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»Gebunden an Zeit und Zeitgenossenschaft, an das von einer Generation Erlebte, Gesehene und Gehörte«.Heinrich Böll (1917-1985) wäre 90 Jahre alt geworden

Von Wolfgang Delseit

1967 stellte Karl Heinz Bohrer in der FAZ fest, » nicht die dreißigjährigen Frühvollendeten, nicht die Bachmann, nicht Enzensberger und auch nicht Grass, sondern der bald fünfzigjährige Böll steht repräsentativ für die deutsche Nachkriegsliteratur. Er ist ihr Klassiker«.

Seine Daten: Geboren und aufgewachsen in Köln, wo er auch, nach abgebrochener Buchhändlerlehre, 1939 ein Studium begann, das durch den Zweiten Weltkrieg und seine Gefangenschaft unterbrochen, erst 1945 fortgesetzt werden sollte. – Obwohl fortgesetzt hatte er es eigentlich nur der Lebensmittelkarte wegen, die seiner Familie das Überleben sicherte, denn zeitgleich arbeitete er als Hilfsarbeiter in der Schreinerei seines Bruders, bevor er das Studium 1948 ohne Abschluss abbrach und sich dem Schriftstellerberuf zuwandte. »Schreiben wollte ich immer, versuchte es schon früh, fand aber die Worte erst später.« (Über mich selbst, 1959).

In der rheinischen Metropole, die vor katholischer Biederkeit nur so strotzte, begann er ab 1947 erste Prosastücke zu veröffentlichen, 1949 sein erstes Buch Der Zug war pünktlich, gefolgt von dem Erzählband Wanderer, kommst du nach Spa... (1951), der ihm eine Einladung zur berühmt-berüchtigten »Gruppe 47« einbrachte, die ihm wiederum für die Erzählung Die schwarzen Schafe den Preis der Gruppe und im Jahr später einen Verlagsvertrag mit Kiepenheuer & Witsch in Köln einbrachte – finanzieller Segen für die arg gebeutelte und wachsende Familie Böll.

Hatte sich Böll bis dahin fast ausschließlich mit dem Krieg, seinen Verwundungen und Deformationen für Mensch und Gesellschaft beschäftigt, wandte er sich literarisch nun stärker den Gegenwartspoblemen zu, die auch aus dem Ende des Weltkrieges gespeist wurden. Und sagte kein einziges Wort (1953) und Haus ohne Hüter (1954) markieren diesen thematischen Wandel – individuelles Versagen wird zum gesellschaftlichen Versagen. Billiard um Halbzehn (1959), Ansichten eines Clowns (1963), Gruppenbild mit Dame (1971) und Fürsorgliche Belagerung (1979) sowie sein posthum erschienener Roman Frauen vor Flußlandschaft (1985) rücken immer näher an die gesellschaftliche Gegenwart heran, thematisieren katholische (Beengheit), Verdrängung der Vergangenheit bis hin zur Geschichtsklitterung oder personelle und gesellschaftliche Kontinuitäten nach 1945.

Schon zu Lebzeiten wurde sein literarisches Engagement geehrt: Der Preis der »Gruppe 47« war der erste, aber beileibe nicht der letzte. Es folgten u.a. der Eduard von der Heidt-Kulturpreis der Stadt Wuppertal (1958), der Büchner-Preis der »Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung« (1967), der Böll seit 1953 angehörte, der Nobelpreis für Literatur (1972) und schließlich die Carl-von-Ossietzky-Medaille der »Internationalen Liga für Menschenrechte« (1974). Eine letzte Ehrung erfuhr er 1983, als er zum Ehrenbürger seiner Geburtsstadt ernannt wurde.

