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Wolfgang Delseit: »Verdrießlichkeiten mit Parasiten [...] bin ich gewöhnt«

Das »Westdeutsche Hermann-Hesse-Archiv« in Köln

Die reine Archivarbeit bestand aus dem Sammeln von Zeitungsartikeln über Hesse und sein Werk, dem Kopieren von Originalbriefen aus anderen Beständen, Tausch und Kauf von Originalausgaben der Bücher, Aquarellen des Künstlers, Fotos sowie Arbeiten über Hesse und Vertonungen seiner Werke, Ordnen von Unterlagen (hierbei griff Weiß gern auf die Hilfe seiner Schüler zurück), dem Korrespondieren mit anderen Sammlern und Archiven und schließlich dem Beantworten zahlreicher Anfragen aus dem In- und Ausland. Darüber hinaus hielt Weiß viele Vorträge über das Werk Hesses und die Arbeit des Archivs in verschiedenen Städten. Der Archivbestand wuchs und wuchs: »Manuskripte, Aquarelle, Korrekturexemplare und zahlreiche Briefe von Hesse stehen im Mittelpunkt der Sammlung. Die Bibliothek, die über 1500 Bände zählt, enthält nicht nur sämtliche Werkausgaben – zu einem großen Teil mit Widmungen – sondern vor allem auch die zahllosen Privatdrucke und Einzelpublikationen des Dichters.

Mit bewundernswerter Akribie hat Weiß fast alle Bücher, Zeitschriften und Zeitungen aufgespürt und zusammengetragen, in denen Gedichte und Erzählungen von Hesse veröffentlicht wurden. Außerdem sammelte er die von Hesse herausgegebenen und eingeleiteten, ja selbst die von dem Dichter rezensierten Bücher. Dazu kam die gesamte Literatur über Hesse und sein Werk, von der großen Biographie und der wissenschaftlichen Spezialuntersuchung – darunter viele maschinenschriftliche Dissertationen über allgemeine literaturhistorische Arbeiten bis zum kleinen Zeitungsaufsatz. / Eine selbständige, an Vollständigkeit bisher wohl einzigartige Abteilung, bildet die Musikaliensammlung, in der sich die gedruckten und zahllosen ungedruckten Vertonungen von Gedichten finden. [...] / Das Archiv nach weitgespannten Plänen aufgebaut und durch Karteikarten gut erschlossen, ist über den Charakter einer Privatsammlung hinausgewachsen und kann in der bisherigen Form ohne Hilfskräfte und ohne erhebliche Mittel nicht weitergeführt werden.«
Wer zu dem »Mitarbeiter-, Förderer- und Freundeskreises« gehörte, läßt sich in der Rückschau nur schwer eruieren: Identifizieren läßt sich etwa »Frau Walther, unsere treue Archivhilfe« als Ruth Walther, geb. Tillmanns (1907-1985), Journalistin, spätere Lebensgefährtin des rheinisch-westfälischen Schriftstellers Josef Winckler und Schwester der Kölner Opernsängerin und Konzertdirektorin Elisabeth Delseit. Frau Walther arbeitete seit dem 13. Mai 1949 unentgeltlich für das Archiv und kam in der Regel zweimal wöchentlich, um Diktate aufzunehmen oder Texte zu kopieren.

