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Heinrich Heines 150. Todesjahr 2006

Enno Stahl hat die aktuelle Literatur gesichtet und mit einigen maßgeblichen Heine-Forschern gesprochen
Edda Ziegler wartet dagegen mit einer interessanten Arbeit auf: sie strengt aus genderspezifischer Perspektive eine historisch-kritische Auseinandersetzung mit Heines Frauenbild an. Die so genannten Gender Studies muss man nicht mögen, hier aber zeitigen sie fruchtbare Ergebnisse. So erweist sich, dass sich Heine weder in seinem Werk noch in seinem persönlichen Urteil über Frauen so fortschrittlich und unkonventionell geäußert hat, wie es man angesichts seines nonkonformistischen Lebenswandels hätte erwarten können. Ziegler resümiert, dass Frauen ”von wenigen Ausnahmen abgesehen - im Verhältnis zum eloquenten Dichter kaum eine eigene Stimme” hatten. Mit Recht bezeichnet Ziegler diesen gelungenen Ansatz als ”Feldforschung in einem noch immer brisanten Krisengebiet”.

Ähnliches lässt sich auch über die neue Monographie von Jakob Hessing sagen, ”Der Traum und der Tod”. Der Autor, Professor für Deutsche Literatur in Jerusalem, präsentiert eine doppelte Lesart des Heine’schen Werkes, das er zunächst in seinem deutschen, dann in seinem jüdischen Kontext sieht. Als Schlüsseltext für Heines spezifische deutsch-jüdische Identität betrachtet Hessing das Romanfragment ”Der Rabbi von Bacharach”, an dem der Dichter beinahe 20 Jahre immer wieder gearbeitet hat, ohne es vollenden zu können. Dass ihm dies nicht gelang, liegt für Hessing in den historischen Voraussetzungen des Projekts: Heines Versuch die Urgeschichte des Judentums noch einmal unter den Bedingungen der Moderne zu rekonstruieren, musste scheitern, da es zum Wesen der deutsch-jüdischen Begegnung gehöre, unlösbare Gleichnisse zu schaffen.

Wie Hessings Buch im Wallstein Verlag erschienen, ist Monica Tempians Recherche zum Motiv des Traumes in Heines Werk. Ausgehend von seinen allerersten Veröffentlichungen, den noch verstreut in Zeitschriften erschienenen ”Traumbildern”, behandelt sie die Traum-Sequenzen in den ”Reisebildern”, im ”Schnabelewopski” und im ”Wintermärchen”. Besonders interessant ist ein Exkurs zur französischen Rezeptionsgeschichte Heines: während seine Wirkung auf Baudelaire und die französischen Symbolisten bereits bekannt war, stellt Tempian über ihre Traumgeschichte eine direkte Verbindung auch zum Französischen Surrealismus her. Immerhin bezog sich dessen Gründungsvater André Breton ausdrücklich auf den ”Surnaturalismus” Nervals, einen Terminus, den niemand anders als Heine geprägt hat, und zwar schon 1831 in seinem Essay ”Französische Maler”.

Zu den Briefbiographien: auch hier hat Jan-Christoph Hauschild einen Band vorgelegt, “Heinrich Heine. Leben Sie wohl und hole Sie der Teufel”, wie charakterisiert er die Besonderheit seines Vorgehens:


HAUSCHILD: Also ich bin noch mal auf die Originalhandschriften zurückgegangen und habe die Briefe so wiedergegeben, wie sie Heine ursprünglich geschrieben hat. Das war mir ganz wichtig, denn man kann schon auf den ersten Blick sehen, wie eilig oder wie erregt Heine diese Briefe geschrieben hat. Das drückt sich einfach im Schriftduktus oder auch in Schreibversehen aus, und diese Schreibversehen konnte ich einfach abbilden.


In den 199 Briefen, die Hauschild ausgewählt hat, fünf verschiedenen Lebensphasen Heines zugeordnet, finden sich also Abkürzungen, Streichungen und Zeichnungen. Das dient der Authentizität und Lebendigkeit, dem weniger kundigen Leser könnte es bisweilen etwas kryptisch erscheinen.
Unter dem Titel “... und grüßen Sie mir die Welt” haben Bernd Füllner und Christian Liedtke ebenfalls eine Biographie in Briefen ediert. Beide befassen sich seit einigen Jahren im Heine-Institut mit der digitalen Erfassung von Heines Werken und Korrespondenz. Sie sind ähnlich vorgegangen wie Hauschild, auch hier sind die Briefe chronologisch strukturiert, ebenfalls 199 an der Zahl, ausgewählt danach, wie repräsentativ sie für Leben und Schreiben des Dichters sind. Besonders hilfreich ist ein umfangreiches Personenlexikon im Anhang, hier werden die Beziehungen Heines zu seinen Briefpartnern, zu Freunden und Gegnern ausführlich analysiert und beschrieben, was für das Fehlen der Briefe an Heine entschädigt. Kann man den Briefen denn eine eigenständige literarische Qualität attestieren? Dazu Christian Liedtke:


