Lesesaal > Rezensionen > Beitrag
Weitere Beiträge
  • Generation 39: Judith Kuckart: Kaiserstra√üe

    Rezensiert von Walter Gödden
    [27.12.2017]
  • Inventar des Dortmunder Fritz-H√ľser-Instituts

    Rezensiert von Jochen Grywatsch
    [22.12.2017]
  • Befiehl dem Meer!

    Ludwig Homann folgt in seinem neuen Roman vertrauten Spuren. Und doch ist ein ganz anderes Buch dabei heraus gekommen.
    [22.12.2017]
  • Thomas Kade: K√∂rper Fl√ľchtigkeiten

    Rezension von Michael Starcke
    [02.12.2017]
  • Rezensiert von Kerstin D√ľmpelmann
    [01.12.2017]
  • Die Arschl√∂cher waren drau√üen

    Martin Willems √ľber den Bildband
    [26.11.2017]
  • Herzn√§he bringen

    Michael Starcke √ľber den neuen Gedichtband
    [07.11.2017]
Backlist
Alle bisherigen Beiträge finden Sie in unserer Backlist.

Zu den Netz-Datenbanken von RLA und WLA

Klaus M√§rkert: Requiem f√ľr Pac-Man

Rezension von Michael Starcke
Klaus M√§rkerts autobiografischer Roman ‚ÄěRequiem f√ľr Pac-Man‚Äú hat es in sich, ist R√ľckblick auf die 90. Jahre, die lakonische Abrechnung eines herzkranken Autors, der als Dark-Wave-DJ einen Neuanfang sucht und an den Gegebenheiten und der Borniertheit einer Gesellschaft zu scheitern droht, die die Philosophie des Computerspiels ‚ÄěPac-Man‚Äú atemberaubend zu verk√∂rpern scheint, fressen oder gefressen werden.
Doch von Anfang an.
Der Roman folgt unterschiedlichen Erzählsträngen. Einer erzählt vom Aufenthalt
in einer Rehabilitationsklinik, in der der Autor nach einem Herzinfarkt wieder so
hergestellt werden soll, dass er dem Arbeitsmarkt zur Verf√ľgung gestellt werden
kann, ein anderer, angeregt durch den Psychologen der Klinik, leistet Erinnerungsarbeit und erzählt das Leben des Autors während der Spanne der 90. Jahre, ein Auf und Ab, dass einem Hören und Sehen vergeht, während man denkt, dass es kein Wunder ist, dass dem Protagonisten im wahrsten Sinn des Wortes das Herz brechen musste.
Aber Klaus M√§rkert w√§re nicht Klaus M√§rkert, (ein Autor, von dem ich denke, dass er noch eine gro√üe Zukunft hat), wenn er, krank und resignierend, alles √ľber sich ergehen lie√üe. Da ist er aus anderem Holz, einer der das Schreiben f√ľr sich entdeckt hat und sich auf seine ganz eigenen Art und Weise zu wehren versteht, mit hintergr√ľndigem, nicht selten sezierendem schwarzem Humor und einer Beobachtungsgabe, die man manchem Politiker w√ľnschte, der sich von seinen W√§hlern eher wegbewegt, anstatt auf sie zuzugehen.
Vielleicht r√ľhrt diese Beobachtungsgabe von seiner Krankheit her, der Erfahrung, ausgegliedert zu sein, weil man nicht mehr funktioniert, wie es erwartet wird und man deshalb abgestempelt eine neue Position einnimmt, die des sensibilisierten Betrachters.
Diese Position ist f√ľr den Protagonisten Klaus M√§rkert wie geschaffen und er nutzt sie mit seiner originellen, unverbrauchten, lakonischen Sprache und seiner ungew√∂hnlichen Fabulierkunst, egal, ob er die Tage seines Klinikaufenthalts beschreibt, einschlie√ülich der Menschen, denen er ungefragt begegnet, wie der Dame etwa, die er, einer Eingebung folgend, Deneuve nennt, ‚Äězwanglos und unverbindlich‚Äú.
Egal ob er die Willk√ľr st√§dtischer √Ąmter und deren Mitarbeiter ankreidet, als er
mit seiner Freundin Lisa eine Szenediskothek gr√ľnden m√∂chte, er der unangepasste DJ mit seiner Liebe zu Dark-Wave und Punk-Musik, der nicht in die Klischees b√ľrgerlichen Denkens und Handelns passt, egal ob er erz√§hlt, wie er in der Ausbildung zum Diplom-Sozialarbeiter einen Klausurtext in Form einer Kurzgeschichte, (im √ľbrigen eine nachahmenswerte Idee), abfasst oder mit ‚ÄěMordgedanken‚Äú den Einkauf einer Frau an der K√§setheke verfolgt, immer geschieht dieses bei allem Ernst auf groteske Weise, dass man sich das Lachen nicht verbei√üen kann, bzw. will.
Und das Schönste ist, dass sich der Autor nicht ausnimmt, selbstironisch und augenzwinkernd. Nein, Klaus Märkert wird nicht gefressen von den Monstern im Pac-Man-Spiel. Er hält dagegen, indem er es von der Festplatte löscht. Obwohl das Spiel einfach von vorne beginnt.
Selten habe ich mit solchem Vergn√ľgen einen autobiografischen Roman wie ‚ÄěRequiem f√ľr Pac-Man‚Äú gelesen. Selten aber auch blieb ich nachdenklicher zur√ľck, an die eigenen Unzul√§nglichkeiten und Borniertheiten erinnert. So ist dieser Roman auch ein Hinweis darauf, wie leicht man sich anpasst und in eine Rolle zwingen l√§sst, egal, ob sie einem gem√§√ü ist oder nicht.
Vor allem aber ist dieser Roman einer, der trotz aller Kritik das Verst√§ndnis f√ľr alles Menschliche an keiner Stelle vermissen l√§sst und somit vielleicht sogar einen ‚ÄěSchelmenroman‚Äú verk√∂rpern k√∂nnte.
                                                                                                                            Michael Starcke


Klaus M√§rkert: Requiem f√ľr Pac-Man. Eisenhut Verlag Hagen-Berchum. 2., erweiterte Auflage 2013. ISBN 978-3-942090-28-5