Unbequem war er, ein kritischer Bürger seinem Anspruch nach – »Deutschland braucht keine Präzeptoren«, teilte er Hilde Domin 1971 in einem offenen Brief mit –, ein mündiges, streitbares Idividuum; zum »moralischen Gewissen der Nation« fühlte er sich nicht berufen. Kunst um ihrer selbst Willen, die lehnte Böll zeitlebens ab; das realistische Erzählen war seine Domäne. »Die Gewalt von Worten kann manchmal schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen« (Böll in einem Interview im Oktober 1974), das war die Maxime, nach der er schrieb. Für ihn stand das politische Engagement im Vordergrund seiner Essayistik, die zeitweise sein erzählerisches Werk in den Hintergrund drängte. Immer wieder forderte er von sich und seinen Schriftstellerkollegen kritische Stellungnahmen zur Gesellschaft, zu Gegenwartsproblemen und zur Zeitgeschichte: »Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben.«

Böll war Mitbegründer der »Germanica Judaica«, der Kölner Bibliothek zur Geschichte des Deutschen Judentums (1959), demonstrierte gegen die sog. Notstandsgesetze (1968), machte Wahlkampf für Willy Brandt (1970), engagierte sich in der Friedensbewegung und setzte sich im »Deutschen Herbst« für eine sachliche Berichterstattung über Ulrike Meinhof und die erste Generation der RAF ein, was ihm den Vorwurf einbrachte, Sympathisant der Terrorgruppe zu sein. Nicht der einzige »Skandal«, der Böll umgab: Die Katholische Kirche warf ihm politische Einseitigkeit vor, schaffte es sogar, dass sein Beitrag Brief an einen jungen Katholiken wegen seiner Kritik am Nachkriegskatholozismus vom WDR aus dem Programm genommen wurde. – Böll antwortete auf die ihm eigene Weise: Es erschien Dr. Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren (1959); aus der Katholischen Kirche trat er aber erst 1976 aus.

Doch Böll stand mit beiden Beinen auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung jenes Staates, den er oftmals harsch kritisierte. Sein gesellschaftspolitisches Engagement ging soweit, dass er sich 1965 für Wolf Biermann einsetzte, 1974 den aus der damaligen Sowjetunion ausgebürgerten Regimegegner Alexander I. Solchenitzin in seinem Haus aufnahm und sich Anfang der 1980er-Jahre – zivil ungehorsam nach dem Motto: »Einmischung erwünscht« – gegen den NATO-Doppelbeschluss an der Blockade der US-Kaserne in Mutlangen beteiligte. – Es ließe sich noch Vieles anführen...

Und sein Nachleben? Der IC 926 Heinrich Böll verkehrte früher zwischen Köln und Berlin Ostbahnhof über Düsseldorf Hbf., Duisburg Hbf., Essen Hbf., Dortmund Hbf., Hannover Hbf., Berlin Hbf. und zurück (als ICE 927); 2007 verkehrt der Schnellzug zwischen München Hbf. und Kiel Hbf. – gegen 12:05 und 12:11 Uhr passiert er Köln (als ICD E 927 passiert er Köln in entgegengesetzter Fahrtrichtung zwischen 17:46 und 17:53 Uhr). Im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch wird seit 2002 eine auf 27 Bände angelegte, textkritisch durchgesehene und kommentierte Kölner Ausgabe der Werke Heinrich Bölls herausgegeben, die bis 2010 abgeschlossen sein soll. Die Heinrich-Böll-Stiftung, die im November 1987 von der Familie und Freunden gegründet worden war, verlegt seit 2005 ein Periodikum unter dem Titel böll.Thema, das sich vorwiegend mit Themen beschäftigt, die Heinrich Böll als »seine Themen« angesehen hat: soziale Ungerechtigkeit, Stärkung der Zivilgesellschaft, Umweltschutz oder Demokratie. Und schließlich: In einem kleinen Örtchen namens Much im Rhein-Sieg-Kreis – hier lebten Böll und seine Frau Annemarie von 1944 bis 1946 – finden, unterstützt vom Kölner »Heinrich-Böll-Archiv«, vom 17. November bis 2. Dezember 2007 die Heinrich-Böll-Tage statt. – Und sein schriftstellerisches Werk? Fakt ist, dass es sicherlich nicht mehr die Leserschaft findet wie in den 1950er- bis 1990er-Jahren, doch aus dem Werkkanon der Schule ist Böll ebensowenig wegzudenken wie aus den Buchhandlungen, was hohe Neuauflagen (wie zuletzt das Irische Tagebuch und deren Rezeption belegen.

»Er war«, so Jochen Vogt 1987 im KLG, »alles in allem, der meistgelesene und -diskutierte, auch im Ausland bekannteste und geachtete, kurz, der ›erfolgreichste‹ Schriftsteller der Bundesrepublik«. – Dem gibt es eigentlich nichts mehr hinzuzufügen...