
II.
»weil er mir Mut machte und für mich tröstlich war«
Die Zeit nach 1945
Hermann Hesse war, wie außer ihm nur noch Thomas Mann, nach 1945 die unangefochtene moralische Instanz in der westdeutschen Literaturszene. Sein Nobelpreis hatte ihn 1946 schlagartig wieder ins Bewußtsein der Deutschen zurück gebracht. Deutlichster Ausdruck der Aufmerksamkeit und Zuwendung, die er in den folgenden Jahren bis zu seinem Tod erfuhr, ist die Masse an Briefen und Einsendungen, die Hesse in seinem Wohnort Montagnola im Schweizer Tessin erhielt. Mit großer Geduld und viel menschlicher Wärme versuchte er, in seinen meist knappen Antworten auf die Nöte und Hoffnungen der Briefschreiber einzugehen, eine Leistung, die man ihm gar nicht hoch genug anrechnen kann, bedenkt man seine angegriffene Gesundheit, sein Alter und den hohen Aufwand an Zeit und Geld, den das Geschäft des Briefschreibens erforderte. Um Porto zu sparen, faßte Hesse wenn eben möglich größere Mengen an Briefen zusammen, expedierte sie in die Bundesrepublik und ließ sie erst dort von Vertrauten frankieren und verschicken. Daß die Briefe in der Regel nicht sehr lang ausfielen, sich die Gegengaben für die Menge der ihm zugesandten Bücher auf kleine Privatdrucke mit einer kurzen Grußzeile oder dem bloßen Namenszug beschränkten, kann nicht weiter verwundern. Trotzdem hatten diese Gaben für die Empfänger oft eine enorme Bedeutung. Unter den Autoren, die Kontakt zu Hesse suchten, waren einerseits solche, die ihn noch aus früheren Zeiten kannten und schon damals mit ihm korrespondiert hatten; andererseits aber auch jüngere Leute aus der Kriegsgeneration, die nach 1945 erstmals in Beziehung zu ihm traten.
Exemplarisch lassen sich Hesses Bemühungen und seine Bedeutung für die Autorenschaft der Bundesrepublik der unmittelbaren Nachkriegszeit an zwei rheinischen Schriftstellern demonstrieren, die beide in den 50er Jahren in Düsseldorf lebten.
Emil Barth (1900-1958) stand bereits seit 1927 in lockerem brieflichen Kontakt zu Hesse, ohne daß die beiden in nähere Berührung gekommen wären. Hesse schrieb auf einigen knappen Postkarten freundliche Worte über Barths Werke, lobte vor allem die beiden autobiographischen Bücher »Das verlorene Haus« und »Der Wandelstern«, in denen er eine ihm verwandte Stimme vernahm; Barth seinerseits zollte in langen Episteln dem »lieben und verehrten Meister Hermann Hesse« (so im Schreiben vom 22. Dezember 1939) seine Bewunderung. Tatsächlich zeigt Barth mit seiner Betonung von Geistigkeit und Innerlichkeit eine gewisse Nähe zu Hesse. Sein Ansatz hielt ihn einerseits auf Distanz zum nationalsozialistischen Denken, ließ ihn andererseits nach 1945 das Grauen und die Verwüstungen des Krieges aus einer sehr allgemeinen menschheitsgeschichtlichen Perspektive betrachten. Seine klassizistisch überformte expressive Sprache, aus der die Gegenwart weitgehend ausgespart blieb, traf den Geschmack der Zeit. Im Nachkriegsdeutschland wurde er mehrfach preisgekrönt und zu einer beach-teten Figur im Literaturbetrieb.
Direkt nach Kriegsende nahm der in schwierigen materiellen Verhältnissen lebende Barth auch die Beziehung zu Hesse wieder auf, die jetzt insofern eine zusätzliche Dimension erhielt, als Hesse nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten half.
