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Vorlass von Prof. Dr. Ulrich Horstmann (*1949) im Westfälischen Literaturarchiv

Findbuch online zugänglich

Der literarische Vorlass des Schriftstellers und Hochschullehrers für Englische und Amerikanische Literatur Ulrich Horstmann (vgl. auch hier die Datenbank „Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren“; ferner die Website U. Horstmann, www.untier.de) wurde als Depositum ab August 2007 in das Westfälische Literaturarchiv übernommen. Der Bestand 1022 umfasst bislang 357 Verzeichnungseinheiten mit Unterlagen von 1964 bis 2010; ein Online-Findbuch ist abrufbar auf den Seiten des LWL-Archivamtes und der LWL-Literaturkommission im Internetportal Archive in NRW. 

Biographie und Werk

Ulrich Horstmann wurde am 31. Mai 1949 in Bünde geboren. Ab 1968 studierte er Anglistik, Philosophie, Pädagogik und Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und promovierte 1974 mit einer Arbeit über Edgar Allan Poe. Während seiner Assistentenzeit am Englischen Seminar der WWU Münster erhielt er 1977 ein Research Fellowship an der Universität von Pretoria/Südafrika. Nach seiner Habilitation war er bis 1987 Hochschullehrer am Englischen Seminar in Münster und ist seit 1991 Professor für Neuere Englische und Amerikanische Literatur an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, mit Gastprofessuren an der Universität von Wisconsin/USA in Madison (1993) und Milwaukee (1996 und 1999). Seit 1992 lebt Ulrich Horstmann in Marburg an der Lahn.

Schon als Gymnasiast schrieb er Prosa- und Lyriktexte und sandte die Manuskripte an Verlage und Zeitschriften. Einen für sein Literaturverständnis wichtigen Aufsatz veröffentlichte er 1975 unter dem Titel „Science Fiction – Vom Eskapismus zur anthropofugalen Literatur“. Darin vertrat er die These, qualifizierte Science Fiction sei der Vorläufer einer neuen, von ihm ‚anthropofugal’ (vor den Menschen fliehend) genannten Literatur. 1976 erschien eine erste selbständige Veröffentlichung, mit der er seine eigenen Jugendschriften als literarischen Nachlass eines (fiktiven) jungen Selbstmörders herausgab. Zusammen mit Jürgen Gross begründete er 1976/77 die Literaturzeitschrift „Aqua Regia“, deren Texte „wie Salzsäure“ ätzen sollten. Die Rezeption seiner nachfolgend veröffentlichten literarischen Arbeiten – Essays, Erzählungen, Romane, Aphorismen, Theaterstücke, Hörspiele und Gedichte – wurde nachhaltig geprägt durch die 1983 erschienene Streitschrift „Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht“. Mit diesem Essay, in dem er die Geschichte der Menschheit als einen Entwicklungsgang des Organischen zurück in unbelebte Materie interpretierte, wurde er einer breiteren, nicht nur literarischen Öffentlichkeit bekannt. 1988 wurde Ulrich Horstmann vor allem für das „Untier“ von Günter Kunert für den renommierten Kleist-Preis vorgeschlagen. In seiner Preisrede verwies Horstmann auf die Uneigentlichkeit des von ihm propagierten anthropofugalen Denkens, das nicht militant, sondern melancholisch gestimmt sei. In vielen, zumeist essayistischen Beiträgen arbeitete er die enge Beziehung zwischen apokalyptischem Denken und melancholischem Temperament heraus.

