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Bernd Kortländer: Rück-, Ein- und Ausblicke

Regionalliterarische Forschung im Rheinischen Literaturarchiv des Heinrich-Heine-Instituts

II.

Jenseits solcher innerarchivischer Überlegungen erfolgte die Gründung des Rheinischen Literaturarchivs auch als Reaktion auf ein unbestreitbares wiedererstarktes Interesse an regionalen Fragestellungen ganz allgemein und an Fragen der Regionalkultur im Besonderen. Ich will kurz möglichen Gründen für dieses Interesse an einem Thema nachgehen, das – zumindest was die Regionalliteratur angeht – nicht zuletzt durch seine Nähe zur Blut und Boden-Ideologie der Nationalsozialisten, Heimattümelei, aber auch durch die vielen unsäglich provinziellen und dilettantischen Einlassungen, die es auf diesem Gebiet gab und leider teilweise immer noch gibt, in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg in der wissenschaftlichen Forschung diskreditiert war und keinerlei Beachtung fand.

Fangen wir bei der Suche nach Gründen ganz im Abstrakten an und nähern wir uns dann langsam dem Konkreten. Eine allgemeine Ursache für das Wiedererwachen des Interesses an kleinen, übersichtlicheren Räumen ist die Dialektik der Grenzen in einer sich entgrenzenden Welt. Niemand wird bestreiten, dass die nationalen Grenzziehungen und Abgrenzungen auf dem kulturellen Feld – und nicht nur dort – in den letzten 40 Jahren nicht nur an Bedeutung, sondern auch an Legitimität eingebüßt haben. Nationale Muster als die zwischen Regionalität und Internationalität liegenden und vormals maßgeblichen Orientierungen verloren in dem Maße an Wert und bindender Kraft, wie deutlich wurde, dass die ihnen früher quasi naturwüchsig zugeschriebenen Aufgaben der Spezifizierung von Inhalten zum Zweck der Unterscheidung und Identitätsbildung entweder von anderen, größeren Einheiten wie einer europäischen oder globalen Kultur übernommen werden, oder gar keine Rolle mehr spielen. Das Stichwort heißt hier „Transkulturalität“, ein von dem Philosophen Wolfgang Welsch geprägter Begriff, der darauf aufmerksam macht, dass die Menschen heute häufig durch mehrere kulturelle Herkünfte und Verbindungen bestimmt sind. Schon vor 13 Jahren hieß es in einer Studie von Richard Münch: „Wir leben mehr und mehr in einer Welt. 500 Satelliten umkreisen die Erde und senden in die Wohnzimmer der reichen Länder wie in die Hütten der ärmsten dieselben Bilder einer universellen Warenwelt. Über 35000 transnationale Unternehmen versorgen die ganze Menschheit bis in die letzten Winkel des Planeten hinein mit denselben Hits der globalen Musikszene, denselben Filmen, Opernproduktionen, Sachbüchern, Romanen, Softdrinks, Nachrichten, Autos, Videos, Jeans, Hamburgern und Ketchups.“ Und seitdem hat sich das World Wide Web ja erst richtig entwickelt!
Der allmähliche Verfall der nationalen Kulturgrenzen und die Internationalisierung des kulturellen Lebens zumindest in den westlichen Industriestaaten führt zu einer deutlichen Verringerung der Vielfalt an Unterscheidungsmerkmalen und verstärkt jenen zuletzt vehement beklagten Mangel an Übersichtlichkeit und Anschaulichkeit. Es kann nicht weiter verwundern, dass in solchen postmodernen Zeiten die kleinen Einheiten, die – allerdings nur auf den ersten Blick – überschaubareren, konkreteren Wirklichkeitsausschnitte an Attraktivität gewinnen. Aus diesem Plus an Anschaulichkeit, an Übersichtlichkeit der Zugangswege, auch an Nähe zu den Lebenswelten der Individuen erwächst ein wichtiger Grund für das Interesse an der Region, meinetwegen auch der Provinz oder der Heimat und ihren Traditionen, ein Grund, der schon immer für die regionale Kulturforschung ins Feld geführt werden konnte. Aber in Zeiten transnationaler kultureller Entgrenzung verstärkt sich noch zusätzlich die Tendenz, auf der lokalen und regionalen Ebene wieder Grenzen und Unterschiede erkennbar zu machen. Die Erinnerung an die kulturellen Traditionen der Region bis hin zu den literarischen Regionalgrößen kann dafür durchaus hilfreich sein. An der Rolle, die Heinrich Heine in dieser Hinsicht seit nunmehr 30 Jahren für die Stadt Düsseldorf spielt, ließe sich das gut veranschaulichen.

