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Autorenbefragung des RLA: Literaturarchive heute

von Enno Stahl

Anfang 2005 hat das Rheinische Literaturarchiv (RLA) im Heinrich-Heine-Institut D├╝sseldorf etwa 60 Autorinnen und Autoren aus dem gesamten Bundesgebiet, im Alter von 29 bis 74 Jahren, zu ihren Erfahrungen mit Archiven befragt. Die ersten Ergebnisse wurden inzwischen sukzessive aktualisiert.

Neben den grunds├Ątzlichen Fragen, ob sie ├╝berhaupt Archive f├╝r ihre Arbeit nutzen und wenn ja, welche (Kommunal-, Privat- bzw. andere Archive), wollten wir wissen, wie die Zusammenarbeit mit den Archiven von Autorenseite bewertet wurde und ob spezielle W├╝nsche an die Archivbetreuung existieren, zum Beispiel, ob neben der inhaltlichen Unterst├╝tzung in Rechercheangelegenheiten auch eine Beratung in Bezug auf ihren eigenen Nachlass gew├╝nscht w├╝rde.

Folgende 27 Autorinnen und Autoren haben an der Umfrage Teil genommen und unseren Fragebogen ausgef├╝llt: Katrin Askan (K├Âln), Crauss (Siegen), Dietmar Damwerth (M├╝nster), Volker W. Degener (Herne), Marc Degens (Berlin), Marcel Diel (Bonn), Ulrike Draesner (Berlin), Peter Farkas (K├Âln), Hildegard Gill-Heinlein (D├╝sseldorf), Ren├ę Hamann (Berlin), Thomas Hoeps (Krefeld), Rainer Junghardt (K├Âln), Wolfgang Kubin (Bonn), Stan Lafleur (K├Âln), Ulla Lessmann (K├Âln), Roma Maria Mukherjee (Essen), J├╝rgen Nendza (Aachen), Thorsten Nesch (Leverkusen), Jan Off (Darmstadt), Mithu M. Sanyal (D├╝sseldorf), Louisa Schaefer (K├Âln), Philipp Schiemann (D├╝sseldorf), Erasmus Sch├Âfer (K├Âln), Ron Schmidt (Goch), Leander Scholz (Bonn), Daniela Seel (Idstein/Taunus), Achim Wagner (K├Âln).

Schreibpraxis

neunzehn M├Ąnner und acht Frauen haben an unserer Umfrage Teil genommen, zun├Ąchst fragten wir nach den literarischen Gattungen, in denen die Autoren t├Ątig sind, hier waren Mehrfachnennungen m├Âglich. Es ergab sich, dass die Mehrzahl der befragten Schriftsteller mehr als eine Gattung praktiziert, 19x Lyrik, 23x Prosa, 16x Roman, 20x Journalistik und Essayistik wurden genannt, nur ein Autor besch├Ąftigt sich mit Dramatik.

Wir wollten ferner wissen, wie der unmittelbare Schreibprozess vor sich geht, mit welchen technischen Mitteln die erste Niederschrift erfolgt. Zur Auswahl standen Computer, Schreibmaschine und Handschrift. Hier ergab sich ├╝berwiegend eine Zweigleisigkeit, die meisten Autoren verwenden sowohl einen Computer (21) als auch direkte Niederschrift per Hand (19). Dabei gab es zwei Autoren, welche die Auswahl des Mediums von der literarischen Gattung abh├Ąngig machen, die Prosa immer am PC, Lyrik dagegen immer mit der Hand verfassen. Au├čerdem schreiben insgesamt sechs Autoren ausschlie├člich mit der Hand, vier ausschlie├člich mit dem Computer.

Wir fragten dann nach der ├ťberarbeitungspraxis: die ├╝berwiegende Mehrzahl der Autoren versieht Ausdrucke mit handschriftlichen Korrekturen (23) und ├╝berarbeitet die Texte am Computer (19), bei nur zwei Autoren finden auch die ├ťberarbeitungsprozesse handschriftlich statt. Ausschlie├člich am Bildschirm korrigieren nur f├╝nf Autoren ihre Texte.

Archivierung

Nat├╝rlich interessierte uns, ob zeitgen├Âssische Autoren ihre Manuskripte aufbewahren, und wenn ja, in welcher Form. Wir erfuhren, dass immerhin f├╝nf Autoren alles aufbewahren, von den ersten Niederschriften ├╝ber Vorstufen bis zur Endfassung. F├╝nf Autoren behalten die erste Niederschrift, ebenso viele die Endfassung. Die Mehrzahl (12) bewahrt Zwischenfassungen auf (hier gab es Mehrfachnennungen, also Autoren, die sowohl die erste als auch die letzte Fassung oder die erste Fassung und Zwischenfassungen sammeln). Vier Autoren machten ungenaue Angaben, etwa dass sie sporadisch bzw. teilweise Texte aufbewahren, aber anscheinend, ohne dass sie diese einer der Kategorien genau zuordnen konnten. Zwei Autoren speichern ihre Fassungen dabei ausschlie├člich digital.

Festzuhalten bleibt aber, dass kein einziger der befragten Autoren nichts aufhebt, alle behalten etwas zur├╝ck, das einer zuk├╝nftigen Literaturwissenschaft R├╝ckschl├╝sse zur Textgenese erm├Âglichen k├Ânnte.

