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Dirk Hallenberger: Industrie und Heimat. Eine Literaturgeschichte des Ruhrgebiets.

Rezensiert von Bernd Kortländer

Man durfte gespannt sein auf die Lektüre dieses Buches, und, um es gleich vorweg zu sagen, die hohen Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Dirk Hallenberger ist seit Jahren als der gründlichste Kenner der Literatur über das Ruhrgebiet ausgewiesen. Bereits 1990 brachte er zusammen mit Dirk van Laak und Erhard Schütz eine annotierte Bibliographie zum Thema heraus, die etwa 600 Titel umfaßt. Seitdem hat er sich als Autor, Herausgeber und Lehrbeauftragter der Universität Essen, mit Vorträgen, Aufsätzen und Büchern vielfältig weiter um den Gegenstand bemüht. Dieser auch äußerlich sehr ansprechende Band, zugleich als Dissertation an der Universität Essen angenommen, faßt jetzt die Ergebnisse dieser Studien zusammen.

Dabei unterscheidet sich die Eingrenzung des Gegenstandes bewußt von der Vorgehensweise, wie man sie üblicherweise in regionaler Literaturgeschichtsschreibung antrifft: Nicht die Literatur aus der Region interessiert hier, sondern die über die Region Ruhrgebiet. Nicht die Tatsache, daß ein Autor im Revier geboren wurde oder dort gelebt und gearbeitet hat, qualifiziert ihn als Objekt von Hallenbergers Untersuchung, sondern allein der Umstand, daß er sich literarisch zum Ruhrgebiet geäußert, es zum Thema seines Schreibens gemacht hat. So wird der Leser etwa vergebens nach Auskunft über Autoren wie Otto zur Linde oder Ernst Meister suchen, die zwar in Gelsenkirchen respektive Hagen geboren wurden, deren Werk aber zumindest äußerlich gar keine Spuren dieser Herkunft aufweisen, während der Ruhr-Roman des Berliners Karl Grünberg, der seinen Text ohne Ortskenntnis verfaßt hat, ausführlich vorgestellt wird. Die Vorteile, sich ganz auf die Frage „Wo spielt das Werk?“ zu konzentrieren, liegen auf der Hand. Nicht zuletzt entgeht man so allen Aporien, die sich zwangsläufig aus der regionalen Perspektive und der Frage: Wer ist ein „Ruhrgebietsautor“? ergeben. Andererseits aber gerät man auch in neue Schwierigkeiten, die Hallenberger vielleicht ein wenig unterschätzt. Denn die Frage nach dem „Schauplatz“ von Literatur ist so einfach nicht zu beantworten, jedenfalls nicht für die Literatur der Moderne, und so ist es z.T. auch ein Resultat der eingeengten Fragestellung, wenn im Gesamtergebnis dann wenig Gehaltvolles übrig bleibt. Fünf Autoren und Werke nennt Hallenberger selbst, die im Blick auf den „Kanon überregionaler Literaturgeschichte“ überlebensfähig wären, ohne freilich zu den „Hauptwerken der deutschen Literatur“ zu zählen.

Die Unterscheidung zwischen der Literatur „aus der“ und „über die Region“ fällt letztlich deshalb nicht so schwer ins Gewicht, weil am Ende doch der ganz überwiegende Teil der Werke über das Ruhrgebiet von Autoren aus dem Ruhrgebiet stammt, und Leute wie der genannte Karl Grünberg die Ausnahme sind. Insofern kommt es dann doch zu einer Literaturgeschichte des Ruhrgebiets, in der allerdings nur die Autoren berücksichtigt sind, die auch über das Ruhrgebiet geschrieben haben.

In acht Kapitel hat Hallenberger sein Buch gegliedert. Der Aufbau folgt meist einem Schema von: Vorstellung des allgemeinen Problems; Vorstellung des Autors mit Kurzbiographie; Vorstellung des Werks mit stichwortartiger Inhaltsangabe; Einordnung und Bewertung. Das 1 Kapitel referiert kurz die Beschreibungen der Gegend um die Ruhr im frühen 19. Jahrhundert, als dieses Gebiet allerdings noch nicht das war, was wir heute mit „Ruhrgebiet“ assoziieren. Das gilt auch noch für die im 2. Kapitel vorgestellte Heimatliteratur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als Deutschlands Städte und Landschaften literarisch kartographiert wurden. Erst mit dem 3. Kapitel, das vor allem dem Wirken des ersten Bergarbeiterdichters Heinrich Kämpchen gewidmet ist, beginnt die eigentliche Untersuchung zur „Ruhrgebietsliteratur“. Kämpchen schrieb als Bergarbeiter Gedichte für Bergarbeiter, ein typischer Dilettant, dessen Texte allerdings einen Ansatz in Richtung auf Sozialkritik und politische Bewußtseinsbildung machen, der in der Folge in der Ruhrgebietsliteratur nur selten Nachfolger fand und erst mit der Bewegung des Jahres 1961 wieder intensiv in den Mittelpunkt tritt. Ausgangspunkt für sein Schreiben war der erste große Bergarbeiterstreik des Jahres 1889 gewesen, der auch andere Autoren wie den Lyriker Ludwig Kessing oder den Dramatiker Emil Rosenow zu literarischen Darstellungen motivierte.

