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Das Revier im „Ruhr.Buch“. Alles ein Anfang, jahrzehntelang

von Jens Dirksen

Essen/Duisburg. Ruhr.2010 will die Kulturhauptstadt in Romanauszügen, Gedichten, Liedern und Reportagen spiegeln: Das „Ruhr.Buch“ vereint Goethe, Hemingway, Max von der Grün, auch Georg Kreislers „Gelsenkirchen“-Hasslied ist dabei - für Revier-Kenner nicht wirklich neu.

Erik Reger hat vorläufig recht behalten: „Das Ruhrgebiet“; schrieb der Journalist, Romancier und spätere Gründer des Berliner „Tagesspiegels“ 1931, „ist ein Land von ungeheurer Gegensätzlichkeit und Weitmaschigkeit. Seit hundert Jahren ist alles ein Anfang. In hundert Jahren wird noch immer nichts abgeschlossen sein.“


Sollte allerdings in zwei Jahren beschlossen werden, dass 2018 die Kohle-Subventionen eingestellt werden, wird doch schon Schicht am Schacht sein und der Bergbau Geschichte.

Für Revier-Kenner ist das meiste altbekannt

Trotzdem sind Industrie und Arbeit bis heute anscheinend unverzichtbar, wenn es um die Identität des Reviers geht – selbst die Folkwang-Tänzer mussten bei der Kulturhauptstadt-Eröffnung Anfang Januar im Arbeitsgrau antreten. Und auch das neue Ruhr-Museum betont ja, dass das Revier ohne die darunterliegenden Kohleflöze nie eine zusammenhängende Region geworden wäre.


Um diese Region in Romanauszügen, Gedichten, Liedern, Reportagen zu spiegeln, hat die Kulturhauptstadt-GmbH ein modisch betiteltes „Ruhr.Buch“ in Auftrag gegeben. Und mancher wird überrascht sein, dass auch Hemingway übers Ruhrgebiet geschrieben hat (1923, während der französischen Besetzung). Aber im wesentlichen bietet der Band mit seinen 50 Textausschnitten das Altbekannte, von Goethes Duisburger Durchreise über Hermann Löns’ Dortmund-Gedicht bis zu Georg Kreislers „Gelsenkirchen“-Hasslied. Grönemeyers „Bochum“ ist auch dabei, Jürgen Lodemann nutzt seinen Originalbeitrag zur hemdsärmeligen Abrechnung mit der Literaturkritik und Roger Willemsen lassen die Herausgeber mit „Kein Satz über Moers“ eine nichtssagende Pirouette drehen. Revier-Kennern wird das meiste altbekannt vorkommen – als Einführung für Revier-Neulinge bezeugt der Band immerhin jene „ungeheure Gegensätzlichkeit und Weitmaschigkeit“.

Pott- und Pütt-Identität, gebrochen als Puzzle-Identität


Weit tiefer in die Geschichte dringt ein neuer Tagungsband ein, der „Die Entdeckung des Ruhrgebiets in der Literatur“ von vielen Seiten beleuchtet. Der originäre Beitrag des Ruhrgebiets zur Literatur fußt tatsächlich auf den Begriffen Industrie und Arbeit – bis hin zur Brechung dieser Pott- und Pütt-Identität als einer neuen, postmodernen Puzzle-Identität wie in den Romanen eines Frank Goosen. Das ist eines der Ergebnisse einer Tagung im Dortmunder Industriemuseum Zeche Zollern II/IV, die das Fritz-Hüser-Institut (zum 100. Geburtstag ihres Namenspatrons), die Bibliothek des Ruhrgebiets Bochum und die Duisburger Stadtbibliothek ausgerichtet haben.

Das Revier bildete tatsächlich mit der „Gruppe 61“ und dem Werkkreis „Literatur der Arbeitswelt“, mit Max von der Grün, Günter Wallraff und Erika Runge eine Zeit lang die Avantgarde, und das von Jürgen Lodemann in den 80er-Jahren in die Literatursprache eingeführte Ruhrdeutsch dient heute bei Thomas Gsella vor allem dem satirischen Spiel mit Revier-Klischees. So lässt sich immerhin umgehen, was Erik Reger einst der Kulturpolitik an der Ruhr vorwarf: „Man läuft hinter den Größen der Vergangenheit mit den Superlativen der Bewunderung her, man erkennt nicht, wie destruktiv es ist, von einer alten Tradition zu zehren, ohne eine neue zu schaffen.“

Dieser Text wurde erstveröffentlicht in der NRZ und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.