LIEDTKE: In seinen Briefen äußert sich Heine sehr viel ungeschützter und sehr viel weniger zurückhaltend als in seinen Werken, er kann, jedenfalls, wenn die Briefe nicht der Zensur unterlagen und er sicher sein konnte, dass sie ihre Empfänger auch erreichten, sich sehr viel freier äußern. Das macht sie biografisch interessant, aber auch literarisch interessant, weil er hier kein Blatt vor den Mund nimmt. Und sich mitunter, was seine Gegner betrifft sich doch sehr heftig äußert, ja, das ist eine besondere Qualität, die vielleicht hier noch viel stärker herauskommt, als in seinen Werken.


Liedtke hat sich noch einem weiteren Thema gewidmet, das in der Forschung bislang weitgehend vernachlässigt wurde, “Heinrich Heine im Porträt”. Zahlreiche Maler und Zeichner haben Konterfeis des berühmten Dichters angefertigt, doch ist die Lage verworren. Häufig weiß man nicht, welches Porträt echt oder unecht ist. Über die Bilder selbst, ihre Entstehens- und Überlieferungsgeschichte wusste man nur wenig, also hat Liedtke versucht, die Geschichte der Heine-Porträts zu erzählen. Das ist auch deshalb interessant, weil es höchst strittig ist, wie Heine nun wirklich aussah, zeitgenössische Beschreibungen widersprechen sich:


LIEDTKE: Das stimmt. Die Porträts sind einander gar nicht immer ähnlich, diese Unähnlichkeit wird noch verstärkt, wenn man die Porträts vergleicht mit zeitgenössischen Beschreibungen von Heines Äußerem, also die Haarfarbe ist mal so, mal so, die Augenfarbe mal so, mal so. Ich denke, das sind die gleichen Erfahrungen, die Fernsehkommissare machen, wenn sie ihre Zeugen befragen und auch ganz unterschiedliche Beschreibungen des Täters und des Opfers bekommen. So ein bisschen ist es bei Heine auch.


Last, but not least: für den schnellen Kontakt mit dem großen Satiriker und Glossisten präsentieren sowohl Joseph Anton Kruse als auch Bernd Kortländer Sammlungen von Geistesblitzen, humorigen Einfällen und Aperçus. Unter dem Titel “Die Worte und Küsse sind wunderbar vermischt...” hat Kortländer ein Lesebuch erstellt, dass zu den zentralen Themen Heines Gedichte, Sprüche und kurze Prosapassagen bereithält.
Polemisch gefragt, darf man das, gerade als absoluter Experte? Heine in Häppchen, ihn dem Zitatraubbau durch Halbgebildete und Bildungsyuppies aussetzen?


KORTLÄNDER: Ich glaube nicht, dass man Heine-Texte irgendwo vor irgendetwas schützen muss, die halten das alles aus, was man mit ihnen anstellt, weil sie sich ja wieder zusammensetzen und erneuern, jedes Mal wieder neu auch aufladen.


Und aus diesem Grunde wird Heine wohl auch dieses Gedenkjahr aushalten und überleben und für immer wieder neue Generationen zu entdecken sein. Natürlich ist das Heine-Institut in starkem Maße in die Gedenkfeierlichkeiten involviert. Wie diese konzipiert sind, verrät Joseph Anton Kruse:


KRUSE: Die Idee des Heine-Jahrs zum 150. Todestag war, weil das Heine-Institut selber ja ein rheinisch-bergisches Kulturarchiv ist, mit den Beständen zur Kunst, Literatur und Wissenschaft, in diesem Jahre nicht wie 25 Jahre zuvor zuerst den Todestag Heines zu begehen und dann den von Robert Schumann, sondern diesmal Differenzen, Analogien, Überschneidungen, Vergleichbarkeiten beider Künstler zusammen zu betrachten.


