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Bernd Kortländer: Rück-, Ein- und Ausblicke

Regionalliterarische Forschung im Rheinischen Literaturarchiv des Heinrich-Heine-Instituts

III.

Die konkrete Arbeit auf dem Feld der regionalen Literaturforschung steht zunächst vor einer grundsätzlichen Schwierigkeit, die da lautet: Was ist eigentlich der Gegenstand, mit dem sie sich beschäftigen soll? Was Literatur ist und was ein Autor ist, darauf können wir uns ja vielleicht noch mit einiger Mühe verständigen. Wie allerdings die Literatur einer Region, also etwa die rheinische und die hessische bzw. die niederrheinische und die nordhessische Literatur zu bestimmen ist und welche Kriterien geeignet sind, um einen rheinischen oder hessischen Autor aus der Gesamtmenge der Autoren auszugrenzen, darüber gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen.

Im 19. Jahrhundert herrschte Einverständnis darüber, dass mit solchen Adjektiven eine landsmannschaftliche Zuordnung getroffen wird. In den Feuilletons war es damals selbstverständlich, neben italienischen, französischen, englischen Schriftstellern, auch die schwäbischen, rheinischen, westfälischen zusammenzustellen. Ein hessischer Schriftsteller war damit als Schriftsteller aus Hessen verortet. Heine meint, wenn er davon spricht, er habe in Paris einen Landsmann getroffen, im Zweifelsfall jemanden aus dem Rheinland. Es gab und gibt damals wie heute nicht nur die über Jahrhunderte ausgeprägten nationalen Stereotype, sondern ebenso ein Arsenal an Regionalstereotypen.

Aber hilft uns der Verweis auf die Geographie wirklich weiter? Die nächste Frage ist ja: Wie kann ich das Rheinland – ich bleibe jetzt der Einfachheit halber bei diesem Beispiel – definieren? Und welches sind die Kriterien, die einen Autor mit dem definierten Rheinland verbinden? Beginnen wir mit der zweiten Frage: Üblicherweise wird das Verbindungskriterium aus der Biographie des Autors destilliert: Der Geburtsort bzw. zentrale Stationen des Lebensweges sind die gängigen Anhaltspunkte. Die Zufälligkeit solcher Kriterien ist offensichtlich: Ist Peter Rühmkorf ein westfälischer Autor, weil seine Mutter ihn auf der Reise von Süddeutschland nach Hamburg in Dortmund zur Welt gebracht hat? Ist Wilhelm Schäfer ein hessischer Autor, weil er in Ottrau geboren wurde, das seine Eltern allerdings wenige Wochen nach seiner Geburt Richtung Düsseldorf verließen? Manchmal scheint es so, hat doch Rühmkorf den Droste-Hülshoff-Literaturpreis erhalten, der westfälischen Autoren vorbehalten ist; und wurde nach Schäfer, seit 1938 Ehrenbürger von Ottrau, 1950 in seinem Geburtsort eine Schule benannt.

Auch die andere Frage, die nach den Grenzen der Region, hat ihre besonderen Tücken. Der Rückgriff auf politische Grenzen funktioniert nur in Bezug auf bestimmte historische Zeitpunkte. Schon gar nicht funktioniert er bei einem Territorialbegriff wie dem „Rheinland”. Ich kann hier nicht ausbreiten, was mit Rheinland alles gemeint sein kann; im Jahr 2001 haben wir in einem Kolloquium diese Frage von verschiedenen Disziplinen aus gestellt. Die Ergebnisse sind in einem Tagungsband nachzulesen. Die gängigen Definitionen schwanken zwischen: „die Länder entlang dem Rhein von der Quelle bis zur Mündung” bis zur Anwendung des Begriffs ausschließlich auf den Mittelrhein zwischen Mainz und Köln. Herausgeber haben sich meist auf Hilfsgrenzen wie die der preußischen Rheinprovinz (bis 1945), die Grenzen von NRW oder neuerdings die des Landschaftsverbandes Rheinland zurückgezogen, was willkürlich und zufällig ist.

