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Ruhr 2010 – eine Bücherschau

Das Kulturhauptstadtjahr im Rückblick. Was bleibt unterm Strich für die Literatur? Der Versuch einer Bilanz von Walter Gödden

Das Ruhrgebiet erlesen

Ist es ein Gebetbuch? Steht da in goldener Schrift auf rotem Grund etwa „Ruhrgebet“? Nein, es heißt tatsächlich „Ruhrgebiet“ und die übrigen Buchstaben auf dem Cover muss man sich mühsam zusammenpuzzeln. Die Herausgeber können nichts für dieses seltsame Erscheinungsbild. „Ruhrgebiet“ erschien in der Reihe „Europa erlesen“ des Österreichischen Wieser-Verlags, der in ähnlicher Manier die Alpen-Adria, den Balkan oder Amsterdam und Belfast literarisch bemusterte. Herausgeber sind mit Thomas Ernst und Florian Neuner zwei jüngere Literaturwissenschaftler und Autoren, die sich mit diversen Veröffentlichungen im Metropolenjahr positiv ins Gespräch gebracht haben. Thomas Ernst unter anderem mit einem programmatischen Beitrag zum Thema „Von der ‚Heimat’ zur Hybridität. Die Entdeckung des Ruhrgebiets in der Literaturwissenschaft“ in dem facettenreichen, von Jan Pieter Barbian und Hanneliese Palm 2009 herausgegebenen Band „Die Entdeckung des Ruhrgebiets in der Literatur“.
„Ruhrgebiet“ nimmt wie „Ruhr.Buch“ Vergangenheit und Gegenwart in den Blick. Es kommt, was nicht ausbleiben konnte, zu namentlichen Überschneidungen, wenngleich nur zu zwei Dubletten (Georg Kreislers „Gelsenkirchen“, Richard Huelsenbecks „Ruhrkrieg“). Ansonsten erweitert sich der Fundus an anregenden Lektürefundstücken.
Auch in dieser Anthologie präsentiert sich das Ruhrgebiet wie ein „Tag der offenen Tür“. Alles hängt mit allem zusammen und fügt sich zu einem hybriden Gebilde. Entsprechend locker ist die Komposition des Bandes, dessen 68 Beiträge einem losen thematischen Faden folgen. Kurioses steht neben Programmatischem, Episodisches neben Manifesten, neben Stimmen von Durchreisenden, Reportagen, Reisenotizen.
Auch diese Anthologie will einen Gegenbeweis antreten. Nein, sagen die Herausgeber, das Ruhrgebiet ist nicht aliterarisch, es leidet nur zu sehr unter seinen Minderwertigkeitskomplexen. Die Frage nach dem „Typischen“, dem „Besonderen“ der Revier-Literatur blenden die Herausgeber bewusst aus. Sie fokussieren die gesamte Topographie Ruhrgebiet in ihrer Vielfalt und Disparatheit. So lasse sich auch dort Schönheit erkennen, wo andere am liebsten wegschauen: „Das Ruhrgebiet und seine Literatur bieten die große Möglichkeit, einen ganz anderen Begriff von Schönheit zu entwickeln, der womöglich dem 21. Jahrhundert angemessener ist.“

Schwarze Buchstaben

Wenn schon, dann gründlich. Die Herausgeber von „Ruhrgebiet“, präsentieren noch eine weitere Anthologie: „Das Schwarze sind die Buchstaben. Das Ruhrgebiet in der Gegenwartsliteratur.“ Wiederum in Kombination mit einer gehörigen Portion „Basiswissen Literatur“. Das Nachwort umfasst nicht weniger als 50 Seiten und bietet einen Generalüberblick über Epochen, Stile und Genres der Ruhrgebietsliteratur. Es schließt eine Einschätzung der Forschungsliteratur ebenso ein wie eine Klassifizierung früherer Ruhrgebiets-Anthologien. Die so oft behauptete Homogenität der Ruhrgebietsliteratur sei ein Trugbild, eine Suggestion, lesen wir, zumindest eine Simplifizierung. Sie habe ästhetisch avancierte Texte ebenso ausgegrenzt wie groteske, satirische, frivole, interkulturelle, Underground- und Popliteratur, Poetry Slam oder neue intermediale Literaturformate wie Weblogs. Heute präsentiere sich die Literatur des Ruhrgebiets vielfältig und kreativ wie nie. Eben jene produktive Heterogenität sei die Stärke der Ruhrregion, die keine Metropole im klassischen Stile sei, sondern eine „zentrumslose Stadt der Städte“, die sich wie ein Rhizom präsentiere, also in der Art eines verzweigten Stammbaums. Die Herausgeber sprechen á la Pierre Bourdieu von einem mobilen „Kräftefeld“ konkurrierender Milieus.
Die vorliegende Anthologie nimmt „die eher unbekannten und abseitigen Texte über das Ruhrgebiet“ in den Blick. Sofern diese denn ästhetisch hochwertig sind. Und hierzu zählt dann – zum Glück – ein Helge Schneider („Woanders ist auch nicht mehr los im Grunde“) ebenso wie Hans Hennig Claer („Die zerschlagene Fresse“) oder Eva Kurowski mit ihren hochkomischen und sprachlich unverblümten Genrestückchen. Die 17 Beiträge bieten ausgesprochenen Lesespaß. Schriftstellerische Souveränität paart sich mit Witz, Esprit und Originalität. Vor Überraschungen ist man nicht gefeit. So empfand die berüchtigte Züricher Autorin Sibylle Berg Castrop-Rauxel überraschend beschaulich: Sie flieht schließlich nicht vor der Hässlichkeit des Ruhrgebiets, sondern vor dessen Kleinstadtidylle: „Fast hätte mich der Virus infiziert. Der Virus der Friedlichkeit, der Sauberkeit von Straßen und Geist.“
Das von der Anthologie geöffnete Zeitfenster reicht von 1987 (Ludwig Harigs „Essener Tagebuch“) bis in die unmittelbare Gegenwart (Beiträge von Eva Kurowski, Thomas Kapielski, Jürgen Link, Florian Neuner, Harry Rowohlt, Erasmus Schöfer, Wolfgang Welt). Spielort und Schauplatz Ruhrgebiet lassen auch „Gäste“ zu Wort kommen: Günter Herburger, Franz Hodjak, Katja Lange-Müller, Alexander Kluge und Dezső Tandori. Die „eigentlichen“ Ruhrgebietsautoren sind sogar in der Minderzahl. Aus ihren Reihen sind neben den oben Genannten noch Michael Klaus und Jürgen Link ins Feld zu führen. Ein Buch voller Entdeckungen. Chapeau!

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