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Gregor Wolff: Der Teilnachlass von Leonore (Niessen-) Deiters im Ibero-Amerikanischen Institut Berlin

Bestandsbeschreibung


Im Jahr 1927 schenkte der argentinische Jurist und Soziologieprofessor Ernesto Quesada (1858-1934) dem deutschen Staate seine Privatbibliothek von ca. 82.000 Büchern und Zeitschriftenbänden. Diese Schenkung war Auslöser für die Gründung des Ibero-Amerkanischen Institutes in Berlin im Jahr 1930.

Zusammen mit der Bibliothek kamen auch umfangreiche handschriftliche Unterlagen nach Berlin, der Großteil davon ging jedoch während des Krieges verloren. Erhalten geblieben sind Teile der Nachlässe von Vicente Quesada, Ernesto Quesada und auch Unterlagen von Leonore Deiters. Ein Teil dieser Materialien gelangte erst mit späteren Lieferungen nach dem Tod von Ernesto Quesada (1934), bzw. von Leonore Deiters (1939) in den Besitz des Instituts.


Im Jahr 1919 hatte Ernesto Quesada in zweiter Ehe die deutsche Schriftstellerin Leonore Niessen-Deiters (1879-1939) geheiratet. Leonore Deiters, Tochter Heinrich Deiters, eines bekannten Landschaftsmalers der Düsseldorfer Schule, war Autorin von Gedichten, Geschichten, Essays und Humoresken. Sie veröffentlichte mehrere Bücher („Leute mit und ohne Frack“, „Mitmenschen“, „Im Liebesfalle“, „Der Faun“ u.a.) und Artikel von ihr erschienen in Zeitungen in Köln und Düsseldorf, vor allem in der liberalen „Kölnischen Zeitung“.

1913 wurde sie die erste weibliche Auslandskorrespondentin der Zeitung in Buenos Aires. In Buenos Aires interviewte sie wichtige Personen aus Politik und Gesellschaft und verfasste darüber 37 Berichte, die in der „Kölnischen Zeitung“ veröffentlicht wurden. Einer ihrer Interviewpartner war Quesada. Nach der Rückkehr aus Buenos Aires setzte ein Briefwechsel zwischen den beiden ein, der im Jahre 1919 schließlich zur Heirat führte. Fast der gesamte Briefwechsel (123 Briefen und 20 Telegramme) ist im Ibero-Amerikanischen Institut erhalten geblieben.

Irgendwo in diesen noch unveröffentlichten Briefen muss sich der Grund für diese doch merkwürdig anmutende Beziehung und Heirat finden lassen, denn wegen des Krieges hatten sich die beiden zwischen 1913-1919 nicht gesehen und nicht sprechen können. Einige der Briefe waren sogar von der Britischen Militärzensur einbehalten worden, so dass Leonore Deiters von den Zensoren lediglich erfuhr, dass Quesada „assuring you of continuous hearty feelings and trusting, that you would believe in him firm confidence in the future.“

Nach nur einem persönlichen Kontakt und einem über sechs Jahre andauernden Briefwechsel hatte die 41 Jahre alte Leonore Deiters den 61 Jahre alten Ernesto Quesada geheiratet. Quesada hatte als Kind in Deutschland gelebt, eine Schule in Dresden besucht und war auch später mehrmals nach Deutschland gereist. Er sprach Deutsch und galt in Argentinien als „Germanophil“.

In Argentinien geriet das Paar in den Einfluss des philosophischen Werkes von Oswald Spengler und wurde Bewunderer und Anhänger seiner Ideen. Beide lasen dessen Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ und verfassten Aufsätze und Bücher darüber (Ernesto Quesada: „La sociología relativista spengleriana“ u.a.). Durch Vermittlung eines Bruders von Leonore Deiters gelang es ab 1921 einen brieflichen Kontakt und darauf aufbauend eine Freundschaft herzustellen, die bis um Tode von Quesadas (1934), bzw. Spenglers (1936) anhielt. Der noch nicht publizierte Briefwechsel (154 Briefe und 9 Telegramme) und Fotos von gemeinsamen Treffen sind im Besitz des Ibero-Amerikaischen Institutes.

1928 kaufte das Paar ein Haus in Spiez in der Schweiz und zog dorthin um. 1934 starb Quesada nach langer und schwerer Krankheit und 1939 folgte ihm Leonore Deiters.


Der weitere Teilnachlass von Leonore Deiters im Ibero-Amerikanischen Institut wird als Teil des Nachlasses Quesada geführt. Neben den bereits erwähnten Briefen lassen sich darin weitere interessante Dokumente finden: 23 unveröffentlichte Gedichte aus den Jahren 1920-1934, 15 Gedichte zu Quesadas Geburtstagen, acht Manuskripte zu (veröffentlichten) Essays zur Kunst Altamerikas („Prähistorische Ornamentik Amerikas“, “Alt-Peruanische Ideographien”, „Altperuanische Miniaturen”, “Inca’ische Textilkunst”, “Prähistorische Kulturen Südamerikas”, “Silbermasken aus dem alten Hoch-Peru”, “Altamerika vom künstlerischen Gesichtswinkel”, “Künstlerische Betrachtungsweise und Altamerika-Forschung”), unveröffentlichte Manuskripte und Manuskriptfragmente („Biographie des Menschen Ernesto Quesada”, “Über Kontinente und Jahrtausende”, ein Beitrag zur Gedenkschrift „Oswald Spengler zum Gedenken“, “Notizen zum Thema Frauenbewegung”) sowie 78 Tusch- und 28 Bleistiftzeichnungen von Peru-, Osterinsel- und Südseemotiven nach verschiedenen Vorlagen.


Webseite des Ibero-Amerikanischen Instituts Berlin

Quellen:

- Jahrbuch der Kölner Blumenspiele, Bd. 6, Köln 1906.
- Leonore Niessen-Deiters: „Berichte aus Argentinien in der Kölnischen Zeitung, 1913 und 1920“. Einleitung und Zusammenstellung von Günther Vollmer, Berlin 1994 (Manuskript): 102 S.
- Vollmer, Günter: Oswald Spenglers Briefwechsel mit Ernesto Quesada und Leonore Deiters“, Kopie der Briefe mit Einleitung (Manuskript), Berlin 1994: 307 Blatt.
- Vollmer, Günther: „Spengler, Quesada, Leonore und ich: Wie das Ibero-Amerikanische Institut wirklich entstanden ist“, in: Wolff, Gregor (Hrsg.): Die Berliner und Brandenburger Lateinamerikaforschung in Geschichte und Gegenwart. Personen und Institutionen. Wiss. Verl. Berlin 2001: S. 17-45.