Und noch ein Aspekt ist zu bedenken: Sind Autoren, die im wie auch immer gefassten Rheinland geboren sind, automatisch auch „rheinische Autoren”? In Sammelbänden oder Anthologien, auch denen aus der jüngsten Zeit, geht es immer zunächst um Autoren aus dem Rheinland und weniger um rheinische Autoren. Dieser Unterschied ist bedeutungsvoller und folgenreicher als es auf den ersten Blick scheinen mag, weshalb ich mich ihm hier ein wenig ausführlicher zuwenden will.

Denn denkt man etwas länger darüber nach, so wird offensichtlich, dass mit dem Ausdruck „rheinische Autoren“ mehr gemeint sein muss, als die bloße Aneinanderreihung von Autoren, die durch die regionale Lage ihres Geburtsortes zusammengeraten sind. Fragen wir deshalb zunächst ganz allgemein und ohne in historische Details einzutreten nach weiteren möglichen Merkmalen eines „rheinischen Autors“.

Man könnte z.B. solche Autoren „rheinisch“ nennen, die nicht nur im wie immer umgrenzten Rheinland geboren sind, sondern sich darüber hinaus mit Themen aus der rheinischen Landschaft, also vor allem mit dem Fluss selbst, seiner Geschichte, der Landschaft seiner Ufer beschäftigen. Dass dieses Kriterium allein nicht ausreicht, wird jeder sofort einsehen, dem man sonst Karl May als amerikanischen Autor präsentieren könnte. Dass es andererseits aber auch relativ schwierig ist, von einem „rheinischen Autor“ zu sprechen, wenn derjenige nicht wenigstens irgendwo in seinem Werk rheinische Themen und Stoffe aufgreift, ist auch einsichtig. Solche Fälle gibt es vielfach: Der expressionistische Romancier Curt Corrinth aus Solingen wäre z.B. zu nennen oder der Dramatiker und Prosaist Günther Weisenborn aus Velbert.

Das macht auf eine Gefahr aufmerksam, die sich mit dem Einbezug des inhaltlichen Kriteriums selbstverständlich ergibt: Man rückt mit einer solchen Zuordnung das, was man dann noch als „rheinisch“ bezeichnen kann, in die Nähe der Heimatkunst, und zwar weniger im engeren, historisch festgeschriebenen Sinne dieses Begriffs, als vielmehr in einem weiteren Sinne, im Sinne einer „echten Heimatkunst“, wie sie z.B. Oskar Walzel 1925 in seinem Versuch einer Eingrenzung der „rheinischen Literatur“ vorgenommen hat. Die Aufgabe einer solchen „echten Heimatkunst“ bestehe darin, schreibt er, das „Besondere und Bezeichnende der Menschenart einer Landschaft ... zu enthüllen. Und zugleich das Charakteristische dieser Landschaft selbst, zumal soweit es sich in den Menschen auslebt.“ (S. XVI f.)

Walzel trennt solche Autoren der „echten Heimatkunst“ von den anderen, „die sich bewußt nicht an die Scholle binden und aus dem Gefühl einer ganzen großen Welt heraus und für dies Gefühl gestalten.“ Ergebnis seiner Definition ist erneut die Unterscheidung der „rheinischen Autoren“ von den „Autoren aus dem Rheinland“: „Die Rheinprovinz zählt jetzt unter ihren Söhnen beides: echte Künstler, die den rechten Ausdruck für die heimlichsten Stimmungen ihres engeren Vaterlandes zu treffen wissen (i.e. „rheinische Dichter“, B.K.), und Dichter, die von vornherein in lockerer Weise mit der Heimatscholle verknüpft sind und ihr Wesen in dem Beruf erblicken, der weitesten Welt neue Bahnen zu eröffnen, Kunst neu zu gestalten (i.e. „Dichter aus dem Rheinland“, B.K.)...“ (S. XVIII) Walzel erliegt nicht der Versuchung, der viele seiner Fachkollegen in dieser Zeit und noch lange nachher immer wieder nachgegeben haben: ein wie immer geartetes „Wesen“ des Rheinischen zu hypostasieren und die beiden Gruppen von Autoren, zwischen denen es ja auch immer Misch- und Zwischenformen gibt, darauf rückzubeziehen.