»Die erste Tasse Kaffee aus dem Liebesgabenpaket, womit sie mich zu überraschen die Güte hatten, trinke ich als Ihr Gast; ich war tief gerührt, als ich die Ankündigung der Versandfirma in Händen hielt und Ihren Namen als den des Spenders las. Außerdem wollte es der Zufall, daß es meine Geburtstagspost war, dazu die einzige, die ich bekam; so brauche ich Ihnen nicht näher zu sagen, für was alles mir Ihr liebenswerter Gruß an diesem Tage kam und wie froh er mich machte. Natürlich versteht sich, daß Ihr Paket [...] auch rein praktisch ungemein gemütserheiternd wirkt und hochwillkommen war. Seien Sie also wie auch Ihre verehrte Gattin recht herzlich, und auch von meiner Frau, für diesen so lieben wie ermunternden Gruß bedankt.«
So beginnt Barth seinen Brief an Hesse vom 8. Juli 1948. Hesse seinerseits zeigt sich in seiner Antwortkarte vom 13. Juli gerührt über Barths Freude und zugleich gezeichnet von den Ansprüchen, die von so vielen Seiten an ihn herangetragen werden. Insgesamt hat er seine Korrespondenz inzwischen durch die kommentarlose Zusendung von Sonder- und Privatdrucken wesentlich entlastet, die, gelegentlich mit kurzen Widmungen oder auch nur den Initialen »H. H.« versehen, in großer Zahl in die Welt hinaus gehen. Auch Barth partizipiert zwischen 1947 und 1957 an diesem System; in seinem Nachlaß im »Rheinischen Literaturarchiv« des Heinrich-Heine-Instituts in Düsseldorf finden sich neben dreizehn Postkarten und einem Brief insgesamt 47 solcher Sendungen aus dieser Zeit. Darunter sind Gedichttyposkripte, hergestellt auf ganz dünnem Durchschlagpapier, Privatdrucke, Sonderdrucke aus Zeitschriften, kleine Zeitungsartikel und eigens produzierte Verlagsprodukte.
Der Höhepunkt im Verhältnis zu Hesse war für Barth der persönliche Besuch in Montagnola im Oktober 1950, ein Erlebnis, das nicht vielen vergönnt war und die doch etwas herausgehobene Bedeutung dieser Beziehung unterstreicht. Hesse hatte zum Schutz vor zudringlichen Gästen ein Schild mit der Aufschrift »Bitte keine Besuche« am Eingang zu seinem Wohnhaus anbringen lassen, eine sehr verständliche Maßnahme angesichts der schriftlichen Nachstellungen, denen er ausgesetzt war. Wie andere ähnliche Berichte beginnt auch der Emil Barths mit diesem Schild. Barths Verleger Henri Goverts hatte seinen Autor und dessen Frau im Herbst 1950 zu einem Besuch in seiner Villa im Lichtensteinischen Vaduz eingeladen, und von dort hatten die beiden einen Ausflug ins Engadin und weiter ins Tessin unternommen. Barth hielt die Einzelheiten der Begegnung mit Hesse in seinem Tagebuch fest, aus dem es seine Frau dann 1977 zum Druck brachte. Besonders anschaulich geriet ihm die Schilderung der äußeren Begleitumstände:
»Nachmittags in einer kleinen Osteria bei einem Glas Tessiner Rotwein eine Stunde abwartend, um bei Hermann Hesse anzurufen, ob ihm mein Besuch angenehm sein würde. War soeben an seinem Hause: an der Einfahrt obiges Schild, das ein abgewiesener Witzbold mit seinem Nachtrag versehen hatte. Ein langer Kiesweg, eine Auffahrt, führt zum Hause, das ziemlich zurückgezogen liegt und einen verschlossenen, abweisenden Eindruck macht. Es ist in einer roten Farbe gestrichen, davor ein Kiesplatz. Hinter den Türfenstergittern lange Schreibmaschinenschriftstücke, die die Bitte, in Ruhe gelassen zu werden, wiederholen. Trotzdem gehe ich zur Haupttüre, die übrigens kein derartiges Schild aufweist und drücke auf den Klingelknopf. Ein nettes kräftiges Dienstmädchen erscheint, hört mich zögernd an und erwidert, daß Herr Hesse schläft. Ich schreibe einen Zettel: Emil Barth möchte nicht unterlassen haben, bei Ihnen anzuklopfen und grüßt Sie herzlich.
