Sonderausstellung > Beiden Rheinufern angehörig > Beitrag
Weitere Beiträge
  • Gertrude Cepl-Kaufmann: Entwürfe von »Heimat« bei Autoren des Rheinlandes

    Hermann Hesse und das Rheinland
    [12.01.2005]
  • Sabine Brenner: Hermann Hesse und der >>Frauenbund zur Ehrung rheinischer Dichter<<

    Hesse und das Rheinland
    [11.01.2005]
  • Susanne Schwabach-Albrecht: Hermann Hesse und die »Kölnische Zeitung«

    Hesse und das Rheinland
    [06.01.2005]
  • Kerstin Glasow: Hermann Hesse und die Kulturzeitschrift »Die Rheinlande«

    Hesse und das Rheinland
    [06.01.2005]
  • Wolfgang Delseit: »Verdrießlichkeiten mit Parasiten [...] bin ich gewöhnt«

    Das »Westdeutsche Hermann-Hesse-Archiv« in Köln
    [06.01.2005]
  • Michael Limberg: »wo ich nötigenfalls zu lesen bereit bin«

    Hesses Lesereisen im Rheinland
    [06.01.2005]
Backlist
Alle bisherigen Beiträge finden Sie in unserer Backlist.

Zu den Netz-Datenbanken von RLA und WLA

zurück zurück | Seite 2 von 2

Kerstin Glasow: »im spitzen Winkel gegeneinander denken«

Der Briefwechsel zwischen Hesse und Wilhelm Schäfer
Noch gravierender als die Unterschiede der Temperamente sind die politischen und weltanschaulichen Differenzen, die im Laufe der Jahre immer offensichtlicher werden. Schon 1908 distanziert sich Hesse von der ideologischen Position Schäfers, indem er die Bedeutung von Volkstum und Landschaft für sich zurückweist, als er in einem Brief an Schäfer sagt, er habe »auch den vertrautesten Landschaften gegenüber mehr Wander- als Heimatgefühle« . Während des Ersten Weltkriegs treten die unterschiedlichen Ansichten offen zutage. Zu Beginn des Krieges fordert Hesse mit seinem in der »Neuen Zürcher Zeitung« veröffentlichten Aufsatz »O Freunde, nicht diese Töne!« dazu auf, »ein Stück Frieden zu erhalten, Brücken zu schlagen, Wege zu suchen, aber nicht mitdreinzuhauen (mit der Feder!) und die Fundamente für die Zukunft Europas nicht noch mehr zu erschüttern« . Seine Aufforderung an Künstler und Intellektuelle, den Krieg nicht in das Reich des Geistes hinüberzutragen, wird zu einem Aufruf zu unbedingtem Frieden. Schäfer beschäftigt sich währenddessen über einen Zeitraum von fünf Jahren mit einem Text, den er später als sein Hauptwerk bezeichnet: In den »Dreizehn Bücher der deutschen Seele«, beschwört er die Größe der deutschen Kultur und Geschichte mit einem für uns heute unerträglichen Pathos.
Dieses 1922 veröffentlichte völkische Erbauungsbuch wird nach dem verlorenen Krieg zu einem »Trost- und Leitbuch beschädigter Identität, aber auch zu einem Wegweiser für 1933« . Hesse ignoriert die »Dreizehn Bücher der deutschen Seele« und äußert sich ablehnend über diese Seite Schäfers: »Ich kenne ihn besser. So ein Getue. Er mag sich nur ein Bäffchen vorbinden.«

Auch im Briefwechsel schlagen sich diese ideologischen Differenzen nieder: Zwischen 1918 und 1924 korrespondieren Hesse und Schäfer nicht mehr. Daß es sich zusätzlich um eine literarische Entfremdung handelt, belegt Schäfers Einschätzung von Hesses literarischer Entwicklung in seinem »Lexikon meiner Mitmenschen«: »Nachdem er lange die Jugendflöte geblasen hatte, überschlug er sich, mit dem ›Demian‹ beginnend, in ein fast cynisches Gegenteil, das ihm weniger gut zu Gesicht stand.«

Ein weiterer Konflikt entzündet sich an der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste. Hesse tritt im November 1930 aus der Sektion aus, nachdem Schäfer als Verhandlungsleiter der Akademiesitzungen einen Brief an sämtliche Mitglieder geschickt hatte, in dem er den weniger aktiven Mitgliedern den Austritt nahelegte. Schäfer gegenüber, der ihn in einem persönlichen Brief zum Verbleib in der Akademie überreden will, begründet Hesse die Ablehnung der wie er sagt »einzigen ›offiziellen‹ Zugehörigkeit [...] auf die ich im Leben je mich eingelassen habe«: »Ich habe unter andrem auch das Gefühl: beim nächsten Krieg wird diese Akademie viel zur Schaar jener 90 oder 100 Prominenten beitragen, welche das Volk wieder wie 1914 im Staatsauftrag über alle lebenswichtigen Fragen belügen werden.« Hier bezieht sich Hesse auf den Protest von 93 prominenten Gelehrten und Intellektuellen im Herbst 1914, die gegen die Meinung votierten, daß der Einmarsch Deutschlands in das neutrale Belgien illegal sei. Schäfer tritt zwei Monate später mit seinen völkisch gesinnten Kollegen Emil Strauß und Erwin Guido Kolbenheyer ebenfalls aus der Akademie aus, nachdem er mit seinem Kampf in der Sektion für Dichtkunst gegen die Vormachtstellung Berlins und für eine Ausdehnung der Repräsentanz der Sektion auf das ganze Deutschland keinen Erfolg hatte. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird Schäfer 1933 wiedergewählt und zum Ehrensenator der gleichgeschalteten Akademie ernannt. Auch wenn Schäfer nie Mitglied der NSDAP war, gehört er zu jenen völkischen Autoren, die sich zumindest mit Teilen der nationalsozialistischen Ideologie identifizierten. Mehrfach mit NS-Preisen geschmückt, läßt er sich als kulturelles Aushängeschild benutzen.

