Lesesaal > Rezensionen > Beitrag
Weitere Beiträge
  • Generation 39: Judith Kuckart: Kaiserstraße

    Rezensiert von Walter Gödden
    [27.12.2017]
  • Inventar des Dortmunder Fritz-HĂŒser-Instituts

    Rezensiert von Jochen Grywatsch
    [22.12.2017]
  • Befiehl dem Meer!

    Ludwig Homann folgt in seinem neuen Roman vertrauten Spuren. Und doch ist ein ganz anderes Buch dabei heraus gekommen.
    [22.12.2017]
  • Thomas Kade: Körper FlĂŒchtigkeiten

    Rezension von Michael Starcke
    [02.12.2017]
  • Rezensiert von Kerstin DĂŒmpelmann
    [01.12.2017]
  • Die Arschlöcher waren draußen

    Martin Willems ĂŒber den Bildband
    [26.11.2017]
  • HerznĂ€he bringen

    Michael Starcke ĂŒber den neuen Gedichtband
    [07.11.2017]
Backlist
Alle bisherigen Beiträge finden Sie in unserer Backlist.

Zu den Netz-Datenbanken von RLA und WLA

Ein rheinlÀndischer Pazifist zwischen Expressionismus und Exil

Das Karl Otten-Lesebuch, rezensiert von Marc Reichwein

Ein rheinlÀndischer Pazifist zwischen Expressionismus und Exil

Band 1 von Nylands Kleiner Rheinischer Bibliothek: das Karl Otten Lesebuch.

Rezensiert von Marc Reichwein

Schon seit 2002 macht die „Kleine WestfĂ€lische Bibliothek“ der Kölner Nyland-Stiftung in preisgĂŒnstiger Form auf vergessene oder vergriffene Texte von Autorinnen und Autoren der westfĂ€lischen Literaturgeschichte aufmerksam. Nun bekommt die Buchreihe ihr rheinisches Pendant: Den Auftakt bildet ein von Enno Stahl zusammengestelltes Lesebuch, das an den weitgehend vergessenen Schriftsteller, Journalisten und Pazifisten Karl Otten (1889-1963) erinnert.


Die 160-seitige Anthologie versammelt reprĂ€sentative Lyrik, Prosa und RomanauszĂŒge eines Autors, dessen Name vor allen mit der expressionistischen Bewegung in Verbindung steht. Neben Lebensdokumenten, Bildern und Briefen aus dem im DLA Marbach gelagerten Nachlass Ottens enthĂ€lt das Lesebuch auch einige bislang unveröffentlichte Texte, wie etwa die autobiografische Skizze „Weltgeist Luitpold“, in der Otten, der ab 1910 in MĂŒnchen studierte, das LebensgefĂŒhl der Schwabinger Boheme in sehr prĂ€gnanter Weise Revue passieren lĂ€sst. Ein ausfĂŒhrliches Nachwort und eine fĂŒr den ersten Überblick gedachte Werkbibliografie runden das Lesebuch ab, das man nicht zuletzt (Hochschul-)Lehrern weiterempfehlen mag, weil es ein kleines Kaleidoskop an Anregungen fĂŒr die literaturgeschichtliche Wieder- und Neuentdeckung Ottens im Rahmen von Seminaren bereitstellt.


Was aber macht Otten und seine Werke exemplarisch? Der in OberkrĂŒchten nahe der hollĂ€ndischen Grenze geborene Zollbeamtensohn, der in schwierigen katholischen FamilienverhĂ€ltnissen aufwuchs, war Zeit seines Lebens gegen Krieg. Auslösend fĂŒr seine pazifistische Grundhaltung, die ihn zwangslĂ€ufig in Konflikte mit dem wilhelminischen Militarismus brachte, wirkte eine 1912 unternommene Reise nach Griechenland, bei der der damals 23-jĂ€hrige Otten in die Wirren des albanischen Befreiungskrieges gegen die TĂŒrken geriet.


„Ich wollte weg von Europa und wĂ€hlte den finstersten Balkan, Albanien; TĂŒrkei, Hellas als Wanderziel, was mich mit der wahren Zukunft unser aller Vater-LĂ€nder, dem Krieg, konfrontierte, mit dem wahren Krieg, mit brennenden Dörfern, erschlagenen MĂ€nnern und Frauen, mit HeldengrĂ€bern und jenen entsetzlichen, von weißen Stieren gezogenen, kreischenden Karren, die mit Leichen gefĂŒllt waren. So schlug der Krieg wie der Blitz in eine Kapelle, in mein dichterisches, allerdings seit jeher skeptisches GemĂŒt.“


Im Ersten Weltkrieg als Anarchist inhaftiert, arbeitete Otten wĂ€hrend der Weimarer Republik als Redakteur und Autor in Wien und Berlin. Mit Beginn der NS-Zeit flĂŒchtete er ins Exil zunĂ€chst nach Mallorca und 1936, nach dem Franco-Putsch, weiter nach London. 1958 kehrte der in Deutschland 1936 ausgebĂŒrgerte Otten, der seit 1947 die englische StaatsbĂŒrgerschaft besaß, auf den Kontinent zurĂŒck und lebte bis zu seinem Tod im schweizerischen Locarno.

Die in der Anthologie zusammengetragenen Materialien, namentlich die Briefe an Zeitgenossen wie Gottfried Benn, Alfred Döblin oder Armin T. Wegner, vergegenwĂ€rtigen zum einen, dass sich Otten nach dem Zweiten Weltkrieg wie kein zweiter als produktiver Herausgeber um das VermĂ€chtnis des von den Nazis verfemten Expressionismus verdient gemacht hat. Sein Engagement erscheint umso eindrucksvoller, wenn man sich vor Augen hĂ€lt, dass Otten seit 1944 erblindet war und nur mit der großen Hilfe seiner Frau Ellen ĂŒberhaupt weiter publizieren und brieflich korrespondieren konnte.

Zum anderen, und auf diesen Aspekt legt die Anthologie gleichfalls ĂŒberzeugend Gewicht, ist mit Otten keineswegs ein Autor ins literarische Bewusstsein (zurĂŒck) zu rufen, der sich nur in eine, nĂ€mlich die expressionistische, Schublade stecken ließe. Vielmehr wartet hier ein Werk mit einer großen stilistischen und thematischen Bandbreite auf: BĂŒcher wie „Die Reise durch Albanien“ (1913), der Entwicklungsroman „PrĂŒfung zur Reife“ (1928) oder der im spanischen BĂŒrgerkrieg angesiedelte Roman „Torquemadas Schatten“ (1938) sind ebenso dokumentarisch wie autobiografisch gefĂ€rbt. Sie bestechen durch zeitgeschichtliche BezĂŒge und bezeugen ein ausgeprĂ€gtes soziologisches Interesse, das, wie Enno Stahl andeutet, durchaus in Korrelation zu Ottens eigener „Unterschichtsozialisation“ gesehen werden kann. Übrigens: Wie selbstverstĂ€ndlich grenzĂŒberschreitend, heute wĂŒrde man sagen „europĂ€isch“, Otten seine wache Zeitgenossenschaft verstand, weiß auch, wer G. W. Pabsts Bergarbeiterdrama „Kameradschaft“ kennt, denn Idee und Drehbuch zu diesem frĂŒhen Meisterwerk des deutschen Tonfilms lieferte Karl Otten.


Das Karl Otten Lesebuch, zusammengestellt und mit einem Nachwort von Enno Stahl. Köln: BĂŒcher der Nyland-Stiftung 2007 (Nylands Kleine Rheinische Bibliothek, Band 1). 160 S., 8,50 Euro