Das Mädchen, sagt, daß Herr Hesse am ehesten um fünf Uhr zu sprechen sein würde, ich schlage vor, in etwa einer Stunde anzurufen, ob er mich empfangen will. Den Weg wieder heruntergehend, wo Erika noch auf mich wartet, begegnet uns ein Auto, das von einer Dame mit strengem Gesichtsausdruck, die uns keinen Blick zuwirft, gefahren wird. Ich vermute, denn oben hab ich die leere Garage offen stehen sehen, daß dies die Gattin Hermann Hesses war. [...]
Die Osteria ist mit alten Stichen aus der Geschichte Mosis geschmückt: Moses als Findling im Schilf, Moses die Kriegsrosse und Scharen Pharaos im roten Meer ersäufend, Moses die Schlangen-plage über Ägypten schickend. Unwillkürlich bringt man diese ägyptischen Plagen in Beziehung zu den Plagen des Dichters, der sich seiner Besucher zu erwehren hat. Und als ich gegen 4 Uhr bei Hermann Hesse anrufe, von einem neben der Osteria befindlichen Telefonautomaten aus (das Mädchen vom Hause Hesse hatte mir die Geheimnummer mitgeteilt, die unter einem anderen Namen im Telefonbuch steht), bin ich mir keineswegs sicher, angenommen zu werden. Aber die Gattin des Dichters meldet sich am Apparat mit dem liebenswürdigsten Bedauern, vorhin nicht zu Hause gewesen zu sein, ihr Mann würde sich außerordendlich freuen, mich zu sehen. Ob ich meine Frau bei mir hätte, um ½ 5 würde Tee getrunken. Wo ich mich jetzt befände, wir sollten dann doch gleich herüberkommen.
Das Schild am Eingangspfosten ›Bitte keine Besuche‹ konnte uns nun nicht mehr schrecken. Wir gingen also den breiten Kiesfahrweg hinauf vor das rote Haus. Zwischen der Garage und dem Eingange stand ein Tor geöffnet, durch das man in einen Hof mit einer Leine voll Wäschestücke blickte. Auf unser Klingeln öffnete mit Willkommensmiene das Mädchen und wir hatten noch nicht recht abge-legt, als H. Hesse selber aus dem Zimmer trat, groß, hager, aber doch erstaunlich gut aussehend, wenngleich im Schritt merkliche Spuren des Alters zeigend. An seinen Füßen trug er hohe geschlossene schwarze Schuhe aus Filzstoff. Er begrüßte uns sehr liebenswürdig; beim Händedruck fühlte man die gichtigen Knoten seiner Hand. Dann sprach er einige italienische Worte mit der gerade hinter uns hergekommenen Briefträgerin und führte uns in das große Bibliothekszimmer, das mit einem riesigen Fenster über das heute im Dunst liegende Tal hinüberblickte und auf den Monte Salvatore und den Hügel von Carona. Am schon gedeckten Teetisch erhob sich Frau Hesse und hieß uns freundlich willkommen mit der Bemerkung, ob wir uns nicht schon getroffen hätten. Erika nahm auf dem breiten Sofa vor dem Fenster Platz und ich selbst saß ihr gegenüber, H. Hesse zur Rechten, mit dem Blick auf die Landschaft. Zwei schöne große Katzen streiften durchs Zimmer, die während unseres Teetrinkens eine flache Schale mit Milch auf einem Tuch bekamen. Rings an den Wänden hohe Bücherregale, auf dem mitt-leren ein Grammophon, auf und über der Eingangstür gewebte Teppiche mit figürlichen Darstellungen. Neben dem Sitzplatz auf einer Art Schreibtisch eine Vase mit Cynnien und vielen Büchern darauf. Frau H. machte einen sehr gütigen, sogar etwas mütterlichen Eindruck und war eine sehr aufmerksame und liebenswürdige Gastgeberin. Den dünnen Tee gab sie H. H. (zugleich mit einem Stück Zucker in der Tasse), fragte Erika, ob sie den Tee stark oder schwach wünsche. Es gab Keks mit Butter und pikantem Streichkäse, den ihre Köchin herstellt, eine Glasschale mit kleinem feinem Gebäck und eine Linzer Torte, H. H. aß nur von der letzteren.«
Im weiteren Verlauf seiner Schilderung gibt Barth den Inhalt des Gesprächs wieder.
