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Klaus Märkert: Requiem für Pac-Man

Rezension von Michael Starcke
Klaus Märkerts autobiografischer Roman „Requiem für Pac-Man“ hat es in sich, ist Rückblick auf die 90. Jahre, die lakonische Abrechnung eines herzkranken Autors, der als Dark-Wave-DJ einen Neuanfang sucht und an den Gegebenheiten und der Borniertheit einer Gesellschaft zu scheitern droht, die die Philosophie des Computerspiels „Pac-Man“ atemberaubend zu verkörpern scheint, fressen oder gefressen werden.
Doch von Anfang an.
Der Roman folgt unterschiedlichen Erzählsträngen. Einer erzählt vom Aufenthalt
in einer Rehabilitationsklinik, in der der Autor nach einem Herzinfarkt wieder so
hergestellt werden soll, dass er dem Arbeitsmarkt zur Verfügung gestellt werden
kann, ein anderer, angeregt durch den Psychologen der Klinik, leistet Erinnerungsarbeit und erzählt das Leben des Autors während der Spanne der 90. Jahre, ein Auf und Ab, dass einem Hören und Sehen vergeht, während man denkt, dass es kein Wunder ist, dass dem Protagonisten im wahrsten Sinn des Wortes das Herz brechen musste.
Aber Klaus Märkert wäre nicht Klaus Märkert, (ein Autor, von dem ich denke, dass er noch eine große Zukunft hat), wenn er, krank und resignierend, alles über sich ergehen ließe. Da ist er aus anderem Holz, einer der das Schreiben für sich entdeckt hat und sich auf seine ganz eigenen Art und Weise zu wehren versteht, mit hintergründigem, nicht selten sezierendem schwarzem Humor und einer Beobachtungsgabe, die man manchem Politiker wünschte, der sich von seinen Wählern eher wegbewegt, anstatt auf sie zuzugehen.
Vielleicht rührt diese Beobachtungsgabe von seiner Krankheit her, der Erfahrung, ausgegliedert zu sein, weil man nicht mehr funktioniert, wie es erwartet wird und man deshalb abgestempelt eine neue Position einnimmt, die des sensibilisierten Betrachters.
Diese Position ist für den Protagonisten Klaus Märkert wie geschaffen und er nutzt sie mit seiner originellen, unverbrauchten, lakonischen Sprache und seiner ungewöhnlichen Fabulierkunst, egal, ob er die Tage seines Klinikaufenthalts beschreibt, einschließlich der Menschen, denen er ungefragt begegnet, wie der Dame etwa, die er, einer Eingebung folgend, Deneuve nennt, „zwanglos und unverbindlich“.
Egal ob er die Willkür städtischer Ämter und deren Mitarbeiter ankreidet, als er
mit seiner Freundin Lisa eine Szenediskothek gründen möchte, er der unangepasste DJ mit seiner Liebe zu Dark-Wave und Punk-Musik, der nicht in die Klischees bürgerlichen Denkens und Handelns passt, egal ob er erzählt, wie er in der Ausbildung zum Diplom-Sozialarbeiter einen Klausurtext in Form einer Kurzgeschichte, (im übrigen eine nachahmenswerte Idee), abfasst oder mit „Mordgedanken“ den Einkauf einer Frau an der Käsetheke verfolgt, immer geschieht dieses bei allem Ernst auf groteske Weise, dass man sich das Lachen nicht verbeißen kann, bzw. will.
Und das Schönste ist, dass sich der Autor nicht ausnimmt, selbstironisch und augenzwinkernd. Nein, Klaus Märkert wird nicht gefressen von den Monstern im Pac-Man-Spiel. Er hält dagegen, indem er es von der Festplatte löscht. Obwohl das Spiel einfach von vorne beginnt.
Selten habe ich mit solchem Vergnügen einen autobiografischen Roman wie „Requiem für Pac-Man“ gelesen. Selten aber auch blieb ich nachdenklicher zurück, an die eigenen Unzulänglichkeiten und Borniertheiten erinnert. So ist dieser Roman auch ein Hinweis darauf, wie leicht man sich anpasst und in eine Rolle zwingen lässt, egal, ob sie einem gemäß ist oder nicht.
Vor allem aber ist dieser Roman einer, der trotz aller Kritik das Verständnis für alles Menschliche an keiner Stelle vermissen lässt und somit vielleicht sogar einen „Schelmenroman“ verkörpern könnte.
                                                                                                                            Michael Starcke


Klaus Märkert: Requiem für Pac-Man. Eisenhut Verlag Hagen-Berchum. 2., erweiterte Auflage 2013. ISBN 978-3-942090-28-5