Das genaue Gegenstück zu Kämpchens Ansatz stellt der Roman „Die Stoltenkamps und ihre Frauen“ (1917) des überaus erfolgreichen Unterhaltungsschriftstellers Rudolf Herzog aus Wuppertal dar, in dessen Hintergrund die Industriellenfamilie Krupp und ihr Unternehmen stehen. Hier werden die sozialen Gegensätze und Spannungen verharmlost und im Bild einer großen Familie aller Werksangehörigen unter der Führung des starken Pariarchen harmonisiert.

Im vierten Kapitel geht es um die Arbeit der Autorengruppe „Werkleute auf Haus Nyland“, in deren Zentrum zunächst Josef Winckler, Wilhelm Vershofen und Gustav Kneip standen. Diese drei gründeten den Bund, der von 1912 bis 1921 bestand, und sie waren auch hauptverantwortlich für die Zeitschrift des Bundes, die zunächst „Quadriga“, später „Nyland“ hieß. Durch die Arbeiten von Wolfgang Delseit sind Ziele und Programm der „Werkleute“ in den letzten Jahren vielfach beleuchtet und dokumentiert worden. Ihnen ging es weniger um Arbeiterliteratur in einem politisch-sozialkritischen Sinne, sondern um eine Literarisierung des Phänomens der Industriewelt und der industriell geprägten Landschaft, ihr Zugangsweg war nicht realistisch oder naturalistisch, sondern - in der Nachfolge Richard Dehmels - neuromantisch. Josef Wincklers „Eiserne Sonette“ (1912/13), die Motive aus dem Industrieraum Rhein-Ruhr aufnehmen, setzen ganz auf das Faszinosum der Welt der Arbeit und der Maschinen, auf Dämonie und Großartigkeit der Technik. Im Umkreis des „Bundes“ schrieben Autoren wie der konservative „Vorzeigearbeiterdichter“ Heinrich Lersch oder zwei weitere echte schreibende Arbeiter wie Gerrit Engelke und Christoph Wieprecht. Auch Paul Zech arbeitete einige Zeit mit den „Werkleuten“ zusammen und publizierte in deren Zeitschrift. Sein Ansatz etwa in den expressionistischen Gedichtbüchern „Das schwarze Revier“ oder „Schwarz sind die Wasser der Ruhr“ (beide 1913) ging eher in Richtung einer künstlerischen Ausleuchtung der Industriewelt und ihrer Aura von Großartigkeit und Fremdheit als in die einer kritischen Analyse. Andererseits trennt ihn das Engagement für die Situation der Arbeiter, die er nach Einsätzen unter Tage aus eigener Anschauung kannte, vor allem aber der unübersehbare Abstand an literarischer Qualität deutlich von den „Werkleuten“. Zech ist sicher der interessanteste und wichtigste der in Hallenbergers Buch vorgestellten Autoren, und seine Darstellung kommt dafür doch etwas zu kurz.

Andererseits war es die erklärte Absicht des Verfassers, die meist übersehenen und vergessenen Namen in der Vordergrund zu rücken, was dann auf Kosten der größeren und in den Literaturgeschichten bereits gewürdigten Figuren ging. Zu den weithin Vergessenen und ebenfalls in den Umkreis der „Werkleute“ gehört Otto Wohlgemuth, dessen Wirken das 5. Kapitel gewidmet ist. Nicht nur mit seinem Gedichtband „Aus der Tiefe“ (1922), sondern auch mit verschiedenen Anthologien versuchte der Ex-Bergmann und spätere Bibliothekar Wohlgemuth aus Hattingen einen Beitrag zur Ruhrgebietsliteratur zu leisten. Doch blieb seine Lyrik-Sammlung „Ruhrland“ (1923), in der Mitglieder einer „Ruhrland-Gemeinschaft“ publizierten, ebenso wie der „Ruhrland-Almanach“ (1924) ohne bleibende Wirkung. Ein tiefer Dilettantismus prägt diese Texte, deren konventionelle Sprach- und Bildwelt nicht in der Lage ist, die Industrielandschaft des Reviers adäquat abzubilden. Zu Recht zitiert Hallenberger in diesem Zusammenhang Erik Regers Wort vom „Sonettengestrüpp“ (165).

Vom Ruhrkampf des Jahres 1920 findet sich in den bürgerlich geprägten Gedichten der „Ruhrland-Gemeinschaft“ kaum eine Spur. Aber auch auf der Linken gibt es zumeist nur verzögerte Reflexe. Näher vorgestellt werden im 6. Kapitel die Texte von Kurt Kläber, Friedrich Wolf, Karl Grünberg und Hans Marchwitza, die allesamt aus der Perspektive der Arbeiter gestaltet sind. Grünbergs Roman „Brennende Ruhr“ (1928) repräsentiert die offizielle Version der kommunistischen Partei, bleibt aber literarisch ingesamt äußerst schwach.

