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Michael Limberg: »wo ich nötigenfalls zu lesen bereit bin«

Hesses Lesereisen im Rheinland

Dieser Plan musste jedoch noch einmal geändert werden. Hesse war zunächst nach Basel gefahren, um seine schwangere Frau Mia zu besuchen, die kurz vor der Niederkunft stand (am 1.3.1909 wurde ihr zweiter Sohn Heiner geboren). Dort wurde er krank, "in allen Knochen", wie er Schäfer am 17.2. schrieb. "Zu Ihnen werde ich bei diesen Umständen erst Dienstag oder Mittwoch kommen können, direkt. Es ist scheußlich, ich kann kaum noch stehen. Dampfbaden und ein paar Tage Liegen müssen helfen."


Vielleicht waren die Nachwirkungen dieser Erkältung der Grund dafür, dass der Rezensent der Coblenzer Zeitung den Vortragsabend zunächst als eine "schwere Enttäuschung" empfand. "Wir hörten die Klänge, aber der Klang hatte keine Farbe. Ja, die Sprache, statt die Wortbilder zu schattieren, riss sogar unwillkommene Lücken in das Wortgefüge. Es war für die Mehrzahl der Zuhörer schwer, aus dem Vortrag den Sinn aller Sätze, den Kern mancher Verszeile sofort zu erfassen." Rückblickend erschien ihm jedoch "diese rührende Unbeholfenheit des Dichters als Vortragskünstler, die uns zuerst den Genuss seiner Dichtung so arg verkümmern zu wollen schien, als eine so eigenartige Erläuterung seiner Wesensart, dass ich die Erinnerung an die persönliche Bekanntschaft, so weit sie uns der Dichterabend vermitteln konnte, um keinen Preis mehr entbehren möchte". (Coblenzer Zeitung v. 2.3.1909, S. 2)

Hesses Programm bestand in der Regel aus Gedichten und Prosatexten, wobei er sich immer bemühte, seinen Zuhörern auch etwas Ungedrucktes zu bieten oder zumindest einen Text, der zwar schon in einer Zeitung aber noch nicht in Buchform erschienen war. In Düsseldorf las er neben Gedichten die Erzählungen Karneval und Das erste Abenteuer. In der Besprechung der Rheinisch-Westfälischen Zeitung vom 1.3.1909 heißt es dazu: "Das schöne, volltönende, inhaltreiche, das triftige Wort, das allem Abgenützten und Abgeschliffenen aus dem Wege geht und doch so schlicht und natürlich klingt – all’ das ist klingender Hesse-Stil. Man hörte ihn ebenso aus der weichen, rhythmisch gegliederten Prosa des Karneval mit seinen oberrheinischen, heiter-kräftigen Farben und der aufbegehrenden Nachdenklichkeit des Ersten Abenteuer, als aus den zarten, sinn- und formvollen Gedichten, die Hesse vorlas. Auch hier überall diese zarten, duftigen Pastellfarben, in denen Hesse malt, die tiefe, gehaltene Stimmung, die schönen, sehr poetischen Details, das Verklingen in zartesten Tönen. Trotz einer merklichen Unpässlichkeit und dem unverkennbar schwäbischen Anklang seiner Sprache wusste sich Hermann Hesse das Publikum der Schauspielhaus-Matinee zu Dank und lebhaften, oft wiederholten Beifallskundgebungen zu begeistern."


Im Anschluss an die Lesung fand in Wittlaer, vermutlich im Haus des Malers Max Clarenbach, der inoffizielle Teil von Hesses Aufenthalts statt, und der muss bei ihm einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. An einen Freund schrieb er gut einen Monat später: "Herrgott, in Coblenz, Köln und Düsseldorf haben wir es heiter getrieben!" Hesse, der Einzelgänger, brauchte ab und zu solche ausgelassenen Festlichkeiten, weil er, wie er Schäfer eingestand, "eigentlich nur in Weinlaune befriedigend mit Menschen zusammensein kann. Es fehlt mir ein sozialer Instinkt, so dass ich im Grunde bei allen Annäherungsversuchen und aller heimlichen Sehnsucht nach Geselligkeit, doch immer allein bleibe und nach jedem Zusammensein mit andern rasch wieder verwildere" (Brief vom 14.6.1909).


