Sonderausstellung > Beiden Rheinufern angehörig > Beitrag
Weitere Beiträge
  • Sabine Brenner: Hermann Hesse und der >>Frauenbund zur Ehrung rheinischer Dichter<<

    Hesse und das Rheinland
    [11.01.2017]
  • Kerstin Glasow: »im spitzen Winkel gegeneinander denken«

    Der Briefwechsel zwischen Hesse und Wilhelm Schäfer
    [10.01.2017]
  • Susanne Schwabach-Albrecht: Hermann Hesse und die »Kölnische Zeitung«

    Hesse und das Rheinland
    [06.01.2017]
  • Kerstin Glasow: Hermann Hesse und die Kulturzeitschrift »Die Rheinlande«

    Hesse und das Rheinland
    [06.01.2017]
  • Wolfgang Delseit: »Verdrießlichkeiten mit Parasiten [...] bin ich gewöhnt«

    Das »Westdeutsche Hermann-Hesse-Archiv« in Köln
    [06.01.2017]
  • Michael Limberg: »wo ich nötigenfalls zu lesen bereit bin«

    Hesses Lesereisen im Rheinland
    [06.01.2017]
  • Bernd Kortländer: Hermann Hesse und die rheinischen Dichter

    Hesse und das Rheinland
    [03.01.2017]
Backlist
Alle bisherigen Beiträge finden Sie in unserer Backlist.