Aus dem reichhaltigen Reservoir des Heinrich-Heine-Institut wird somit, ergänzt um eine Vielzahl von Leihgaben, eine Doppelausstellung zu Heine und Schumann im Museumsbereich des Hauses sowie in der Kunsthalle Düsseldorf organisiert. Außerdem wird der Hein-Institut zusammen mit der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Robert-Schumann-Hochschule einen Kongress zu beiden Künstlern abhalten. Daneben wird bis Ende Juni 2006 ein Begleitprogramm mit zahlreichen Einzelveranstaltungen angeboten.

Hinzuweisen ist auch auf das von Bernd Füllner und Christian Liedtke bearbeitete Heine-Portal, das im Internet frei zugänglich ist. Hier ist unter der Adresse: www.heine-portal.de der Zugriff auf die gesamte historisch-kritische Düsseldorfer Ausgabe möglich. Dazu wurden sämtliche Briefe der Heine-Säkular-Ausgabe digitalisiert, vermehrt um zahlreiche weitere, die dort noch nicht erfasst waren.

Literaturliste:

Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen. Bilder von Hans Traxler. Hg.

Hans Bellmann, Reclam: Stuttgart 2005, 143 Seiten, 14.80 Euro

Kerstin Decker, Heinrich Heine. Narr des Glücks, Propyläen, Berlin 2005, 448 Seiten, 22 Euro

Jan-Christoph Hauschild/Michael Werner, ”Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst”. Heinrich Heine. Eine Biographie, Zweitausendeins: Hamburg 2005, 762 Seiten, 22 Euro.

Jan-Christoph Hauschild, Heinrich Heine. Leben Sie wohl und hole Sie der Teufel. Biographie in Briefen, AufbauVerlag: Berlin 2005, 477 Seiten, 24.90 Euro

Jan-Christoph Hauschild (Hg.), Heinrich. Heine. Gib mir Küsse, gib mir Wonne. Frivole Gedichte, Aufbau Verlag: Berlin 2005, 165 Seiten, 10 Euro

Jan-Christoph Hauschild (Hg.), Heinrich Heine für Große und Kleine. Gedichte, DTV: München 2005, ca. 90 Seiten, 7 Euro. (Illustriert von Reinhard Michel)

Jan-Christoph Hauschild (Hg.), Essen und Trinken mit Heinrich Heine, Neuausgabe, DTV: München 2005, 143 Seiten, 15 Euro (Mit 9 Heinrich-Heine-Créationen von Maìtre Jean-Claude- Bourgueil)

Jakob Hessing, Der Traum und der Tod. Heinrich Heines Poetik des Scheiterns, Wallstein: Göttingen 2005, 293 Seiten, 29.90 Euro

Bernd Kortländer (Hg.), Die Worte und die Küsse sind wunderbar vermischt.... Ein Heine-Lesebuch, Reclam Verlag: Stuttgart 2005, 234 Seiten,

Joseph A. Kruse, Heinrich Heine. Leben – Werk – Wirkung, Suhrkamp Basisbiographie: Frankfurt 2005, 152 Seiten, 7.90 Euro

Joseph A. Kruse (Hg.), Heine für Gestresste, Insel Verlag: Frankfurt/M. 2005, 111 Seiten, 6 Euro

Bernd Füllner/Christian Liedtke (Hg.), ”...und grüßen Sie mir die Welt” Ein Leben in Briefen, Hoffmann & Campe: Hamburg 2005, 558 Seiten, 25 Euro

Christian Liedtke (Hg.), Heinrich Heine im Porträt. Wie die Künstler seiner Zeit ihn sahen, Hoffmann und Campe, Hamburg 2006, 45 Euro

Monica Tempian, ”Ein Traum, gar seltsam schauerlich.” Romantikerbschaft und Experimentalpsychologie in der Traumdichtung Heinrich Heines, Wallstein: Göttingen 2005, 206 Seiten, 24 Euro

Edda Ziegler, Heinrich Heine. Der Dichter und die Frauen, Artemis & Winkler Verlag: Düsseldorf/Zürich 2005, 205 Seiten, 19.90 Euro


Gesamtausgaben:

Düsseldorfer Heine-Ausgabe (DHA) (Hg. Manfred Windfuhr), Hamburg: Hoffmann und Campe 1973-1997

Heine-Säkularausgabe (HSA), (Hg. Nationale Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar (heute: Stiftung Weimarer Klassik) und Centre National de la Recherche Scientifique in Paris), Berlin, Paris: Akademie-Verlag und Editions du CNRS 1970-1984


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