Getrübt wurde der gute Eindruck seines Aufenthalts in Düsseldorf vermutlich durch die Tatsache, dass das Schauspielhaus fast zwei Monate nach der Lesung noch immer nicht die Reisekosten überwiesen hatte. Eulenberg war die Angelegenheit unangenehm, wie er dem "treuen Rheinlandsfürst" (Wilhelm Schäfer) am 26.April mitteilte: "Die Sache mit Hermann Harpagon Hesse werde ich regeln und ihm persönlich schreiben. Ich bin oder war bald ja nur Dramaturg des Kunstinstitutes, nicht Kassirer noch Rendant. Überdies habe ich die Leute schon zehnmal mindestens an Hesses Forderung gemahnt und ihnen Purgierungsmittel eingegeben. Sie sind und bleiben verstopft. Heute werde ich nochmals gründlich mahnen." Ob Eulenbergs Bemühungen von Erfolg gekrönt waren, ist nicht bekannt. Ebenso wenig, ob Hesse noch ein weiteres Mal in Düsseldorf war. Hedda Eulenberg berichtet in ihren Erinnerungen zwar von einem Besuch in ihrem Haus in Kaiserswerth, aber ihre Angaben sind zu ungenau, als dass man sie genauer datieren könnte. (Eulenberg 1952, S. 391)

Düsseldorf hat in Hesses Werk keine nachweisbaren Spuren hinterlassen, im Gegensatz zu Köln. Zwei von drei Kapiteln des Romanfragments Berthold, einem Vorläufer von Narziss und Goldmund, spielen in der Domstadt. Hesse kannte Köln durch den Tabakwarenfabrikanten Joseph Feinhals, den er bei seiner Lesung in Düsseldorf kennen gelernt hatte und mit dem er bis zu dessen Tod im Jahre 1947 in Verbindung stand. Unter seinem Pseudonym Collofino kommt er in mehreren Werken Hesses vor. In seinem großen, von Josef Maria Olbrich erbauten Haus in Köln-Marienburg, wohnte Hesse im Januar 1914, als er, eingeladen vom "Verein für Literatur und Kunst", in Duisburg eine Lesung hatte. Auch dieser Ort fand sich nicht auf Heiner Hesses Liste. Es gab lediglich eine Postkarte Hesses, abgestempelt am 12.1.14 in Köln, auf der es hieß: "Ich muss den Eisengießern meine Gedichte vorlesen und Ruß atmen, dafür höre ich morgen in Köln den Parsifal." Bei dem Stichwort "Eisengießer" war Heiner Hesse Essen eingefallen, aber Recherchen dort blieben ergebnislos. Erst Nachforschungen in Duisburg führten zum Erfolg. Hesse las dort am 14. Januar, aber ob er in der Städtischen Tonhalle Ruß atmen musste oder vielen Eisengießern begegnete, darf doch bezweifelt werden.


"Hermann Hesse behält als Leser seiner Sachen dem Kenner seiner Bücher keinerlei Enttäuschung vor", schrieb dazu die Rhein- und Ruhr-Zeitung vom 14. Januar 1914. "Wie man ihn sich aus seinen Büchern vorstellt, so tritt er vor uns, schlicht, ruhig, ernst und still. Er fordert unbedingte Hingabe des Hörers an sein Werk, und er belohnt sie durch die edle, abgeklärte Schönheit, durch die goethesche Lauterkeit seiner künstlerischen Gaben, die einen tiefen, nachhaltigen Eindruck hervorrufen. Die persönliche Bekanntschaft Hesses zeigte ferner, dass er nicht allein als Novellist gewürdigt werden will, wie das zumeist geschieht, sondern ebenso als Former prachtvoll durchglühter und geschliffener Verse Beachtung wünscht. Die Hälfte seiner Vorträge waren rein lyrische Gaben, und sie zwangen zu gleicher Anerkennung und Bewunderung, wie die sprachlich gepflegten Sätze seiner stilisierten Prosakunst." Für den Rezensenten war der Abend ein "eigener Genuss. Und das, obwohl der Tonhallensaal sich nicht gerade als stimmungsfördernd erwies, zumal einige rücksichtslose Nachzügler und ein kaltblütiger Kellner mit wiederholten Stühletransporten peinliche Störungen hervorriefen."


Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs trat Hesse, der seit 1912 in Bern lebte, in Deutschland nicht mehr öffentlich auf. Eine Ausnahme bildete lediglich eine Lesung in Eisenach im November 1915. Das ist umso erstaunlicher, als Hesse zu der Zeit bereits unter einem Hetzartikel des Kölner Tagblatts zu leiden hatte, der von mehreren deutschen Tageszeitungen übernommen worden war, und in dem er als "vaterlandsloser Gesell", "Drückeberger" und "Ritter von der traurigen Gestalt" diffamiert wurde. In der Eisenacher Besprechung ist von dieser Auseinandersetzung nichts zu spüren.

Erst ab Herbst 1921 las er wieder in Deutschland, aber nur noch "in anständigen, leidlich hübschen Gegenden südlich der Mainlinie, denn niemand kann mir zumuten, lediglich der Literatur willen, Reisen zu tun in Landstriche, wo kein Wein mehr wächst"(Hesse 1977, S. 211).


Literaturangaben


Eulenberg, Hedda: Im Doppelglück von Kunst und Leben. Düsseldorf [1952].

Hesse, Hermann: "Kofferpacken". In: Ders., Kleine Freuden. Frankfurt 1977.

Prater, Donald: "Stefan Zweig and Hermann Hesse." In: Modern Austrian Literature. Vol. 14, Nrs. 3/4, 1981. University of Calif. at Riverside.

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