Der im Sinne der Wirkung wichtigste Bezugsort solchen „Wesens“ war in der Diskussion der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts das Element des „Stammes“ bzw. der „Stammesseele“ oder des „Volkstums” und des „Völkischen”. Über das Konzept von Nadlers Literaturgeschichte der Stämme und Landschaften und seine völkischen Epigonen möchte ich hier nicht weiter sprechen; all das ist ja hinlänglich bekannt und im übrigen auch so unappetitlich, dass es schwer fällt, sich länger dabei aufzuhalten. Wie stark dieses Gedankengut auch in die spezifisch rheinische Literaturgeschichtsschreibung eingegangen ist, zeigt ganz besonders Walter Lindens Literaturgeschichte „Deutsche Dichtung am Rhein“ von 1944, die ganz aus diesem Geiste lebt. Festzuhalten ist, dass mit „Stamm“ und „Volkstum“ „Wesenheiten“ eingeführt werden, die jenseits der Geschichte liegen, nicht veränderbar und damit auch keiner historischen Kritik zugänglich sind. Solche aus Blut- und Rasseideen begründeten Ableitungen, sie gehören im Rahmen des Staatsbürgerschaftsrechts bis heute zum deutschen Alltag, machen jeden Autor, der auf „fränkischem Stammland“ und aus „fränkischem Blut“ geboren ist, zum „rheinischen Dichter“. Bei Juden aus dem Rheinland war man sich recht früh einig, dass sie nicht dazu gehörten; man vergleiche das scheußliche Gedicht von Ernst Bertram in seinem Zyklus „Der Rhein“ über Düsseldorf und den Dichter Heinrich Heine mit dem Titel „Der Fremdling“.

Der Heine-Herausgeber Walzel, der erfreulicherweise auf eine Einführung des Begriffes „Stamm“ fast schon demonstrativ verzichtet, probiert in seiner Skizze gleichwohl einige andere Elemente aus, die gerade in den 20er Jahren, aber auch später immer wieder als mögliche Basis für die Beschreibung des „Rheinischen“ diskutiert wurden.

So reiht er z.B. Argumente für eine einheitliche Sprachgeschichte des gesamten Rheinlandes auf, um sie am Ende als nicht allzu aussagekräftig zu verwerfen. Zu demselben Ergebnis kommt auch noch der Duisburger Sprachwissenschaftler Michael Elmenthaler in einer Studie aus dem Jahr 2001.

Auch die Vorstellung einer gemeinsamen Sozialisationsgeschichte des Rheinlandes weist Walzel ab. Dies ist ein Element, das auch in der jüngeren Diskussion immer wieder ins Spiel gebracht wird, wenn es um die Beschreibung des Regionalen geht: die Region als Raum gemeinsamer Erfahrung, in der sich ein gemeinsames Bewusstsein ausbildet. So hat etwa Renate von Heydebrand in ihrer bahnbrechenden Studie von 1983 zur „Literatur in der Provinz Westfalen 1815-1945. Ein literar-historischer Modell-Entwurf” argumentiert. Für kleinere Einheiten und sehr geschlossene Bereiche, wie Westfalen einer ist, mag so etwas vorstellbar sein; für den gesamten Umfang des Rheinlandes vom Ober- bis zum Niederrhein allerdings kaum. Schon Walzel macht auf die enormen Unterschiede in Mentalität und Habitus der Bevölkerung aufmerksam. Sein angesichts der Zeitstimmung eher unerwartetes, aber offenbar ehrliches Fazit ist, daß es schon einiger Leichtherzigkeit bedarf, die Rheinländer, „sei\\\'s als Volk, sei\\\'s als Träger von Geistesarbeit, von Kunst oder von Dichtung“ zu einer „strenggeschlossenen Einheit zusammenzuschmieden“.

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