Die Schwächen von Marchwitzas „Sturm auf Essen“ (1930) ebenso wie die seiner „Kumiak“-Trilogie über das Leben einer Arbeiter-Familie im Ruhrgebiet sind ebenfalls offensichtlich: Es handelt sich um linke Kolportageliteratur mit einer starken Neigung zum klassenkämpferischen Kitsch. Gern etwas mehr hätte der Rezensent über Rudolf Braune gelesen, der nicht nur mit seinem ersten Roman „Der Kampf auf der Kille“ (1928), sondern auch mit verschiedenen Erzählungen das Ruhrgebiet thematisiert hat. Braune ist einer der besseren Autoren aus dem kommunistischen Lager, der mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Ein Buch, das sowohl literarische Qualitäten hat und zugleich die soziale Lage im Ruhrgebiet kritisch zu analysieren versteht, findet Hallenberger dann in dem Roman des Esseners Erik Reger „Union der festen Hand“ (1931). Reger, der eigentlich Hermann Dannenberger hieß und selbst von 1920 bis 27 bei Krupp beschäftigt war, schildert in kaum verschlüsselter Weise am Beispiel der Krupp-Werke den Aufbau der Schwerindustrie im Ruhrgebiet zwischen 1918 und 1928. In einem sehr umfangreichen Kapitel dokumentiert Hallenberger die Rezeption dieses Romans in den verschiedenen ideologischen Lagern. Er sieht in Reger nicht nur den „profundesten und hellsichtigsten Kritiker..., den das Ruhrgebiet je hervorgebracht hat“ (256), sondern zugleich den Verfasser des qualitätsvollsten Industrieromans aus dieser Periode insgesamt.

Zwar gelingt auch Reger nicht „der“ Ruhrroman, nach dem die Kritik seit langem ruft. Doch hat das Revier in „Union der festen Hand“ und dem ein Jahr später erschienenen Roman „Das wachsame Hähnchen“, wo am Beispiel der Stadt Essen („Wahnstadt“) die Geschichte lokalen Größenwahns, eitler Selbstbespiegelung und verfehlter Hoffnungen in die Zukunft erzählt wird, zwei Porträts bekommen, die zusammen genommen ein lebendiges und literarisch anspruchsvolles Bild der Region am Ende der Weimarer Republik entwerfen. Heute sind die Bücher Regers wie die allermeisten der von Hallenberger behandelten Werke nicht mehr greifbar, doch während das in den meisten Fällen kein Schade ist, wäre für „Union der festen Hand“ und „Das wachsame Hähnchen“ ein Neudruck doch zu wünschen. Nicht lohnen würde sich etwa die Neuauflage von Werken zweier weiterer im 7. Kapitel vorgestellter Autoren: Wilhelm Beielstein und Walter Vollmer fallen weit hinter den Problemhorizont zurück, den Reger in seinen Werken entwickelt, beide werden vielmehr Vor- und dann auch aktive Mitläufer einer nationalsozialistischen Propagandaliteratur, die das so disparate Ruhrgebiet schließlich vereint sieht in der Hingabe an die Ziele der NS-Ideologie.

Im abschließenden 8. Kapitel wirft Hallenberger dann noch einen kurzen Blick auf die Entwicklung des Themas nach 1945. Zunächst läßt sich kaum ein Einschnitt feststellen: Walter Vollmer ist weiterhin der schnell rehabilitierte Repräsentant des literarischen Ruhrgebiets und erhält 1955 den Droste-Preis. Auch ein Autor wie Erich Grisar, der in den 20er Jahren mit seinen Gedichten noch einen wichtigen Beitrag zur sozialkritischen Arbeiterliteratur leistete, liefert jetzt anspruchslose Unterhaltungsromane. Erst 1961 gibt es mit der auf Initiative von Fritz Hüser hin erfolgten Gründung der „Dortmunder Gruppe 61" eine wirkliche Erneuerung, deren Geschichte allerdings nicht mehr Gegenstand von Hallenbergers Untersuchung ist.

Der Leser dieses ebenso spannenden wie lehrreichen Durchgangs durch die Ruhrgebietsliteratur ist dem Verfasser in mehrfacher Hinsicht zu Dank verpflichtet: Dank dafür, daß er ihm die sicher in den meisten Fällen nicht sehr angenehme Lektüre abgenommen und so den Weg zu dem wirklich interessanten Texten überhaupt erst gebahnt hat; Dank für die sehr besonnenen und gut begründeten Urteile und Bewertungen. Und Dank schließlich für die gelungene Lösung der gar nicht leichten Aufgabe, ein faktenreiches Nachschlagewerk und gleichzeitig doch gut lesbares Buch zu liefern.


Dirk Hallenberger: Industrie und Heimat. Eine Literaturgeschichte des Ruhrgebiets. Essen: Klartext-Verlag 2000, 334 S., Eur