
In der Reihe “Tonzeugnisse zur Westfälischen Literatur” ist unter dem Titel “Immer lebe ich in diesem Missverhältnis...” eine Doppel-CD erschienen, die Einblicke in Leben und Werk des jüdischen Regisseurs und Autors Imo Moszkowicz. Dieses Tondokument ist in Kooperation der Literaturkommission für Westfalen, dem Westfälischen Landesmedienzentrum und dem Projekt “Jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Westfalen” der Universität Paderborn enstanden.
Das titelgebende Missverhältnis besteht dabei nach Aussage Moszkowiczs darin, dass seine Arbeit ihn “im Umgang mit dem Phantastischen zwingt, stets darin das Reale zu suchen, und – umgekehrt – im Realen das Phantastische”. Ein solches Ineinandergreifen von Realität und Phantasie stellt für ihn aufgrund seiner eigenen Lebensgeschichte hierbei eine ganz besondere Herausforderung dar, floh er doch unter der Judenverfolgung des Dritten Reichs in die phantastische Welt der Kunst.
Imo Moszkowicz wurde am 27. Juli 1925 im westfälischen Ahlen geboren, dessen Magistrat das Gebiet im November 1939 als erstes “judenreines” Reichsgebiet meldete. Zwar konnte der Vater, ein russischen Schuhmacher, nach Argentinien emigrieren, aber es gelang ihm nicht mehr, die Familie nachzuholen. Die polnische Mutter und alle sechs Geschwister wurden von den Nationalsozialisten ermordet, während Imo Moszkowicz selbst in das Konzentrationslager Buna/Auschwitz-Monowitz verschleppt wurde, um dort Zwangsarbeit für die I.G. Farben zu leisten. Nachdem die Rote Armee nach Kriegsende das KZ Liberec/Reichenberg, in dem Moszkowicz mittlerweile untergebracht war, befreit hatte, kehrte dieser in seine Heimatstadt Ahlen zurück.
Um die Erinnerungen an die Ereignisse der letzten Jahre zu verdrängen, ging Moszkowicz bald darauf an die “Junge Bühne” in Warendorf. Die Sehnsucht nach Kultur war nach eigenem Bekunden seine maßgebliche Antriebskraft zum Überleben gewesen, hatte er doch ausgerechnet bei den, von der Werksleitung der I.G. Farben verordneten “bunten Abenden” im Konzentrationslager seine Liebe für das Theater entdeckt, welches “die Realität für Momente nicht mehr so hoffnungslos stumpf” erscheinen ließ.
Zunächst Schauspieler an der Jungen Bühne Warendorf und dem Westalentheater in Gütersloh, ging Moszkowicz dann an die Düsseldorfer Dumont-Lindemann-Schauspielschule, ehe er Regieassistent bei Gustaf Gründgens am Düsseldorfer Schauspielhaus sowie bei Fritz Kortner am Schillertheater in Berlin wurde. In der Folgezeit feierte Moszkowicz große Erfolge im In- und Ausland, wie beispielsweise am Hamburger Schauspielhaus, bei den Kammerspielen in Santiago de Chile und Buenos Aires, am Pro Arte Künstlertheater in Sao Paulo oder am Habimah-National-Theater in Tel Aviv, wo er mit Siegfried Lenz‘ “Zeit der Schuldlosen” erstmals ein Stück eines deutschsprachigen Autors in Israel auf die Bühne brachte.
Darüber hinaus inszenierte er an den Opernbühnen in Zürich, Genf, Graz oder Feuchtwangen, wo er die Kreuzgangspiele leitete. Als Gastprofessor lehrte er zudem am Salzburger Mozarteum sowie an der Grazer Hochschule für Musik und darstellende Kunst. Neben zahlreichen Operninszenierungen führte Imo Moszkowicz auch bei Filmen und Fernsehspielen Regie, adaptierte Musical, Oper und Schauspiel fürs Fernsehen und drehte sogar Spielfilme fürs Kino mit bekannten Schauspielern wie Mario Adorf, Heinz Rühmann, Hans Clarin oder Esther Ofarim. Mit mehr als hundert Theater- und Operninszenierungen sowie etwa zweihundert Fernsehfilmen gehört er heute zu den dienstältesten Fernsehregisseuren Deutschlands.
In seinem “Zauberflötenzauber”, den Reflexionen über seine Arbeit bei den Inszenierungen von Mozarts “Zauberflöte” am Zürcher Opernhaus und am Landestheater Salzburg, aus denen Imo Moszkowicz auf der ersten CD vorliest, läßt der Regisseur den Zuhörer an unterschiedlichen Produktionsschritten der Inszenierung teilhaben, wie etwa dem ersten Vorsingen oder den Streitigkeiten mit dem Requisiteur. Im Zentrum der Ausführungen steht dabei die Überzeugung, dass diese Oper Mozarts ein Paradies vorführt, welches “der Menschheit aus eigener Kraft erreichbar ist, eine Welt, deren Lebensgrund die wahrhafte Liebe ist, ein Sein ohne Hass und Rache”.
Die zweite CD enthält Ausschnitte einer Veranstaltung vom Oktober 2003, bei der das umfangreiche Werk Moszkowicz‘ im Museum für Westfälische Literatur in Oelde-Stromberg gewürdigt wurde. Die einzelnen Hörbeispiele geben Auskunft über das Selbstverständnis des Regisseurs, der hier sein besonderes Verhältnis zur deutschen Sprache beschreibt. Auch gibt er sein persönliches Bekenntnis zu größtmöglicher “Werktreue” ab und berichtet von der Entstehungsgeschichte eines Films über den geistigen Begründer des Staates Israel Theodor Herzl.
Abschließend sind, gelesen von seiner Tochter Daniela Dadieu, Passagen aus der Biographie des Regisseurs und Autors Imo Moszkowic zu hören, in der dieser sich seinen Erinnerungen an den Naziterror stellt, menschliche und unmenschliche Begegnungen aufzuarbeiten versucht, welche in eine Zeit fallen, die trotz aller Schrecken den Ursprung von Moszkowicz’ künstlerischer Entwicklung birgt.
Literaturkommission für Westfalen/ Westfälisches Landesmedienzentrum (Hrsg.): “‘Immer lebe ich in diesem Missverhältnis...‘ - Einblicke in Leben und Werk des Regisseurs und Autors Imo Moszkowicz.” Reihe: Tonzeugnisse zur Westfälischen Literatur; Band 6.