Neben dem „Untier“ sind für das frühe Werk kennzeichnend die „Nachgedichte. Miniaturen aus der Menschenleere“ (1980), die aus der Sicht des Selbstmörders Klaus Steintal verfasst sind und letzte Spuren menschlicher Zivilisation nach dem bereits vollzogenen Genozid festhalten. In „Steintals Vandalenpark“ (1981) ist die Nachgeschichte der Apokalypse der Bezugsrahmen einer Erzählung, die ebenfalls den (fiktiven) Doppelgänger Klaus Steintal zum Protagonisten hat. Im Roman „Das Glück von OmB’assa“ (1985) wird der drohende Anbruch der Apokalypse aus den Unzulänglichkeiten des Irdendaseins abgeleitet und dadurch in seiner Radikalität abgemildert. Auch die Theaterstücke und Hörspiele, die ab 1977 entstanden, konnten gattungsbedingt einer Ästhetik der Menschenleere nicht entsprechen und waren intentional bestimmt von der Dumpfheit menschlichen Handelns.

Neben den literarischen Veröffentlichungen, für die er 1995 in den deutschen P.E.N. gewählt wurde, ist Ulrich Horstmann mit Übersetzungen und Editionen hervorgetreten. Bereits um 1975 war eine Rohübersetzung von Ted Hughes’ Gedichtband „Crow“ entstanden; nachfolgend blieb die moderne englische und amerikanische Lyrik ein Schwerpunkt seines Interesses: 1995 erschien eine zweisprachige Lyrik-Ausgabe von Ted Hughes. Nach schwierigen Bemühungen um die Autorenrechte Philip Larkins veröffentlichte er 2002 eine Übersetzung zunächst im Selbstverlag; 2007 erschien eine jeweils von kurzen Übersetzungskommentaren begleitete ‚hybride’ Ausgabe (U. Horstmann: Das Larkin-Projekt. Probeläufe einer hybriden Gedicht-Lektüre. Aachen: Shaker Media). Dem amerikanischen Lyriker Robinson Jeffers widmete er 1998 „Meditationen“, in denen sich Kritik an der herkömmlichen Philologie und Abspiegelung des eigenen Schreibens in der Interpretation durchdringen.

Bei den literarischen Veröffentlichungen der letzten Jahre ist das Sendungsbewusstsein des Autors merklich zurückgenommen; die Perspektive gibt nicht mehr der anthropofugale Weltenraum sondern die melancholisch gestimmte Innerlichkeit, deren natürliche Verbündete die Kunst (Literatur) ist, weil sie Vergänglichkeit wahrnimmt und darauf reagiert.

Dies kann auch ein literarisches Verstummen begründen, dessen Motive und Strategien der Literaturwissenschaftler Ulrich Horstmann in seiner jüngsten Studie untersucht (U. Horstmann: Die Aufgabe der Literatur oder Wie Schriftsteller lernten, das Verstummen zu überleben. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 2009).

Bestandsstruktur und Bearbeitung

Der Vorlass Ulrich Horstmanns wurde bislang in fünf Lieferungen übernommen und war grob vorgeordnet: 1. Die Manuskripte waren jeweils als Werkeinheiten abgelegt, Handschriften in einzelnen Mappen aufbewahrt, Typoskripte in Klemmbindern zusammengeführt. Zu der Werküberlieferung gehören auch Arbeitsmaterialien, Konvolute mit frühen Prosa- und Lyrikentwürfen sowie Kladden mit Aufzeichnungen zum literarischen Werk. 2. Die Korrespondenz von 1974 bis 2000 war für jedes Jahr alphabetisch nach Briefpartnern geordnet. 3. Als Sammlungen kamen hinzu: Belegexemplare selbständiger und unselbständiger Veröffentlichungen, Mitschnitte von Hörfunk- und Fernsehproduktionen, Rezeptionszeugnisse.

Überlieferungsschwerpunkt im Bestand sind die Manuskripte und Arbeitsmaterialien zum Werk, denen sich die Korrespondenzen und Sammlungen zuordnen. Die Werkgruppen insgesamt widerspiegeln den „gattungsstreunenden Schriftstellerwissenschaftler“ (so Ulrich Horstmann auf seiner Website www.untier.de), der sowohl als Autor und Literaturtheoretiker wie auch als Übersetzer, Herausgeber und Editionsphilologe weithin Beachtung gefunden hat.

Link:  http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/bestand.jsp?archivNr=400&tektId=253

Eleonore Sent