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Thomas Kade: Körper Flüchtigkeiten

Rezension von Michael Starcke

Womöglich ist keine Landschaft geeigneter als das Ruhrgebiet für jene Poesie, die der, in Dortmund ansässige, Thomas Kade verfasst. Womöglich könnte sie aber mit ihrem eigenwilligen Charme auch anderswo angesiedelt sein, in den Gedichten des Dichters jedoch, denke ich, wäre sie sofort gegenwärtig und an ihrer spröden Schönheit schnell und leicht als die zu erkennen, die sie darstellt und ist: „die Gleise der Ex-Werksbahn/Großmarkt um die Ecke.“ Oder: „hundeelend hängt der Himmel ums Haus/ der Regen schief.“
„Körper Flüchtigkeiten“ ist die schmale, sorgfältig editierte und schön ausgestatte Sammlung von Gedichten betitelt, was in mir Assoziationen von Werden und Vergehen weckt, von Ankommen und Verlassen, des Bleibens, das naturgegeben nicht von Dauer ist, anders als diese zarten, verletzlichen Texte, angesiedelt in der Region mit hohem Wiedererkennungswert, ob „in den Lippeauen“, dem „Parkbad Süd“ oder dem „Vorfrühling/ der Kirschen Standort Moltkestraße“.
Fließend sind „die Körper“ der Texte. Frei von jeder Interpunktion erinnern sie mich an Aquarelle, in denen Formen und Farben sich vermischen, um nicht selten zu unerwarteten hin getuschten Bildern zu werden, den Gedichten ähnlich, in denen sich Gedanken, Brechungen und Worte zu Miniaturen verbinden von intensivem und eindringlichem Erleben des Erzählten in dieser und keiner anderen möglichen Sprache, die der Dichter als die seine für sich entdeckt hat.
Von alltäglichen Gegebenheit und Beobachtungen berichtet uns der Dichter, die ihn legitimieren, auch von dem zu sprechen, was alles Alltägliche übersteigt, vom Tod und der Liebe auf seine unvergleichliche Art: „Schmier/ den Hände hinterließen/ leichte Schatten um die Klinken/ kleistrige Spur als hätte die Leiche/ sie noch einmal berührt beim Schließen/ oder Öffnen.“
Mitfühlend und sensibel wird auf das Altern und dessen Zerbrechlichkeit eingegangen, auf die Betroffenheit, wenn es dazu noch um die Eltern geht: „hängen/ drei Bügel/ von der Garderobe/ der Eltern traurige/ Gestalten im Flur/ aufgehängt totenstill/ so krumm geworden/ ihre Schattenwürfe.“ Einzigartig, wie der Dichter seine Beobachtung wiederzugeben versteht, wie z. B. aus einem Krankenhaus, „irgendwo in Castrop-Rauxel“: „da liegt der Speiseplan zwei/ kopierte Zettel zusammengeheftet/ mit Fettflecken Rändern der Tassen/ trostloser nur das Treppenhaus/ nicht wegen der Fluchtwege/zahllos sind sie Graus von Bildern/ verstärkt hervorgehoben kränklich/ das Gelb im Licht leicht/ entzündet.“
Leicht könnte ich das Zitieren vorsetzen, am liebsten jedes einzelne der 28 Gedichte, muss mich aber natürlich beschränken und kann die Lektüre der Sammlung nur als jemand empfehlen, der täglich mit Gedichten zu tun hat, aber nur selten mit solchen wie diesen von berührender Poesie und sprachlicher Qualität. Unglaublich beeindruckend weiß Thomas Kade auch von der Liebe berichten und wie er sie am eigenen Leib erlebt: „war das dein Herz das puckerte/ unser Puls in der Hand die weiße Bluse deine Brust/ weicher Schimmer in der Halbnacht so entblößt.“
Da stimmt jedes Wort, jedes Bild und man denkt als Leser, dass man das alles auch schon erlebt hat, aber niemals so ausdrücken und in Worte bringen könnte. Noch dazu mit solch liebevoller Ironie: „Zitrone schmeck ich raus/ tausche gegen salziges Zeug/ die Spuren von Nüssen/ enthalten kann Küssen/ gefährlich sein/ über uns sehr leise/ rauschend Segelflieger/ ein Raubvogel auch.“ Uneingeschränkt von ihnen überzeugt verleihe ich diesen Gedichten von Thomas Kade fünf von fünf möglichen Sternen. Sie sind eine Entdeckung!

Thomas Kade: Körper Flüchtigkeiten. Gedichte. roterfadenlyrik. Edition Haus Nottbeck. vorsatz verlag Oelde/Dortmund. ISBN 978-3-9432270-01-3

Michael Starcke