Ganz anders ist hingegen die Lage Hesses, der, wie Schäfer 1940 in seinem »Lexikon meiner Mitmenschen« anmerkt, »um seiner politischen Haltung wegen gegenwärtig arg unter die Räder gekommen« ist. Er ist – wie auch schon während des Ersten Weltkriegs – ab 1935 wieder den gehässigen und verleumderischen Angriffen der Rechtsnationalen ausgesetzt, von denen er 1936 in seinem Brief an Schäfer berichtet: »Lieber W. Schäfer, Du hast mir neulich mit Schmidtbonn einen Gruß geschickt. Das ermutigt mich, dir von einer Sache zu sagen, die zur Zeit spielt und die geeignet ist, mir einen sehr üblen Begriff von dem zu geben, was aus der deutschen Literatur, und den Manieren der Literaten geworden ist. Es handelt sich um die heftigen Angriffe, vielmehr Denunziationen, mit denen mich Will Vesper seit einigen Monaten verfolgt.«
Ohne seine Kritik jemals Schäfer gegenüber zu artikulieren, vermerkt Hesse in einem Brief an seinen Freund Otto Basler, nachdem sich Schäfer abfällig über Thomas Mann geäußert hatte: »Daß ein anständiger Autor, ein anständiger und verantwortlichkeitsbewußter Mensch von 70 Jahren wie Schäfer so entgleisen kann, zeigt, wohin in kurzer Zeit die Moral eines ganzen Volkes kommen kann, wenn die Führung teuflisch ist.«

Hier zeigt sich Hesses Wertschätzung Schäfers – »ein anständiger Autor, ein anständiger und verantwortlichkeitsbewußter Mensch« – und gleichzeitig die große Entfernung, für die Hesse weniger den langjährigen Briefpartner als die Zeitumstände verantwortlich macht. Hesse faßt dies prägnant in einem Brief von 1938 an Schäfer zusammen, betont aber gleichzeitig die Wichtigkeit des dennoch nicht abbrechenden schriftlichen Kontakts: »Seither sind scheinbar unsere Wege weit auseinander gegangen, obwohl wir ja vermutlich so ziemlich die Gleichen sind die wir bis dahin gewesen sind. Aber je u. je ging doch noch ein Gruß hin u. her, u. das hat mich jedesmal gefreut, denn Gedächtnis, Treue u. Freundschafthalten sind seltene Tugenden, auch in Völkern, die sie speziell erfunden u. gepachtete zu haben meinen.«

Zu einer Aussprache über die politischen bzw. ideologischen Meinungsverschiedenheiten kommt es in den Briefen jedoch nicht. Die Verbundenheit zwischen Hesse und Schäfer bleibt trotz aller Differenzen bestehen, auch aufgrund der Länge der Wegstrecke, die die beiden neben-, wenn auch nicht immer miteinander gehen. Der 79-jährige Schäfer formuliert dies 1947 folgendermaßen: »Es leben mir nicht viele Menschen mehr, die wie Du mit dem Anfang des Jahrhunderts in mein Leben eingetreten sind.« Obwohl sich beide politisch seit dem Ersten Weltkrieg auseinanderentwickeln, bleibt der Ton der Briefe nach wie vor freundschaftlich. Die Anteilnahme – zumindest am öffentlichen Leben des anderen – läßt nicht nach. So schreibt Hesse 1943: »Gestern Abend habe ich dich am Radio deine Flawiler Geschichte vorlesen hören. Das Erzählen wie das Vorlesen, du verstehst beides noch immer, u. nach Jahrzehnten deine Stimme noch einmal zu hören war hübsch. Ich schicke dir einen Gruß hinüber.«
Schäfer wiederum beglückwünscht Hesse 1946 zum Frankfurter Goethepreis und zum Literaturnobelpreis.

Zusammenfassend ist zu sagen, daß die Freundschaft mit Schäfer den Beziehungen zwischen Hesse und Schriftstellerkollegen wie Ludwig Finckh oder Emil Strauß ähnelt, die aufgrund der politischen, weltanschaulichen und persönlichen Differenzen als »Schmerzensbeziehungen« bezeichnet werden können. Der Briefwechsel bringt die Ambivalenz des Verhältnisses zwischen Hesse und Schäfer deutlich zum Ausdruck: Herzliche, gegenseitige persönliche und literarische Wertschätzung stehen einer immer größer werdenden Entfremdung gegenüber. Diese Verbindung von freundschaftlicher Zuneigung und unüberbrückbaren Gegensätzen wird durch die Aufforderung Schäfers an Hesse treffend charakterisiert: »Also bleiben Sie mir gut, wenn wir auch oft im spitzen Winkel gegeneinander denken.«


zurück zurück | Seite 2 von 2