Kurz vor seinem Tod erhielt Barth dann DM 2.000 aus der »Hermann Hesse-Spende«, die allerdings nicht der Dichter verwaltete, sondern die deutsche Kultusministerkonferenz. Trotzdem bedankt sich Barth am 24. Oktober 1957 aus dem Krankenhaus bei Hesse persönlich, und zwar mit den offensichtlich von Herzen kommenden Worten: »Ich möchte es einmal aussprechen [...] dass es zu meinen beglückendsten Lebenserfahrungen gehört, durch so lange Zeit hindurch Beistand zu erhalten, ohne dass ich auch nur ein einziges Mal darum habe bitten müssen.« Eine solche Bemerkung unterstreicht die große Bedeutung, die Hesses unermüdliches und selbstloses Engagement für viele deutsche Autoren nach 1945 besaß.
Dieses Engagement bewährte sich auch an Rolf Bongs (1907-1981), der, nur wenig jünger als Barth, anders als dieser vor dem Krieg nicht in Briefkontakt zu Hesse getreten war, sieht man von einem kurzen Schreiben in offizieller Mission als Archivar des »Rheinischen Dichterarchivs« einmal ab (s. o.). Aller-dings ist Bongs vor Kriegsende auch nur mit wenigen kleineren Arbeiten als Autor aufgetreten. Seine eigentliche Arbeitsphase liegt nach 1945 und sein Briefwechsel mit Hesse beginnt erst 1952, dauert aber bis zu Hesses Tod 1962. Danach setzt Bongs die Korrespondenz mit Hesses Frau Ninon fort, mit der ihn archäologische Interessen verbinden. Auch hier ergibt sich das Bild, das wir schon von der Korrespondenz zwischen Hesse und Barth kennen: langen Briefen von Bongs stehen kurze Postkarten oder auch ›Briefchen‹ gegenüber, in denen Hesse meist knapp auf die ihm übersandten Bücher eingeht.
Rolf Bongs
Bongs steht ebenfalls auf der Empfängerliste bei den großen Versandaktionen Hesses und erhielt in den 10 Jahren ihrer Be-kanntschaft 37 Zusendungen von Drucksachen. Auch er bekam wie Barth im Jahr 1957 eine Summe aus der »Hermann-Hesse-Spende« zugesprochen.
Hesse reagierte auf die ihm zugesandten Bücher im übrigen nicht immer nur mit mit mehr oder weniger nichtssagender Anerkennung; über Bongs Roman »Die feurige Säule« aus dem Jahr 1953 etwa, in dem es um die Nach-kriegs-gesellschaft in den rheinischen Großstädten, um Schiebermentalität und Schuldbewältigung geht, heißt es in einem undatierten Schreiben Hesses aus dem Jahre 1954: »Schade, mit Ihrem Roman ist es mir nicht geglückt [...]. Ich fand den Tonfall Ihrer Prosa mir nicht adäquat, und es war mir allzu viel des Details in der Schilderung wie in der Reflexion, die Kost war mir zu schwer und füllig.« Im Gegenzug lobt er die lyrischen Versuche von Bongs (»las den Hahnenschrei, herzlich teilnehmend und mitfühlend«), ein Lob das diesen beflügelt. Er schreibt am 10. August 1954 an Hesse: »Ihre Antwort auf den ›Hahnenschrei‹ war für mich eine reine Freude. Ich danke Ihnen. Sie soll zu Ihnen zurückstrahlen.« Einen anderen Brief Hesses trug Bongs, wie er Frau Ninon am 27. Oktober 1964 gesteht, stets in Abschrift in seiner Schreibmappe bei sich, »weil er mir Mut machte und für mich tröstlich war«.
Es sind genau diese beiden Momente: Trost spenden und Mut machen, die Hesses Einsatz nicht nur für die deutschen Schriftsteller der Nach-kriegszeit kenn-zeichnen, sondern auch die Wirkung bei seiner Leserschaft bis heute. Es ist sicher nicht das Schlechteste, was ein Schriftsteller erreichen kann.