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Rainer KĂŒster: Bochumer HĂ€user – Neue Geschichten von HĂ€usern und Menschen

Rezension von Michael Starcke
Auch Rainer KĂŒsters zweites Bochumer HĂ€user-Buch ist wieder eine wahre Fundgrube, ein Geschichts- und Geschichtenbuch der besonderen Art, gewissenhaft und sorgfĂ€ltig recherchiert. Dreh- und Angelpunkt sind natĂŒrlich die HĂ€user, in einem weiteren Sinn gefasst, denn auch das Vereinsheim eines Fußballclubs, TaubenschlĂ€ge und ein Friedhof sind unter anderen, sehr unterschiedlichen, dabei. Es werden, wie könnte es anders sein, natĂŒrlich auch die Menschen zur Sprache gebracht, jene die die HĂ€user erbauten, jene die in ihnen wohnten und wohnen oder arbeiteten, genau wie die, die den Autor auf die HĂ€user hinwiesen und mit Informationen nicht geizten, Betroffene und Wissende vor Ort.
In allen Geschichten gelingt es Rainer KĂŒster schon einleitend einen ganz persönlichen Bezug zu den besprochenen HĂ€usern und ihrer Geschichte zu schaffen, mitunter mit einem völlig anderen Thema, einem Romantitel zum Beispiel oder augenzwinkernd mit einem wissenschaftlichen, philosophischen Thema wie Hans Blumenbergs „Arbeit am Mythos“. Auch persönlicher Ärger, wie zum Beispiel eine alberne Sitzplatzumverteilung auf dem Fußballplatz (Rainer KĂŒster ist bekennender AnhĂ€nger des Vfl Bochum und schon ewig Inhaber einer Dauerkarte) können eine Geschichte einleiten, doch sie fĂŒhren immer auf wunderbare Weise zum springenden Punkt. Ebenso gelingt es dem Autor, auch am Ende jede Geschichte mit einer persönlichen Überlegung oder Beobachtung abzurunden, oft sinnend und nachdenklich, dass man als Leser noch lange in der Geschichte bleibt oder sie noch einmal von vorne liest. Rainer KĂŒsters Wahl bedeutet auch das persönliche Errichten eines Archivs des Erinnerns und fördert damit die Kultur des Nichtvergessens, die auch eine politische ist, wenn in der „kleine(n) Rathausgeschichte“ etwa vom Naziterror berichtet wird, der den damaligen BĂŒrgermeister Otto Ruer in den Selbstmord trieb, oder in der Geschichte „Kunst auf Lothringen“ ĂŒber ein Zwangsarbeitslager zu sprechen ist.

Vielgestaltig sind die HĂ€user, die Eingang ins Beschreiben und Schreiben des Autors fanden, die baulichen Überreste einer ehemaligen Brauerei, der Schlegelbrauerei, sind dabei, die Theodor-Körner-Schule, Rainers KĂŒsters ehemalige Arbeitsstelle, die KrĂŒmmede, die Bochumer JVA, die Burg Blankenstein oder „Ehrenbergs HĂ€user“, in denen Hans Ehrenberg, ein Judenchrist, der „kleine Pastor“, wirkte, der sich nicht vom NS-Regime unterkriegen ließ im Schutzhaftlager Sachsenhausen.
Unterschiedlich sind die Menschen, deren Lebenswege und Schicksale mit den HĂ€usern verwoben sind. Z. B. lernen wir Hugo BerghĂŒser kennen, der es in Papua-Neuguinea zum Minister brachte und von der Britischen Krone in den Ritterstand erhoben wurde. Dieser „Ritter aus dem Regenwald“ ließ sich in seiner alten Heimat Bochum-Stiepel von Bochums bekanntem Architekten Karl F. Gehse ein Domizil bauen, eine Art Museum fĂŒr sein Lebenswerk, geschmĂŒckt mit Kunstwerken aus der Mythen-welt der SĂŒdsee.
Oder wir begegnen dem vielseitigen KĂŒnstler „Oskar Gölzenleuchter“ oder Karl-Heinz Tigges, der Brieftauben zĂŒchtet, oder dem Bergmannssohn Heinz Esken, der noch weiß, wie man vor der Moderne in Bochum lebte.
Sie alle sind beeindruckend, eigenwillige Charaktere, die Rainer KĂŒster sensibel und respektvoll zeichnet, humorig und klar.
Und so kann die LektĂŒre des neuen Bochumer HĂ€user-Buches nur empfohlen werden. Der Autor baut den HĂ€usern und Menschen ein Denkmal in Sprache, kein unberĂŒhrbares, sondern ein zutiefst menschliches, das der Leser neugierig und lĂ€chelnd besuchen will, ĂŒberzeugt, dass dieses Buch geschrieben werden musste.  

Rainer KĂŒster: Bochumer HĂ€user – Neue Geschichten von HĂ€usern und Menschen. Mit Illustrationen von Thomas Zehnter und zwei Federzeichnungen von Karl F. Gehse. edition exemplum, Athena Verlag 2013. ISBN 978-3-89896-519-4

 Michael Starcke