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Enno Stahl: Übernahme literarischer Bestände. Prolegomena zu einer Systematisierung

1. Die Ausgangslage

1.1. Die Rolle der Kultur / Literarisches Leben und literarische Infrastruktur


Kultur, und damit auch die Literatur, hat in den letzten Jahrzehnten einen fulminanten Bedeutungszuwachs zu verzeichnen. Sie sehen, ich spreche von Literatur und Kultur, zwar befasse ich mich im engeren Sinne mit Literaturarchiven, denke aber, dass Vieles in meinen Ausführungen auch auf Kulturarchive anderer Sparten übertragbar ist, daher des Öfteren diese Doppelbegrifflichkeit.
Kultur ist überall mit dabei, längst ist sie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise erzielte die Kulturwirtschaft nach Auskunft des 5. Kulturwirtschaftsberichts NRW 2007 in ihren Kernbereichen, also nur Schriftsteller, Künstler, Musiker, Verlage und Veranstalter einbegreifend, im Jahre 2005 mit einer stetig wachsenden Unternehmenszahl von rund 34.800 selbstständigen Kulturberufen und steuerpflichtigen Kulturunternehmen ein Umsatzvolumen von 22,6 Mrd. EUR. Das entspricht einem Anteil von 1,9 Prozent an den Umsätzen der Gesamtwirtschaft.

Zum Vergleich: Der Fahrzeugbau (Automobil und KFZ-Teile) erreichte im Vergleichsjahr 2005 mit einem Umsatzwert von 31,3 Mrd. EUR einen prozentualen Anteil von 2,6 Prozent, also nur geringfügig mehr. Zieht man die erweiterte Kulturwirtschaft, also Medien und Werbung sowie nachgelagerte Betriebe (Druckereien usw.) hinzu liegt die Kulturwirtschaft weit vor der Automobilindustrie.

Das Statistische Jahrbuch verrät, was uns somit kaum mehr verwundern kann, dass allein die Verlage in NRW: 4 Milliarden 270 289.000 EURO erwirtschafteten, in Gesamtdeutschland gar über 11 Milliarden EUR (Statistisches Jahrbuch, nach www.destatis.de, Zugriff: 15.6.2011).
Analog dazu ist natürlich der Output der kulturellen Dienstleister geradezu explodiert, wenn wir uns hier einmal auf das Beispiel der Literatur konzentrieren, so ist hier ja nicht nur eine wachsende Zahl von Schriftstellern am Werk, man denke an die Veröffentlichungsschwemme, die Jahr für Jahr zur Frankfurter Buchmesse einsetzt. Sondern dahinter steht ja ein gewaltiger Apparat: Verlage und ihre Auslieferungen, Barsortimente, viele tausend Buchhandlungen, Lesungsveranstalter institutioneller wie privater Provenienz.

Früher haben sich Literaturarchive weitgehend darauf konzentriert, die Nachlässe von Autoren zu übernehmen oder zu erwerben, bei denen es angezeigt schien, sie der Nachwelt zu erhalten. Ob das heute ausreicht, ist fraglich, und zwar schon deshalb, weil – wie die meisten von Ihnen wissen – ein großer Autor nicht zwangsläufig auch einen bedeutenden Nachlass bildet. Hier kommt es doch sehr auf das individuelle Sammelverhalten an: Wie oft hört man von potenziellen Nachlassern, was sie alles bereits weggeworfen haben, weil sie es für irrelevant erachteten, Dinge, die aus wissenschaftlicher und archivarischer Sicht jedoch sehr wohl bewahrenswürdig gewesen wären.

Umgekehrt sind bisweilen die Überlieferungen von Autoren, die heute völlig vergessen sind, z.B. aufgrund der extensiven Korrespondenztätigkeit der Bestandsbildner, überaus wichtig. Gute Beispiele dafür sind hier im Heinrich-Heine-Institut die Nachlässe der Autoren Hanns Heinz Ewers und Wilhelm Schäfer. Sie sind die beiden meistgenutzten Bestände in unserem Haus. Insbesondere Schäfer, der nicht zuletzt aufgrund einer schweren nationalsozialistischen Verstrickung zu Recht in Vergessenheit geraten ist, war als langjähriger Redakteur der Kunstzeitschrift „Die Rheinlande“ Korrespondenzpartner wichtigster Autoren und Künstler wie Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Robert Walser oder Wilhelm Lehmbruck.

Ähnliches mag heute – im Zeichen eines viel stärker ausdifferenzierten literarischen Kommunikationssystems – für andere Multiplikatoren gelten:
Feuilletonredakteure von Tageszeitungen und Rundfunksendern, aber auch Lektoren, Literaturveranstalter, Buchhändler. Gerade in der letzten Zeit – mit der Übernahme des Suhrkamp-Archivs durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach – ist die Aufmerksamkeit auf die immense Bedeutung solcher körperschaftlichen Überlieferungen gelenkt worden.

Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass nicht unbedingt das eigene künstlerische Werk eines Nachlassers im Mittelpunkt stehen muss, ein wichtiger Grund für eine Übernahme kann auch seine Eingebundenheit in den literarischen Kontext sein. Nämlich dann, wenn es möglich ist, über die Person des Bestandsbildners hinaus, anhand seiner Materialien lokale, regionale nationale oder gar internationale Netzwerke zu dokumentieren, aufzuzeigen, wer in welchen organisatorischen, wirtschaftlichen oder kulturpolitischen Zusammenhängen mit- oder gegeneinander agiert hat. Nicht nur der bedeutende Schriftsteller ist daher für Literaturarchive von Interesse, sondern auch Multiplikatoren und Funktionäre des literarischen Betriebs.

Dahinter verbergen sich natürlich auch andere Forschungsszenarien, die über den engen Bereich der Literaturwissenschaft, welche man gemeinhin als genuines Zielobjekt der Überlieferungsbildung eines Literaturarchivs ansehen würde, hinausgehen. Tatsächlich können Archivalien aus dem Literatur- und Kulturbereich zu ganz anderen Wissenschaftsgebieten beitragen, insbesondere der Soziologie, der historischen Sozialwissenschaft oder verschiedenen Teilbereichen der historischen Forschung, etwa der Mentalitäts-, der Regional- oder Bürgertumsgeschichte, die sich mehr den Mikrokosmen verschreibt als dem großen historischen Ganzen.

Kulturelles Handeln nämlich ist immer auch ökonomisches, soziales und kommunikatives Handeln, kulturelle Kommunikation ist Kommunikation durch und über Kultur.
Durch die Rekonstruktion solcher Verbindungen, also kooperativer Netzwerke und Aktionsgemeinschaften lassen sich “generelle Aufschlüsse über das Selbstverständnis und die soziale Interaktion der kulturtragenden Bevölkerungsteile eines Territoriums gewinnen.” (Robert Seidel, Literarische Kommunikation im Territorialstaat. Funktionszusammenhänge des Literaturbetriebs in Hessen-Darmstadt zur Zeit der Spätaufklärung, Tübingen 2003, S. 8). Hier werden also lokale und regionale Perspektiven virulent.

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