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Geliebtes Scheitern

Mit seinem Gedichtband „Picknick am Schlagfluß“ kehrt Ulrich Horstmann dem Schriftstellerdasein den Rücken. Von Frank Müller

Seinen Ausmusterungsbescheid unterschrieb Ulrich Horstmann, Kleist-Preisträger des Jahres 1988 und Hochschullehrer für Anglistik an der Universität Gießen, im letzten Sommer. Nach dreißig Jahren, so erklärte Horstmann während seines Vortrags in München, in denen er seinem Brotberuf die Zeit gestohlen und sich mit seinem heimlichen Laster vergnügt habe „wie der Quartalssäufer mit dem Flachmann“, strecke er die Waffen. Die Droge, von der die Rede war, heißt Literatur. Ausgerechnet sie, die den Schriftsteller mit der Barttracht des Dreißigjährigen Krieges immer wieder durch die Mangel der Verschriftlichung gedreht hatte, hatte ihn jetzt zum Veteranen gestempelt? Eines war klar: Was da vor die Zuhörer hintrat, gab sich alle Mühe, als ausgebranntes Söldner-Wrack zu erscheinen.


Zur Klärung der Fronten und als nachdrückliche Erinnerung an das verlorene Paradies, das Schreiben in Saus und Braus und die geplünderten Potenziale: Horstmann, Jahrgang 1949, stolperte mit dem apokalyptischen Bestseller „Das Untier“ (1983) auf die Bühne. Wer Qual und Leid ausrotten wolle, hieß es dort, müsse zunächst ihren Verursacher, den Menschen, ausrotten. – Eine Empfehlung, angesichts derer sich die Zeitung „Neues Deutschland“ seinerzeit zu der Frage bemüßigt fühlte, „wann Professor Horstmann seinen Nervenarzt zuletzt konsultiert“ habe. Es folgte ein Gewaltmarsch des mehrfach makulierten Marodeurs quer durch alle literarischen Genres: Aphorismen, Gedichtzyklen, Prosa- und Essaysammlungen, Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Auch in Talkshows konnte man den eloquenten Untergangshofer schon bewundern.


Was also spräche dagegen, die Ausfälle in das Reich der Fiktionen so lange fortzusetzen, bis die Waffen schartig geschlagen sind und die Feinde in die Flucht? Zunächst einmal die Tatsache, dass die Menschheitsdämmerung nicht mehr vor, sondern hinter uns liegt. Der Krieg ist vorüber, der Bedarf an Unheilspropheten und Schwarzsehern rückläufig. Doch auch in den eigenen Reihen wurde die Desertion von langer Hand vorbereitet. An die Stelle der viel beschworenen künstlerischen „Autonomie“ tritt bei Horstmann ein existenzielles Ausgeliefertsein. Schriftsteller zu sein ist ein Schicksal, das sich mit jedem Buch wenden kann. Die Kunst ist nicht verfügbar, sie verfügt über den Autor. Oder auch nicht: Wolfgang Hildesheimer verstummte im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Derselben Sprachlosigkeit verfiel der englische Lyriker Philip Larkin.


Das Wunschbild künstlerischer Integrität, dem kein Einsatz groß genug erscheinen kann, und das Horstmann als Herausgeber und Übersetzer angloamerikanischer Autoren mit besonderer Hingabe kultiviert, dreht ihm nun den Hahn zu. Dass ihm das Versiegen der literarischen Nährlösung dabei so hervorragend ins melancholisch gezeichnete Selbstbild zu passen scheint, ist das eigentliche Verhängnis.


„Hinrichtung zur Unsterblichkeit – Biografie als Gesamtkunstwerk“, so hatte Horstmann ein Essay zu Oscar Wildes 100. Todestag überschrieben. Wildes in der rückhaltlosen Verkunstung des Lebens dramatisiertes Scheitern besitzt Vorbildcharakter. Ihm will der Nachgeborene es gleichtun. Vor dem endgültigen Ausnüchtern, dem kalten Entzug, dem Heulen und Zähneklappern aber hat die retardierende Logik des Verlagswesens ein letztes, ein allerletztes Rückzugsgefecht anberaumt. „Picknick am Schlagfluß“ steht auf dem Umschlag des unscheinbaren Bändchens. Es zeigt den ausgemusterten Literaten kurz vor der Sperrstunde, am Vorabend seines taktischen Rückzugs in das Reich der Untaten.


Die reimlosen Langzeilen spannen einen weiten Bogen. Sie heben an bei den Göttern, die die Ursuppe satt haben und denen stattdessen nur noch Protoplasma auf die „abspeisungstafel von welt“ kommt. Von hier aus wandert der distanzierende Blick Horstmanns weiter, vorbei an den Mammut-Schlächtern des Pleistozäns, bis hin zu der sich am Fett der Hochzivilisation labenden Moderne, in der man reihum an- und aufstößt. Ob Fernsehen, SMS oder Höhensonne – wo früher Kulturkritik dräute, hat Horstmann kurz vor dem selbst verhängten Ende seiner literarischen Wehrpflicht allenfalls noch den befremdlichen, den aberwitzigen Dreh raus. Was bleibt, ist die halbherzige Rückkehr zum „Schweigen hinter dem Schweigen“, zum Nullpunkt der Geschichte, den schon der Debüttand Horstmann zum Nabel der Welt erklärt hatte.


Doch selbst dieses Abschreiben und Abgeschriebensein kann so furchtbar nicht sein, dass es sich nicht trefflich goutieren ließe. So geschehen anlässlich einer „Intellektuellenmast“, der gegenüber sich das lyrische Ich als „widerborstig“ erlebt: „Etwas füttert mich durch, gut, / in meinem Verschlag; / aber mit Haut und Haaren / komme ich nicht dazwischen, Rücken an Bauch, Bauch an Rücken, / ruchlos, wie ich bin.“ Die Überschrift verrät, dass der Ausgegrenzte sich trotzdem sauwohl fühlt: „Schwein gehabt“. (Homepage: www.untier.de)


Ulrich Horstmann: Picknick am Schlagfluß. Gedichte. Oldenburg: Igel Verlag 2005. 70 Seiten. 10 Euro. ISBN 3-89621-204-4

Frank Müller