Zu den Netz-Datenbanken von RLA und WLA

zurück zurück | Seite 2 von 2

Gertrude Cepl-Kaufmann: Entwürfe von »Heimat« bei Autoren des Rheinlandes

Hermann Hesse und das Rheinland
Josef Pontens Landschaftsphilosophie


Im Fall Ponten zeigt sich die Problematik eines Heimatbegriffs für Grenzregionen, aber auch die latente Weltoffenheit, die eine Stromlandschaft wie der Rhein mit seiner wechselvollen Geschichte und historischen Bedeutung mit sich brachte. Josef Ponten kam aus dem nordwestlichsten Zipfel des Rheinlandes, dem Eifel/Ardenner-Dreiländereck mit Belgien, den Niederlanden und Deutschland, eine Region, deren Geschichte sich bekanntlich nur allzu leicht als eine Abfolge von Grenzverletzungen und Verschiebungen, Ländereinnahmen und Zurückeroberungen beschreiben ließe. Bewohner solcher Regionen sind sensibilisiert für Erlebnisse des Heimatverlustes.
Ponten wurde 1883 in Raeren geboren, einem nach dem deutsch-französischen Krieg zu Deutschland gekommenen Töpferdorf in der Nähe von Eupen. Im Versailler Vertrag wurde die Gegend Belgien zugeschlagen, zu »Zwangsbelgien«, wie Ponten zu sagen pflegte. Die Mutter stammte aus einer Familie von Eifelbauern und Fuhrleuten aus der Gegend von Monschau, der Vater aus dem holländischen Limburg. Ponten glaubte sich determiniert durch seine Familie und seine Kindheit. Die grenzüberschreitende Tätigkeit von Fuhrleuten in der mütterlichen Familie und die Erfahrungen der väterlichen Familie als Handwerksburschen sah er als Quelle seiner lebenslangen Unruhe, seines »auf dem Wege sein«. Sein großangelegtes Spätwerk, ein mehrbändiger Roman über die weltweiten Ansiedlungen der Deutschen im Ausland, vor allem an der Wolga, nannte er beziehungsreich »Volk auf dem Wege«. Auf umfangreichen Reisen hatte er nicht nur für diesen Roman recherchiert, sondern auch seine eigenen Reiseerlebnisse für ein besonderes literarisches Genre, die »künstlerischen Erdbeschreibungen« , verwertet. Die zeitgenössische Kritik nannte sie »Toposophien«. In ihnen erfaßt er, durch ein architekturhistorisch ausgerichtetes Kunststudium entsprechend vorgebildet, neben der mystisch-pantheistischen Aura der Landschaft vor allem architektonisch herausragende Bauwerke. Angereichert wurden seine Beobachtungen durch naturwissenschaftlich interessante Phänomene, zu deren Vermittlung er sich als mit einem umfassenden Wissen ausgestatteter Autodidakt prädestiniert fühlte. »Dr. Allwissend« nannte ihn die Münchner Intellektuellenszene der 20er Jahre im Umfeld von Thomas Mann, der ihn nichtsdestotrotz einen ihm ebenbürtigen »Jahrhundertdichter« nannte, voll »ethischer Luft und faustischem Duft«. Thomas Mann hat Ponten trotz eines fundamentalen Konfliktes für die Aufnahme in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste vorgeschlagen. In der Akademie reüssierte Ponten dann mit seinem Konzept einer landschaftsorientierten Dichtung und der dieser Vorstellung einzig gemäßen Idee eines organischen Kunstwerks, dessen »Geheimnis« ihm freilich nicht als vermitteltes Bildungszitat, sondern im unbegreiflich sinnvollen Aufbau der heimatlichen Steinbrüche offenbar geworden war – so jedenfalls will es der stilisierte Unmittelbarkeitsgestus des von historischen Fragestellungen nahezu unberührten Naturmystikers glauben machen. Er operierte damit gegen das von ihm verabscheute »literarische Berlinertum«, gegen den »urbanen Intellektualismus«, dem er seinen landschaftsorientierten Literaturbegriff politisch-kämpferisch entgegensetzte. Gegen das Preußische stand für ihn der »Geist des Westens«. Er bediente mit seinem Konzept in der späten Weimarer Republik die Sprache der aufkommenden Nationalsozialisten, zu denen er persönlich aber als weltläufiger und gebildeter Polyhistor in relativer Distanz blieb.
Kosmopolitische Denkstrukturen und regionalistische Landschaftsverbundenheit kommen bei Ponten zusammen. Der Aachener Raum als heimatlicher, geschichtsträchtiger Identitätsraum motivierte ihn dazu, sich in seinen zahlreichen autobiographischen Arbeiten als Franke zu stilisieren und sich mit entsprechenden stammesbiologisch hergeleiteten Eigenarten auszustatten. Provokativ zeichnete er seine Briefe mit der Identifikationsformel »Ponten rhenanus«. Karl der Große wurde, ähnlich wie für Winckler und viele weitere Autoren der Region, für ihn zum geistigen Vater. So fühlte er sich lebenslang berufen, ein Europa der Franken zu fordern.
Das Dreiländereck avancierte bereits im zweiten Roman Pontens, dem 1909 erschienenen Landschaftsroman »Siebenquellen«, zum literarischen Gegenstand. Der Held Bernhard Menniken versucht von seinem Landsitz »Septfontaines« aus die Töpfertradition des Ortes »Seffent« wiederzubegründen, scheitert aber und kultiviert nun im Angesicht dieses Scheiterns eine an Ibsens Drama »Ein Volksfeind« gemahnende und sich anschließende sozialaristokratische Lebenshaltung, die sich entschieden definiert durch ein ganzheitliches, den Ideen der Reformpädagogik verpflichtetes Programm einer freien Schule zur Erziehung freier Individuen, das zugleich mit trans- und übernationalen Vorzeichen versehen wird. Landschaft und Heimat erscheinen dabei als topographisch-lebensweltliche Bedingungen der Identitätsfindung, während die urbane Kultur dem gängigen konservativ-zivilisationskritischen Verdacht ausgesetzt wird. Landschaft wird zur Kulturlandschaft aufgewertet, in der Völker gleichberechtigt neben- und miteinander leben. Wie Pontens Protagonist Menniken in Traumszenen und Fluchtreisen sein Ich sucht, so wird später auch sein Sohn nach Frankreich ziehen, um sich in der Konfrontation mit dem fremden Land und einer fremden Kultur seiner selbst bewußt zu werden. Der Sucher, der Tätige wird zur paradigmatischen Existenz, wie es in Vorwegnahme expressionistischer Topoi heißt: »Nicht das Ziel ist der Zweck, sondern die Wanderung.« Der Begegnung mit dem europäischen Nachbarn kommt so die fundamentale Aufgabe einer positiven Indikation zu; erst in der Absetzbewegung vom Anderen gelangt der Prozeß der Selbstfindung an sein eigentliches Ziel, formiert sich die landschaftliche wie kulturelle Identität als ein Eigenes. Trotz der für ihn schmerzlichen politischen Erfahrungen im Dreiländereck dominierte doch bei Ponten die Einsicht und Bereitschaft, andere Formen der transnationalen Kommunikation als aggressiv-chauvinistische zu suchen. In der Zielvorstellung ging es ihm nicht um die Nivellierung nationaler Identitäten, sondern um die produktive und offensive zukunftsorientierte Realisation der jeweiligen nationalen Geschichten in einem übernationalen Zusammenhang. Ponten hat an seinem Konzept einer landschaftsorientierten Weltbetrachtung lebenslang festgehalten. Nicht zuletzt hat er sich in seiner spezifischen Aneignung von Landschaft mit Hesse getroffen. Beide waren Anhänger der »luganesischen Landschaft«. Frucht dieser Zusammenarbeit war die Gemeinschaftsproduktion von Ponten mit seiner Frau Julia Ponten von Broich und Hermann Hesse, die farbige Zeichnungen beisteuerten. Zu Recht durfte wohl Hesse im Kontext der Buchproduktion in einem Brief an Ponten betonen, daß »unsre Ansichten und Geschmäcke [...] kaum sehr weit von einander« entfernt seien.

zurück zurück | Seite 2 von 2