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Bernd Kortländer: Rück-, Ein- und Ausblicke

Regionalliterarische Forschung im Rheinischen Literaturarchiv des Heinrich-Heine-Instituts

I.

Mein Beitrag mag etwas am Rande des Hauptthemas dieser Tagung liegen, die – durchaus mit vielem Recht – die Probleme der gegenwärtigen, lebendigen regionalen Literaturszene in Nordhessen in den Vordergrund stellt. Der Institution, für die ich hier stehe, dem Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf, geht es als Kultur- und Literaturarchiv zunächst um die historische Dimension der regionalen Literatur, um regionale Kultur- und Literaturgeschichte. Solche Beschäftigung ist allerdings kein historisierender Selbstzweck, sondern hat immer auch mit unserer Gegenwart zu tun, davon sind wir zumindest fest überzeugt und daraus ziehen wir auch die Motivation für unsere Arbeit, über die ich im folgenden zu Ihnen sprechen werde.

Ich danke den Veranstaltern für die Gelegenheit, Ihnen einen Einblick in die Arbeit einer Sammel- und Forschungseinrichtung zu geben, die schon von ihrer Tradition her eine regionale Ausrichtung hat. Denn das Heinrich-Heine-Institut ist nichts anderes als die verselbständigte Handschriftenabteilung der alten Düsseldorfer Bibliothek, die zunächst kurfürstliche, dann königliche und schließlich Landes- und Stadtbibliothek hieß und die nach über 200jährigem Bestehen 1970 aufhörte zu existieren, als ihre Buchbestände den Grundstock der Bibliothek der neu gegründeten Düsseldorfer Universität (heute: Universitäts- und Landesbibliothek) bildeten. Unser Träger ist die Stadt Düsseldorf, unterstützt werden wir allerdings gerade hinsichtlich der regionalliterarischen Arbeit besonders vom Landschaftsverband Rheinland, von Fall zu Fall auch von verschiedenen Stiftungen und dem Land NRW.
Bereits mit den technischen Veränderungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, verstärkt aber seit dem Einsatz der elektronischen Medien hat sich innerhalb der Archive eine Verschiebung des Dokumentationsschwerpunktes ergeben. Während die staatlichen Akten die forschungsrelevante Information inzwischen in der schieren Menge ersticken, werden von Einzelpersönlichkeiten strukturierte private Sammlungen (Nachlässe etc.) immer wichtiger für die historische Forschung. Das heißt für die Kultur- und Literaturarchive, die auch bislang bereits Personen zentriert sammelten, dass ihre Bedeutung allgemein steigen wird. Da die Verwaltung von kulturellem Archivgut nicht zu den Pflichtaufgaben staatlicher Archive gehört, sind die Kulturarchive entsprechend gefordert. Angesichts des immensen Aufgabenfeldes bietet sich ein regional orientiertes Vorgehen an. Das „Rheinische Literaturarchiv” im Heinrich-Heine-Institut versteht sich in diesem Sinne als Instanz zwischen der oft zu versteckten lokalen und der zu ausufernden nationalen bzw. internationalen Ebene. Wir sind aber nicht nur klassische archivische Sammelstelle, sondern immer mehr auch Knotenpunkt regionaler Literaturforschung, wozu Kooperationen mit den Universitäten in Düsseldorf, Duisburg und Aachen, aber auch mit anderen regional ausgerichteten Institutionen des Rheinlands wie dem interdisziplinären Arbeitskreis zur Erforschung der Moderne im Rheinland, der Niederrheinakademie oder der Nyland-Stiftung in Köln gehören. Auch zu den Kollegen in Münster von der Literaturkommission für Westfalen und dem Westfälischen Literaturarchiv besteht ein enger Kontakt. Wir organisieren regelmäßig Tagungen und publizieren die Ergebnisse in einer vom Heine-Institut herausgegebenen Buchreihe. Für Studierende bieten wir in unserem Archiv Praktika an, die sehr eifrig genutzt werden. Darüber hinaus verstehen wir uns als Serviceeinrichtung für andere Archive im Rheinland einerseits, die mit literarischer Überlieferung häufig nicht viel anzufangen wissen und für deren Mitarbeiter wir verschiedene, gut besuchte Fortbildungsveranstaltungen angeboten haben, und für Autoren andererseits, bei denen wir ebenfalls in Seminaren Aufmerksamkeit für den richtigen Umgang mit ihren eigenen Papieren bzw. Dateien zu wecken versuchen. Daneben lernen wir in solchen Seminaren auch von den Autoren. Denn die Profile der Kulturschaffenden, ihr Selbstverständnis, ihre Arbeitsweisen und -mittel verändern sich und erfordern neue Vorgehensweisen im Archiv. Am deutlichsten wird das im Wandel der Speichermedien: Manuskripte werden durch Festplatten oder Disketten, Korrespondenzordner durch e-mail accounts ergänzt, wenn nicht gar ersetzt. Das hat vielfältige Konsequenzen nicht nur für die Archivierung, bei der es jetzt weniger um Lagerung als darum geht, wie die gespeicherten Daten auf Dauer lesbar gemacht werden können. Mit den neuen Medien hat sich aber auch der Werkbegriff verändert und damit der Bereich dessen, was in Kulturarchiven gesammelt werden könnte und sollte. Songtexte, Slam-Poetry und Performances sind neue wichtige Bestandteile der Gegenwartsliteratur, die in Literaturarchiven dokumentiert werden sollten. Eine Neuorientierung der bislang noch auf das Medium Papier fixierten Archive ist dringend geboten. In diesem Feld liegen bislang noch kaum Erfahrungen vor; entsprechend hoch ist der Beratungs- und Servicebedarf.

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