Neben diesem allgemeinen Grund eines wiedererstarkten Interesses an Fragen der regionalen Kultur gibt es aber auch ganz pragmatische Gründe, die für die Region als Bezugsrahmen für Literaturforschung sprechen. Gerade in Deutschland, das bekanntlich nie ein wirkliches literarisches Zentrum hatte und bis heute die Kulturhoheit den Regierungen der Provinzen überlässt, ist es guter und sinnvoller Brauch, dass diese sich dann zunächst auch um ‘ihre’ Dichter kümmern. Die Handschriftensammlungen der Bibliotheken und Archive ebenso wie die großen historisch-kritischen Editionsprojekte belegen die ungebrochene Wirksamkeit dieser Tradition. Der Nachlass Droste-Hülshoffs liegt in Münster, der Heines in Düsseldorf, die Büchner-Ausgabe entsteht in Marburg und die von Klopstock in Hamburg. Um Mörike kümmert man sich in Marbach, um Lasker-Schüler in Wuppertal usw. usw. Das geht nicht immer so glatt auf, aber der Trend ist eindeutig. Die Sammlungsprinzipien der Literaturarchive haben ebenso durchweg eine regionale Note, und bei Ankäufen von Handschriften oder Übernahme von Nachlässen werden Verweise auf die regionale Zugehörigkeit von den Geldgebern auch ganz selbstverständlich als wichtiger Grund akzeptiert. Der kulturelle Dezentralismus wurde im Übrigen bereits von Goethe als eine besondere Stärke Deutschlands gerühmt, zu Recht wie ich meine.

Manch einer mag sich vielleicht wundern, welche Namen ich hier im Zusammenhang mit regionaler Literaturforschung nenne. Die Vorstellung, dass regionale Literatur gleichbedeutend sein muss mit „nur regional bedeutsamer Literatur”, ist ein verbreiteter, allerdings zugleich ein sehr schlichter Fehlschluss, der so tut, als sei die Zuschreibung „regional” eine inhaltlich oder in sonstiger Form beschreibbare Qualität. Das ist sie aber ganz und gar nicht, ich werde darauf gleich noch ausführlicher zu sprechen kommen. Selbstverständlich gibt es gute und schlechte Literatur, bessere und schlechtere Autoren, doch hat das nichts mit der regionalen Literaturforschung zu tun. Natürlich sind Heine oder Büchner Autoren der Weltliteratur, und doch ist ihre Bedeutung in den regionalen Kontexten enorm, sind sie wichtiger Bestandteil einer regionalen Szene.

Autoren von weltliterarischer Bedeutung, auch solche von nationaler Bedeutung, sind rar gesät. Es ist deshalb selbstverständlich, wenn in den Blick der regionalen Literaturforschung auch viele der so genannten ‘Minores’, der weniger herausragenden Autoren, geraten. Für die Forschung ist das eine große Chance. Sie findet ein reiches, meist noch kaum ausgeschöpftes Material zur Rekonstruktion der kulturellen Geschichte, und sie hat dabei in Teilen immer noch Basisarbeit zu leisten. Denn was mir bei meiner Arbeit zur Literatur des Rheinlandes in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders auffiel – und was leider wohl für alle Regionen im westlichen Deutschland gleichermaßen gilt – war das weitgehende Verschwinden jener vielen Autoren aus dem öffentlichen Bewusstsein, die sich nach dem 1. Weltkrieg gegen nationalistische und revanchistische Strömungen gestellt hatten, und die dann nach 1933 vertrieben, ermordet oder auf andere Weise mundtot gemacht wurden. Dieses Verschwinden beschränkte sich nicht etwa auf die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Diktatur, sondern reicht bis in die 1970er Jahre und teilweise bis heute. Den Platz in den Literaturgeschichten und Lexika, aber auch in den Gremien des literarischen Lebens wie etwa den Literaturpreisjurys und Vereinsvorständen besetzten nach 1945 diejenigen, die sich auf irgendeine Weise arrangiert hatten und über die entsprechenden Möglichkeiten und Verbindungen verfügten, sich nicht nur wieder zu etablieren, sondern auch unliebsame Konkurrenz vom Hals zu halten. Ich erinnere nur an den skandalösen Umstand, dass es bis zum Beginn der 60er Jahre dauerte, dass emigrierte oder aus dem Exil zurückgekehrte Autoren endlich auch bei der Vergabe von Literaturpreisen Berücksichtigung fanden. Das Totschweigen der Autoren mit abweichenden Werken und Lebensläufen macht die Verluste unserer Geschichte in besonderer Weise sichtbar. Im Rückzug auf die, die weitergelebt und weitergeschrieben hatten, ein Blick in die Lesebücher der frühen Bundesrepublik macht das deutlich, ging die Chance verloren, an Traditionslinien anzuknüpfen, die es vor 1933 in vielfältiger Form gegeben hat. Um die Entdeckung und Bewusstmachung solcher Alternativen kann und muss eine kritische regionale Literaturforschung sich bemühen.

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