
Erfolgreicher Sammelband wieder aufgelegt
Regionalforschung erfreut sich in den letzten Jahren einer Hochkonjunktur. Was allerdings im Schwabenländle, im Fränkischen, ja selbst im Sauerland ohne größere Schwierigkeiten angegangen werden kann, zeigt sich bei der Rheinregion im völlig anderen Licht. Schon bei der Namensgebung beginnt das Dilemma. Das Rheinland? Die Rheinlande? Die Rheinländer? Der jetzt erschienene Sammelband “Rheinisch. Zum Selbstverständnis einer Region” umgeht schon im Titel weitsichtig diese Fußfalle. Ausgangspunkt ist: Um den Rhein herum ist über Jahrhunderte hinweg ein Kulturraum entstanden, dessen politische und geografische Grenzen zwar schwer fassbar sind, seine schwelende Existenz dagegen unumstößlich ist. Das vorliegende Buch widmet sich der Beweisführung und kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: Rheinisch liegt im Auge des Betrachters. Ins Blickfeld rücken historische, geografische und kulturelle Aspekte, im letzteren Fall, neben Beiträgen zur Musik, Kirche und Küche, vor allem das breite sprachlich-literarische Feld. Insgesamt dreizehn Aufsätze umfasst das interdisziplinär angelegte Buch. Die eingebrachten Disziplinen, eben jene genannten Betrachter, fokussieren den Verlauf der eigenen Fachhistorie. Vorsichtig fragt Norbert Jers: “Was ist ‘rheinische’ Musik?”, forsch dagegen Bernd Kortländer: “Gibt es rheinische Dichter?”. In einigen Ausführungen finden sich sogar humorvolle Aspekte, beispielsweise in Rita Mielkes “Koch- und Küchentradition als Teil rheinischer Identität”. Ohne Zweifel bringen die vielfältigen, postmortalen Verwertungsmöglichkeiten eines einzigen Schweins den Leser zum Schmunzeln. Vor allem zeigt sich hier aber die zentrale Rolle Küchentradition, wenn es um gesellschaftliche Großereignisse, wie in diesem Fall das jährliche Schlachtfest, ging.
Der vorliegende Band hält ein breit gefächertes Angebot zur Kulturraumforschung bereit. Offene Fragestellungen werden ebenso berücksichtigt wie engere Themengebiete. Der Historiker Georg Mölich beispielsweise fragt “Regionale Geschichtskultur ohne Geschichtsraum?”, während Helge Drafz sich dem “Niederrhein im Kriminalroman” zuwendet. Allerdings besteht im Fall “Rheinland”, anders als in anderen Kulturräumen, die Gefahr der verblendenden Rheinromantik. Das romantische Herzstück des Rheinlands reicht von Bingen bis Köln, keinesfalls aber von Konstanz bis Emmerich. Um die Region zu entromantisieren, leisten die Autoren Schwerstarbeit. Das Interessanteste am “Rheinisch”-Band ist, dass sich die Autoren sich die Dinge nicht einfach macht. Für manche Leser mögen einige Beiträge umständlich erscheinen, doch liegt die Stärke der Ausführungen im Ausschlussprinzip. Rheinische Musik ist alles andere als “Dialekt-Rock", der rheinische Dichter nicht per Geburtsort ein solcher. Ein rheinisches Wesen und der typische Rheinländer existieren nicht. Das “Rheinland” als eine erfundene Tradition zu entlarven, an der die Teildisziplinen ihren Beitrag haben, ist für die Kulturraumforschung mindestens so aufschlussreich wie das Ergebnis, dass eine stabile, substanzielle Kulturregion des Rheinischen nicht definierbar ist. Schade ist nur, dass im dem vorliegende Buch keine oberrheinischen Stimmen zu hören sind. Liegt es daran, dass es diese Stimmen (noch) nicht gibt, dass das Forschungsinteresse ein eher nord-rheinisches ist? Die an dem Buchprojekt beteiligten Institutionen, die Niederrhein-Akademie, das Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut und der Landschaftsverband Rheinland, legen letztere Vermutung nahe, was allerdings die ergebnisreiche Pars-pro-toto-Herangehensweise keineswegs in Frage stellt.
Abgerundet wird der Band durch einen Blick über den Zaun. Aus den Niederlanden betrachtet Guillaume van Gemert das Phänomen “rheinisch” und fragt, in wie weit es mit “deutsch-rheinisch” übersetzt werden sollte. Den Aufsatz ans Ende des Bandes zu setzen, ist ein gelungener Streich. Van Gemert resümiert pointiert: “Rheinromantik ist in den Niederlanden Importware”. Übrigens gibt es einen weiteren Importschlager: den Rheinwein bzw. “rinsche wijn”. Dem besonderen Geschmack dieses Getränks hat das Wort “rinsche” im heutigen Niederländisch eine völlig unrheinische Bedeutung zu verdanken: säuerlich. Welche Auswirkungen diese Erkenntnisse auf die “rinsche” Frohnatur haben werden, wird mit Spannung erwartet.
Der Sammelband, 2001 erstmals erschienen, ist um den Beitrag über die Kulturzeitschrift “Die Rheinlande” erweitert worden und nach Verlagswechsel nun im Grupello-Verlag erschienen.
Gunter E. Grimm / Bernd Kortländer (Hrsg.): “Rheinisch. Zum Selbstverständnis einer Region”. Düsseldorf: Grupello Verlag, 2005. 248 S., brosch. 19,90 EUR