Durch sie lernte Weiß das Künstlerehepaar Karl und Elisabeth Delseit kennen, das rasch zu Förderern des Archivs wurde. Es stellte dem ortsfremden Weiß zahlreiche Künstler (etwa die Komponisten Hermann Unger und Franz-Jos Frey oder den Maler Franz M. Jansen) und Kunstsinnige vor, die bereit waren, seine Arbeit ideell oder materiell zu unterstützen. Denn an eine Unterstützung durch die öffentliche Hand war angesichts der leeren Kassen der Städte und Kommunen nach 1945 nicht zu denken. Das Archiv – so offiziell es sich auch nach außen hin gab – war keine anerkannte öffentliche Institution, sondern blieb – wie Hesse auch immer wieder zu Recht betonte – die private Angelegenheit des Leiters. Die Kosten für den Unterhalt und die Erweiterung der Sammlung trug in erster Linie der Eigentümer Weiß. Die ›Geschäftsstelle‹ des Archivs befand sich in seiner Wohnung, und mit großem persönlichem und finanziellem Engagement meinte er, dem Dichter und seinem Werk zu dienen.
Das Archiv konnte rege Besuche von Studenten, Forschern und Hesse-Verehrern verzeichnen: So waren es vor allem Studenten, die im Archiv arbeiteten und den Bestand benutzten. »Mein Archiv ist kein Museum, sondern stellt seine Bestände kostenlos allen Hesse-Interessenten, besonders Studenten, zu Verfügung«, erklärte Weiß gegenüber einer Zeitung.

Der Kölner Ordinarius des Germanistischen Instituts Richard Alewyn unterzeichnete zahlreiche Benutzerscheine für den Archivbesuch seiner Studenten. Schriftsteller wie Hanns Martin Elster, Eulenberg, Hermann Kasack, Jakob Kneip, Luise Rinser, Wilhelm Schmidtbonn und Winckler sind ebenso zu Gast gewesen wie die Maler Franz M. Jansen und Josef Ruland; Heiner Hesses Besuch ist im Juni 1950 sogar im Bild festgehalten. »Das Archivbuch zeigt mir bisher für den Januar 13 neue Besucher, darunter Besucher aus Frankreich, Österreich, München, Stuttgart, Bochum. Eingegangen sind 143, ausgegangen 106 Postsachen.«

Es mag Hesses Naturell und seinem Hang zum Individualismus entsprochen haben, daß ihm in kurzer Zeit die Aktivitäten des Sammlers Weiß für sich und sein Archiv zu weit gegangen sind und lästig wurden, denn bereits Ende 1949 verfaßte er erste Briefe an Freunde, die vor dem Mittelschullehrer und seiner Sammlerleidenschaft warnen. Er ging hart mit Weiß ins Gericht, und seine Beurteilung der Sammelleidenschaft war mehr als nur unfreundlich und ungerecht. Bald verschickt er weitere Rundbriefe an Freunde und Bekannte. Im Nachlaß von Erich Weiß befindet sich die Abschrift eines solchen Briefes, der Weiß zugespielt wurde. Darin schreibt Hesse:

»In Köln hat vor zwei oder drei Jahren ohne mein Wissen und sehr gegen meinen Geschmack Erich Weiß ein ›Hesse-Archiv‹ gegründet. Er ist ein alter und treuer, wenn auch nicht guter Leser von mir, und sein Absichten waren anfangs rein idealistische, aber es trat auch viel Geltungsbedürfnis und Wichtigtuerei dabei zu Tage, und mehr und mehr bedient er sich auch wenig anständiger Methoden. Vor allem bettelt er hinter meinem Rücken und gegen meine Warnungen alle meine Freunde an, hat manchen von ihnen auch, wie es scheint, Briefe und Manuskripte von mir abgeschwatzt, schmarotzt auf langen Reisen bei meinen Verwandten und Freunden herum, deren Adressen er sorgfältig sammelt, und gibt für diese ›Gönner‹ seines Archivs Drucke heraus, die ich nicht billige. / Ich kann nicht sagen, wie viel Verdruß, Verlegenheit und Kummer er mir schon bereitet hat. Ich bitte meine Freunde, ihm ja nichts von mir anzuvertrauen, namentlich keine Briefe und Manuskripte, auch nicht zum blossen Ansehen oder Abschreiben. Er betreibt das gegen mein ausdrückliches Verbot. H. H.«

