu finden sind, die auf eine Wiederentdeckung dieses unterschätzten Malers hoffen lassen. In seinem Nachruf, den ebenfalls Ernst Gosebruch formulierte (in: Kunstchronik, 27. Jg. (1915/1916), Nr. 191, S. 260 f.), heisst es:

"Der Maler Ernst Isselmann, der 1916 in seiner Vaterstadt Rees im Alter von 30 Jahren gestorben ist, gerade zu Beginn schönster, verheißungsvoller Entwicklung, ist als Graphiker durch die beiden 1913 herausgegebenen Industriemappen bekannt geworden, Mappenwerke, die den niederrheinischen Industriebezirk in Steinzeichnungen festhalten, das eine im Selbstverlag erschienen, das andere, zu dem Franz M. Jansen Radierungen beigesteuert hat, von der Quadriga herausgegeben. Hier waltet nicht die verblüffende Fingerfertigkeit, mit der der geistreiche Pennel das tausendfältige Linienspiel der Schienenstränge, der Eisenkonstruktionen, der Telegraphendrähte vor uns entfaltet, fern bleibt das schwere Pathos, mit dem der dramatische Brangwyn den gigantischen Umriß der Fördertürme in düstre, sturmzerrissene Nacht taucht, und auch die durchdringende Sachlichkeit unsres Heinrich Otto, dessen scharfes Auge den Gebilden der Technik bis in ihre kleinsten Teile zu folgen vermag, ist hier nicht zu finden. Vielmehr ist die Welt der Hochöfen und Ladebühnen und Gasometer auf diesen lithographierten Blättern ganz ohne Nebengedanken rein als Augenlust, als malerische Schönheit genossen und wiedergegeben. Ihre feinsten atmosphärischen Stimmungen haben auf dem Stein einen Niederschlag gefunden, und wie nun der Künstler im Reich der Dämpfe und Dünste die unheimliche Erscheinungen eines sich bewegenden Krans zu verlebendigen, wie er die nüchtern, eintönig und endlos verlaufenden Rohrschlangen der Gasleitungen zum großen, phantastischen Motiv zu erheben weiß, das zeugt von ungemeiner Gestaltungskraft. Heute, 5 Jahre nach seinem vorzeitigen Tode,ist auch auf diesem Gebiet in der Malkastenstadt noch keiner über ihn hinausgekommen. Aber Isselmanns Zeichenbücher enthalten auch sehr bemerkenswerte Eindrücke seiner ausgedehnten Reisen, vor allem hat er in Nordafrika hohe Anregungen gefunden. Mehr noch wie die südliche Landschaft hat ihn der orientalische Mensch in seinem gehaltenen Umriß, seiner würdevollen Gebärde gereizt. Seine Skizzenmappen sind an Überraschungen reich; wie er zum Beispiel aus einem Bündel scheinbar willkürlich und übermütig hingeworfener Linien die anmutige Gestalt einer ruhenden Marokkanerin erstehen läßt, macht ihm so leicht kein anderer nach. Die Düsseldorfer Kunst hat mit Ernst Isselmann eine ihrer besten Hoffnungen verloren."

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