
Dass Eulenberg Schlossmann gerade Mächtiger als der Tod aus seiner sehr produktiven Literaturtätigkeit als Widmungsexemplar dargebracht hat, erklärt sich wohl aus dem darin behandelten Problemkomplex der Sterbehilfe.
Eulenbergs Bestreben, sozial- und gesellschaftspolitisch aktuelle Debatten literarisch aufzuarbeiten und sie gleichzeitig – bei allen bekannten, hier nicht zu berücksichtigenden Schwächen in der sprachlichen Umsetzung und Figurenzeichnung – mit einem utopisch-menschheitsverändernden Gehalt zu versehen, findet sich häufiger in seinem Werk.
Im Jahr 1910 hatte er zunächst anonym eine Schrift mit dem Titel Das keimende Leben(9) veröffentlicht, die sich mit dem Problemkomplex der Abtreibung und dessen juristischer Behandlung befasste – ein Thema, dass im Kontext der Frauenbewegung und den Forderungen nach Gleichberechtigung seit Beginn des Jahrhunderts zunehmend an Aktualität gewann. Diese fiktiven Memoiren eines plötzlich durch eigene Hand gestorbenen angesehenen jüdischen Rechtsanwaltes, der zum Pflichtverteidiger einer illegale Abtreibungen vornehmenden Frau bestimmt wird, ist in der Hauptsache ein leidenschaftliches Plädoyer für die weibliche Emanzipation und die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und gleichzeitig das Symbol für das Scheitern des idealistischen Individuums an dem Unverständnis der Menge – ein beliebter Topos in Eulenbergschen Werken. Der Selbstmord erscheint hierbei als die Konsequenz aus dem gescheiterten Bemühen, ausgehend von einem radikalen Vernuftspostulat, das die Seele eines Kindes, „im Hodensack des Mannes“ und im „Eierstock des Weibes“(10) verortet, eine gesellschaftliche Bewusstseinsveränderung herbeizuführen, die Heuchelei der Masse in der Fragen der Abtreibung durch eine vernunftbestimmte, individualistisch-philantropisch bestimmte Sichtweise zu ersetzen. So stirbt der Anwalt als ein an der „Menschheit krank“ gewordenes Individuum. (11)
Das 1921 veröffentlichte Stück Mächtiger als der Tod ist sicherlich nicht zufällig im selben Jahr publiziert, in dem der „Deutsche Monistenbund“ an den Reichstag, den Reichsrat und die Reichsregierung eine Eingabe richtete, dem § 216 des Strafgesetzbuches einen Absatz hinzuzufügen, der die „Tötung auf Verlangen“ unter gewissen Umständen straflos lassen sollte. (12)
Dieses „Leiden- und Freudenspiel“ um einen Gelehrten, der seiner unheilbar erkrankten Frau auf eigenen Wunsch ein tödlich wirkendes Gift verabreicht, sowohl die Vertuschung seiner Tat als auch die „Vermarktung“ derselben durch den „Verein für Euthanasie“ ablehnt und schlussendlich mithilfe eines durch den ehemaligen behandelnden Arzt seiner Frau übergebenen Giftes Selbstmord begeht, zeigt in mehrerer Hinsicht Eulenbergs Monismus-Rezeption: Zum Einen kann es als literarischer Beitrag zur intensiven Beschäftigung der Mitglieder des „Deutschen Monistenbundes“ mit dem Thema Euthanasie vor allem in ihrem publizistischen Sprachrohr „Das monistische Jahrhundert“ gelten. (13)
Zum Anderen erfüllt Eulenberg damit eine von ihm selbst gestellte Forderung an die Dichter der Gegenwart, in ihren Werken „festes, gerades, monistisches Empfinden“ (14) zum Ausdruck zu bringen. Eulenberg, wahrscheinlich durch die Vermittlung seiner Frau Hedda mit monistischem Gedankengut in Berührung gekommen, rezipierte innerhalb dieser Bewegung, deren Intention die Installierung einer auf einem wissenschaftlich fundierten Rationalitätspostulat fußenden Weltdeutung und die Verdrängung des traditionell-klerikalen Einflusses auf Gesellschaft und Staat war, vor allem die kultur- und gesellschaftspolitischen Implikationen.