Dasselbe Bild ergab sich bei der Korrespondenz, nur drei Autoren kommunizieren ausschlie├člich per Email, die ├╝berwiegende Mehrzahl (24) nutzt neben digitaler weiterhin konventionelle Briefpost. Die meisten (22) heben diese Briefe auch auf (eine Autorin sammelt lediglich nicht abgeschickte Briefe), zw├Âlf speichern ihre Mailverzeichnisse auf Festplatte, sieben exportieren ihre Mails als txt-Volltextdatei und speichern sie auf CD-Rom, Diskette o.├Ą., drei Autoren gaben an, ihre Mails auch auszudrucken und zu archivieren. Nur ein einziger Autor hebt ├╝berhaupt keine Bestandteile seiner Kommunikation auf.

Man sieht, auch hier bietet sich Material f├╝r die archivarische Forschung, auf Mailverzeichnisse und gespeicherte Maildateien l├Ąsst sich zugreifen, durch die digitalen Suchfunktionen wird die Bearbeitung teilweise sogar erleichtert. Wenn die Frage der Langzeitsicherung von Daten dereinst gel├Âst sein sollte, w├Ąre auch bei zeitgen├Âssischen Autoren kein Generalverlust von Informationen zu erwarten.

Autoren und Archive

Besonders interessant war f├╝r uns die Beziehung der Autoren zu Archiven: immerhin sechzehn gaben an, schon einmal Archive f├╝r ihre literarische Arbeit benutzt zu haben (elf dagegen noch nie), davon fielen auf kommunale, also historische/st├Ądtische Archive (dreizehn Nutzer), Privatarchive, also Stiftungen, Vereine, Sammlungen (acht Nutzer) bzw. andere Archivtypen (zw├Âlf Nutzer), hier gab es Mehrfachnennungen.

Sodann baten wir die Autoren die Zusammenarbeit und den Rechercheerfolg auf einer Notenskala von 1 bis 6 (wie Schulnoten) zu bewerten: die Mehrzahl ├Ąu├čerte sich positiv, zwei Autoren verliehen die Note 1 (=sehr gut), sieben Autoren die Note 2 (=gut), einmal wurde die 3 (=befriedigend) und zweimal die 4 (=ausreichend) vergeben. Zwei Autoren empfanden die Zusammenarbeit als mangelhaft (5). Interessant ist daran, dass die schlechten Noten sich weitgehend auf die nicht-kommunalen Archive verteilen (Privatarchiv einmal ÔÇťmangelhaftÔÇŁ, andere Archive einmal ÔÇťausreichendÔÇŁ, einmal ÔÇťmangelhaftÔÇŁ). Man kann also sagen, dass die Mehrzahl der archivnutzenden Autoren speziell mit der Arbeit kommunaler Archive sehr zufrieden waren. Und die Tatsache, dass deutlich mehr als die H├Ąlfte der befragten Autoren bereits Archive benutzen, d├╝rfte ebenfalls als positives Zeichen zu sehen sein.

Um detaillierte R├╝ckschl├╝sse auf die Nutzererwartungen ziehen zu k├Ânnen, fragten wir die Autoren dann nach ihren W├╝nschen, was ein Archiv f├╝r ihre Arbeit leisten k├Ânnte. Hier war das Resultat ein recht homogenes: allen voran w├╝nschte man sich eine Digitalisierung und Verf├╝gbarmachung der Archivdaten im Internet, ein Autor erw├Ąhnte in diesem Zusammenhang zudem eine m├Âgliche Vernetzung verschiedener Archive untereinander, auch ins Ausland.
Zwei weitere, mehrfach genannte Desiderata waren ├ťbersichtlichkeit des Archivangebots in Breite und Tiefe sowie pers├Ânliche Recherchehilfe. Ein leichterer Zugang, ein besserer ├ťberblick ├╝ber die Best├Ąnde w├╝rden begr├╝├čt, so wurde etwa angeregt, Quellen auch ├╝ber Stichworte zug├Ąnglich zu machen bzw. sie kategorial zu vernetzen.

Man sieht, die Bed├╝rfnisse dieser speziellen Nutzergruppe (die sich in Einigem jedoch auch mit denen anderer Nutzer decken d├╝rfte) richten sich vornehmlich auf den Service-Aspekt, man w├╝nscht sich m├Âglichst ungehinderten Zugriff auf Information (am besten via Internet) und eine m├Âglichst ├╝bersichtliche Anordnung des Gesamtbestandes bei gleichzeitiger pers├Ânlicher Betreuung.
Als letztes wollten wissen, ob sich die Autoren eine spezielle oder bessere Beratung in Fragen ihres eigenen Nachlasses w├╝nschten, dies bejahten sieben, verneinten f├╝nf der Befragten, die Mehrzahl (15) hatte dazu keine Meinung bzw. hielt die Nachlassthematik an diesem Punkt noch nicht f├╝r relevant.

Obwohl es sich bei dieser geringen Anzahl von Teilnehmern nicht um eine repr├Ąsentative Umfrage handeln kann, sind die Ergebnisse aus archivarischer Sicht dennoch aufschlussreich: sie lassen sich kurz dahingehend res├╝mieren, dass auch heutige Autoren ein Interesse daran haben, ihr Werk zu dokumentieren, ihre Korrespondenz zu sammeln. Obwohl diese Gruppe Archive durchaus nutzt und im Gro├čen und Ganzen positive Erfahrungen gemacht hat, w├╝nscht sie sich doch eine pers├Ânliche Betreuung und Beratung sowie eine bessere, zeitgen├Âssische Aufbereitung der Archivalien. Es geht offensichtlich mehr um die Information als um das Original.


Weitere interessierte Autorinnen und Autoren, die sich - zus├Ątzlich zu den bislang eher unsystematisch Ausgew├Ąhlten - an dieser Umfrage beteiligen m├Âchten, k├Ânnen den Fragebogen hier anfordern.