Hesses kritische Worte überraschen um so mehr, als er noch im Jahr zuvor eines seiner Manuskripte dem Archiv übergeben hatte. Doch je stärker sich Weiß engagierte, sammelte und organisierte – ohne dabei mit Bescheidenheit in den Hintergrund zu treten –, desto ungehaltener reagierte Hesse. Als Weiß vom 27. März bis 16. April 1952 in der Schweiz wieder sammelte und dabei nach Montagnola reiste, wurde er von Hesse nicht empfangen. Auf die Versuche, mit Hesses Frau in Kontakt zu treten, reagiert der Meister gereizt:

»Sie möchten wissen, was ich gegen Sie und Ihr Archiv habe. [...] Inzwischen habe ich mündlich und brieflich hierüber eine Menge erfahren und es gibt in meinem ganzen Freundeskreis kaum noch einen einzigen, der nicht zusammenzuckt, wenn er hört, dass wieder ein Überfall von Ihnen zu fürchten sei. [...] Ich habe Sie Ihr Archiv machen und treiben lassen, obwohl es mir sehr gegen den Geschmack geht. Ich will und kann Sie auch nicht hindern, das weiterhin zu tun. Dass Sie aber meine Freunde, mich selbst, und nun auch noch meine Frau persönlich bedrängen, dagegen werde ich mich mit allen Mitteln wehren. / Es tut mir leid, dass ich Ihnen dies Schreiben musste, Sie hätten aus meinem und meiner Freunde Verhalten gegen Sie selber schliessen können, wie lästig Sie uns geworden sind.«

Doch, so Weiß an den Hesse-Sammler Martin Pfeifer, »wie wenig Ahnung hat der gute H. H. von den realen Dingen. Wie gut, daß ich ihn in keiner Weise brauche!« Schließlich aber zeigte Hesses Interventionen gegen Weiß Wirkung: An Georg Alter schrieb jener unter dem Datum 24. Januar 1953: »Jedenfalls habe ich den Menschen Hesse vollständig überwunden, und auch das ist ein Fortschritt«. Zu diesem Zeitpunkt gab Weiß es auf, sich weiterhin mit Hesse in Verbindung zu setzen. Zwar sammelte er weiter, reicherte aber das Archiv nicht mehr in der bisher gewohnten Weise an; sein Engagement ging merklich zurück, was sich vor allem in den immer seltener werdenden Veranstaltungen des Archivs niederschlug. Auch wenn es noch etwa vier Jahre dauern sollte, bis er sich von seinem Archiv trennte und einem neuen Sammlungsschwerpunkt zuwandte, so hat doch gerade Hesses ablehnendes Verhalten Erich Weiß enttäuscht. »Auch er hat mir meine Treue schlecht gelohnt«.

Und Hesse: Abgesehen davon, daß er den weiteren Kontakt zu Weiß mied, hatte für ihn die Affäre Weiß nachhaltige Wirkung: Einer Initiative der Stadt Calw etwa, in Calw eine »Hessestube« einzurichten , stand Hesse nach den Erfahrungen mit Weiß eher ablehnend gegenüber. »Ferner hat ein Lehrer Weiss in Köln ganz aus eigener Initiative dort ein Hesse-Archiv gegründet, das viele Jahre dort stand. Er hat meine sämtlichen Verwandten, Freunde und Korrespondenten aufgesucht, ohne mein Wissen, hat sie um Geld , um Bücher, um Manuskripte, um Photos etc. angepumpt – und dann hat er schließlich sein ganzes Archiv um DM 14000 an Marbach verkauft. Sie sehen, daß Sie mit Ihren Plänen zu spät kommen, und werden auch begreifen, ich nach allen diesen Erfahrungen völlig ernüchtert bin.«

Der Verfasser dankt Herrn Michael Limberg, Düsseldorf, daß er ihm seine umfangreichen Quellen zum WHHA zur Verfügung stellte. Die Sammlung Limberg (im weiteren »SL«) umfaßt u. a. auch Bestände aus dem Nachlaß Erich Weiß, die in zwei Mappen gelagert sind. Dabei handelt es sich insbesondere um Zeitschriftenausschnitte, Veranstaltungsbelege und einige Briefe sowie Bilder, die zum Teil für diesen Beitrag verwendet wurden.

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