So betrafen die sozial- und gesellschaftsreformerischen Ambitionen des „Monistenbundes“ Fragen der Verbesserung des Mutterschutzes, der Schulreform, aber auch der Euthanasie und Eugenik. Ebenso wie seine Frau Hedda war Herbert Eulenberg Mitglied im „Frauenbund für Mutterschutz und Sexualreform“, der schon bald mit dem „Monistenbund“ zusammenarbeitete. Auch engagierte sich Eulenberg für die Durchsetzung einer monistischen Ritual- und Festkultur, die er – sozusagen in der Nachfolge Hermann Hesses – in seiner Rede vor dem „Kölner Monistenbund“ gefordert hatte – seine Affinität für solche ersatzreligiösen Inszenierungen, hatte sich schon früh in seinen „Morgenfeiern“ im Düsseldorfer Schauspielhaus gezeigt.
Doch am wichtigsten war für Eulenberg vielleicht die vollständige Ersetzung jeglicher transzendenten Weltdeutung, von ihm selbst auf die Formel: ‚Monismus=Gottlosigkeit‘ (15) gebracht.
So ist auch das Drama Mächtiger als der Tod – wie schon im Titel angedeutet – eine Anlehnung an die christliche Heilsgeschichte, deren eschatologischer Gehalt jedoch verworfen wird.
Die Hauptfigur des Gelehrten Faber – schon durch seine vielen Anspielungen auf Kreuzestod und Menschheitserlösung eine der zahlreichen Christusfiguren in Eulenbergs Werk (16) scheint als Verkünder umfassenden Mitleids- und Liebesbotschaft, seine Sterbehilfe ein emphatisch-humanitärer Akt. Der Freitod Fabers ist – in Anlehnung an das urchristliche Märtyrertum – ein Opfertod für seinen „neuen Glauben“ (17), bei ihm die utopische Hoffnung auf eine gegenseitige Menschenliebe, die nicht mehr aus der Jenseitserwartung gespeist wird.
Obwohl Arthur Schlossmann sicherlich sowohl mit dem Problem der Euthanasie, als auch dem der Abtreibung konfrontiert worden ist – als Abgeordneter der DDP im Reichstag war er für bevölkerungspolitische Fragen zuständig – fand sich bislang keinerlei publizistischer Beitrag von ihm dazu. Die Verbindung zwischen Eulenberg und Schlossmann ist vor allem in der Ähnlichkeit einer allgemeinen „freigeistigen“ Geisteshaltung zu suchen, die unter dem Eindruck einer schon lange virulenten Religionskrise im wilhelminischen Deutschland verschiedene Gruppierungen einer die gesellschaftspolitische Modernisierung verfechtenden bildungsbürgerlichen Opposition hervorbrachte (18); zu diesen Gruppierungen gehörte sowohl der „Monistenbund“, als auch die verschiedenen Gründungen Friedrich Naumanns, zu dessen Anhängern das Ehepaar Schlossmann zählte. So kommt es, dass Schlossmann und Eulenberg sich mit Fragen des Frauenrechtes und des Mutterschutzes auseinandersetzten, Schlossmann jedoch seine sozialreformerischen Ambitionen – Friedrich Naumanns eher politischen Stoßrichtung seiner freigeistigen Bewegung gemäß – in konkret parteipolitischer Arbeit verfolgte.
Was nun die eingangs gestellte Frage nach der Vernetzung Düsseldorfer Intellektueller betrifft: Ein Beispiel für eine Zusammenarbeit kultureller und politischer Repräsentanten der Stadt Düsseldorf über alle Differenzen hinweg zeigt sich in einer gemeinschaftlichen Aktion ausgerechnet für den Dichter, der seit seinen Lebzeiten für besonders heftige Kontroversen über sich und sein Werk gesorgt hatte: in der Denkmalsinitiative für Heinrich Heine gegen Ende der zwanziger Jahre; dem Ortsausschuss Düsseldorf gehörten u.a. Herbert Eulenberg, Hanns Heinz Ewers, Arthur Schlossmann, Robert Lehr und Ernst Poensgen an.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten machte dieses Vorhaben zunichte, übrigens ebenso wie der kurz nach Schlossmanns Tod im Jahr 1932 aufgekommene Plan, ihm ein Denkmal auf dem Gelände der heutigen Uniklinik zu setzen.