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Ellen Widmaier: dort wo wir lagen

Rezension von Michael Starcke

Die 28 Gedichte, die Ellen Widmaier in ihrem Lyrikband „dort wo wir lagen“ versammelt hat, sind einfach stark. Ob gereimt oder in freien Versen, kommen diese Gedichte anrührend und originell, nachdenklich und wissend daher, ohne es zu leugnen, mitunter auch melancholisch, das eigene Leben und seine Erfahrungen erzählend, auf der Suche nach Standpunkten, nach Verortung und Identität.

Es sind Erinnerungsgedichte darunter, ebenso wie Naturgedichte und solche, die von der Liebe berichten, wie ich finde, auf der Dichterin ureigenste Art, ein lyrisches Ich, das bekannten Frauengestalten aus der Antike wie Eurydike und Sappho begegnet oder mit Frauen wie Mascha Kaléko und Frida Kahlo korrespondiert, „Frida Kahlo in Blond“. Dabei schält sich das Selbstverständnis der Dichterin heraus, wie sie sich als selbstbewusste Frau wahrnimmt und sieht, in „Abendmahl mit Don Juan“ trefflich beschrieben: „ich & du/ spielen Katz & Maus/ küssen Kirschen/ beißen zu/ ich spuck dich aus.“ Dabei war das nicht immer so, wenn die Dichterin schreibt: „ich war einmal/ eine ahnungslose Frau/ mit Frühdienst Spätdienst/ Nachtdienst“ oder in „Verlustmeldung“: „außerdem melde ich/ den Verlust meiner Zeit/ Umwege, Irrwege, falsche Berufe.“

Ellen Widmaier spricht mit den Worten, die sie ihrer Eurydike in den Mund legt: „Ich sage euch, wie es war“ und es scheint mir nicht anmaßend fortzufahren, wie es ist. Wie es war, davon erzählt sie u. a. in dem Titel gebenden Gedicht, „dort wo wir lagen“, das den Übergang von der Jugend ins Erwachsensein beschreibt, traurig und wunderschön: „dort wo wir lagen/ am Wehr unter Erlen und Farn/ Septemberstaub dämpfte das Grün/ legte sich uns auf die Lippen.“ Oder in „Jawort“: „Ich hab mein Leben/ verstaut in verstaubten Kartons/ neben den alten Straßenkarten/ eingerissen im Knick.“ In „Junger Mai“ heißt es: „mein Tanz rührte die Götter/ Apoll applaudierte/ im Bücherregal.“ Oder in „Verlustmeldung: „So viel Politik/ So wenig Lyrik/ das fing an vor meiner Geburt/ Mord – bis in die Familie.// Schadhafte Männer/ das fing mit dem Vater.“

Das sind lebensprägende Erfahrungen, die die Dichterin nicht nur wehmütig stimmen, sondern die sie auch, genau hinblickend, mit ihrem poetischen Skalpell seziert: „Schadensregulierung – wo/ ist der Versicherungsschein?/ Im Geburtskanal verloren/ mit der Nabelschnur entsorgt.“ Oder in „Tanka vom unerwarteten Tod“ liest sich die Verzweiflung über den Tod eines geliebten Menschen so: „Feuer leckt obszön/ ihm die fahlen Lippen wund/ Stirn erstickt im Qualm/ bin so dumm und ungeübt/ im Leid, Papa, nimm mich mit.“

Wie es ist, davon erzählt Ellen Widmaier z. B. in „Nordstadt-Reim“: „Hier steht die PCB-Kippe Von Kasachstan/ mit freilaufend zertifiziertem Scharlatan.“ Das ist ein Poem wie auch andere, entstanden an ihrem Wohnort Dortmund, augenzwinkernd und lakonisch, den hier gesprochenen Slang aufnehmend mit Humor: „Da quatschte er mich an/ Hassema die Uhrzeit?/ betatschte mich am Arm/ schnappte nach der Tasche/ Ratsch!“ Und später, nachdem der Räuber aufs Kreuz gelegt worden ist: „Sagnsma, wie hamse das/ geschafft, so klein und/ so schwach?// Ich ganz lax (…): taff im Training - / Karate und Klavier.“

Obwohl ich mich wiederhole, diese Gedichte sind einfach stark, ungekünstelt und authentisch und dennoch kunstvoll komponiert, ein Glücksfall für den Leser und die Poesie. Man begegnet einer Dichterin, der man glaubt, wenn sie fordert: „gib mir ich bin mein Kind/ das ich niemals// niemals zerschlagen werde.“ Oder einen Vers später: „rühr mich an/ Meer der verlorenen Liebe// flutendes Meer… Und man fühlt sich angesprochen und in seiner Sehnsucht bestätigt, wenn sie formuliert:  „jemand hat Du gesagt/ in der Dürre der Nacht.“ Auch bestätigt in der Einschätzung dieser Gedichte. Sie gehören nicht ins Bücherregal gestellt, sie gehören immer wieder gelesen.

Michael Starcke

Ellen Widmaier
dort wo wir lagen
Gedichte
roterfadenlyrik
Edition Haus Nottbeck
Oelde/Dortmund
im vorsatz verlag
ISBN 978-3-980553-8-9