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Sigrid Nordmar-Bellebaum: Aus den Wolken der Nacht – aus den Tagesbögen

Rezension von Michael Starcke
Zur Lektüre des neuen Gedichtzyklus von Sigrid Nordmar-Bellebaum sei ein Rat erlaubt. Dieses Buch ist keines für zwischendurch. Es verlangt Hingabe und Konzentration wie bei einer Meditation, an die diese, manchmal breit, manchmal schmal angelegten Texte, erinnern und ihre ernste Schönheit entfalten, Orte, an denen die existenziellen Fragen, der Menschheit, Religion, Politik, Tod und Liebe, von der Dichterin zusammengeführt, auf ihre ganz eigene Art und Weise in der Gewissheit der, mit der Anthroposophie Rudolf Steiners und der Christengemeinschaft verbundenen Autorin, Antworten suchen und finden.

Die Versöhnung der Menschen mit Gott ist zum Lebensthema der Dichterin geworden, die, bedingt durch den Tod ihres Mannes, Paul Bellebaum, durch das Vermissen und das Fehlen seines körperlichen Daseins an den Rand wahrer Verzweiflung geriet. Ihre Gedichte erzählen davon, aber auch davon, dass der verloren Geglaubte ihr nun nicht minder gegenwärtig in ihrem Fühlen und Denken begegnet auf geistiger Ebene. Diese Begegnungsstätte umschreibt sie mit der schönen Metapher „Lichtbrückenhaus“, in dem sie dank „Geisteskraft“ „im todlosen Land“ zusammen finden „liebesvertieft“. „Geliebtester, Verstorbener, Du wieder neu Lebender“, betitelt sie ihn und weiß, dass der durch den Tod gegangene geliebte Mann eine neue, höhere Daseinsform einnimmt, nach der er sich schon im irdischen Leben sehnte. „Du, der Du Dich“, stellt die Dichterin fest, „lebenslang gesehnt hast/ nach tiefen// Erfahrungen mit Gott.“ Auch in den vorliegenden Gedichten ist der Tote, der lebt, der Dichterin wissender und liebender Begleiter und es zeugt von unverbrüchlicher und starker Liebe über den Tod hinaus, wenn die Dichterin schreibt: „Liebesvertieft komponieren/ unsere Augen Sternsymphonien.“ Oder an anderer Stelle: „Deine wortlose Grübeleien/ Deiner Anwesenheit Licht/ begleitet mich und// die Dunkelheit Deiner Abwesenheit.“ Ja, damit die Dichterin ihren „Dichtungsauftrag“ nachkommen kann, wie sie schreibt, bittet sie: „Paul, Geliebtester/ durch den Tod hindurch Gegangener, leite mich.“ So sind alle Gedichte in diesem Band Liebesgedichte von zeitloser Schönheit, aber nicht nur für den Partner, für die Menschheit schlechthin.

In der „Jahreszeitenmelodie“ hat die Dichterin ihren Gedichtzyklus komponiert und, wie oben gesagt, die großen Menschheitsthemen geschickt in ihre Texte hineingewoben nach der von ihr aufgestellten Prämisse: „(die) düsteren Probleme der Welt/ angehen in Sorgfalt und/ grenzüberschreitender Zusammenarbeit// einer bewegenden Menschheitspoesie.“ In diesem Sinne scheut sie sich nicht, den Finger auf die Wunden zu legen und diese konkret zu benennen: „ z. B. in Syrien. Wer/ hegt Menschheitsgefühle, wer/ leidet mit den Todesopfern und den/ Angehörigen, den verschleppten, / gefolterten Kindern, fragst Du mich.“ Oder: „Wenn Todesnot Japan und/ den Rest der Welt entsetzlich/ umdroht atomar.“ Oder: „lass uns Wahlbetrügereien wie jetzt in/ Russland immer tiefer durchschauen.“ Außer den politischen Themen wirkt auch der Respekt der Dichterin vor der Natur in ihre Gedichte hinein, die trotz grausamer Wirklichkeiten niemals ihren poetischen Atem verlieren. Hier sind Bäume und Blumen nicht nur schön anzusehen. Am Geschehen beteiligt handeln sie auch, „belebend das Roseninnere/ der Herzen mit Licht.“ „Begonienfreunde, noch im/ Abenddunkel haltet ihr// die Lichterinnerung fest, weist hin/ auf die Lichteszukunft.“

Die Gedichte von Sigrid Nordmar-Bellebaum, bleibt festzuhalten, sind etwas Besonderes. Sie beschreiben das Leben. Sie beschreiben die Welt. Sie beschreiben die Liebe und dass das Diesseits vom Jenseits nicht zu trennen ist. Dem muss man als Leser nicht folgen, wenn man anderer Meinung ist. Aber man kann sich vorbehaltlos auf diese Texte einlassen, deren suggestive Kraft und Wahrhaftigkeit nicht zu leugnen sind, auf dem langen Weg, unsere Welt besser zu machen und zu befrieden, „aufnehmend die/ Tag und Nacht ziehenden/ Werdeschmerzen einer/ erfüllten Brüderlichkeit.“

Und man darf beeindruckt sein von der Liebe der Dichterin und ihres Mannes, die glaubwürdig Zeugnis ablegt, dass sie über den Tod hinaus besteht. Es ist nicht unmöglich, dass sie für den einen oder anderen ein Gefühl wie Besinnung impliziert: „Haltet an, wo lauft ihr// hin, der Himmel ist/in euch, sucht ihr// ihn anderswo, ihr werdet/ ihn verfehlen.“ Erwähnt sei noch, dass die Bilder von Rosemarie Hülshoff-Kemper den Gedichtzyklus kongenial und wesensverwandt begleiten. Es ist, als hätten Gedichte und Bilder zueinander gefunden, ohne lange suchen zu müssen. Chapeau!

Michael Starcke

Sigrid Nordmar-Bellebaum Aus den Wolken der Nacht – aus den Tagesbögen
Ein Gedichtzyklus mit Bildern von Rosemarie Hülshoff-Kemper
Verlag Ch. Möllmann, Borchen
ISBN 978-3-89979-206-5
16. 00 Euro