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Enno Stahl: Übernahme literarischer Bestände. Prolegomena zu einer Systematisierung

Ich möchte in analoger Weise Kategorien für das literarische Leben vorschlagen, die den klassischen literaturwissenschaftlichen Forschungsbereichen entsprechen:

1. Produktion
a) Autoren
b) Autorengruppen / Initiativen
c) Verlage / Rundfunksender
2. Distribution
a) Verlagsauslieferungen
b) Barsortimente
c) Buchhandel
3. Rezeption und Vermittlung
a) Bibliotheken
b) Veranstalter (institutionelle / freie)
c) Literaturhäuser / Literaturbüros
d) Lesekreise / Lesegesellschaften
e) Tageszeitungen / Sender / Feuilletonredakteure



Diese Kategorien sind hier zunächst einmal für eine aktuelle Übernahmepolitik formuliert, sie sind selbstverständlich auch diachronisch darstellbar und in der Folge archivspezifisch und sachthematisch weiter aufzuschlüsseln. So wären Autoren etwa zu unterteilen in: Lyriker, Autoren aus dem Bereich Belletristik, Verfasser von Genreliteratur (Krimi, Science Fiction, Unterhaltung) oder Sachbuchautoren. In derselben Weise wären die übrigen Kategorien zu untergliedern, so dass man im nächsten Schritt hin zu konkreten Bestandsbildnern und Registraturen gelangt.

Für die einzelnen Kategorien müssten Dokumentationsziele formuliert werden nach der Vorgabe: Welche Personen, Institutionen, Strukturen, Entwicklungen und Ereignisse des literarischen Lebens und seiner Infrastruktur sollen dokumentiert werden? Offensichtlich Personen und Gruppen, die sich literarisch betätigen, für die Herstellung, Verbreitung und Vermittlung von Literatur sorgen, sich am Kommunikationsprozess über Literatur beteiligen. Aber auch richtungweisende literarische Veranstaltungen, bedeutende Debatten, bestimmte Entwicklungen in der Auftritts- und Lesekultur (man denke an Clublesungen, Spoken Word und Poetry slams), literarische Orte und Gedenkstätten, ja, vielleicht sogar Kneipen, in denen sich bedeutende Literaten zu treffen pflegten.

Als nächstes muss darüber befunden werden, mit welcher Intensität die Dokumentation dieser einzelnen Teilbereiche jeweils zu erfolgen hat, es ist also der Dokumentationsgrad zu definieren und mit dem Informationsgehalt des in Frage kommenden Quellenfundus zu verbinden. Während ein niedriger Dokumentationsgrad am Beispiel von eben, dem Buchhandel, nur die Archivierung eine Adressliste aller rheinischen Buchhandlungen erforderlich machte, würde ein mittlerer Grad die selektive Archivierung von Ausschnitten aus den Beständen verschiedener Buchhandlungen implizieren, etwa Einzelstücke wie Lesungsplakate, Flyer, Programme.

Ein hoher Dokumentationsgrad würde die Übernahme vollständiger Registraturen wichtiger Buchhandlungen verlangen, um deren Entwicklung über längere Zeitphasen nachvollziehbar zu machen. Dasselbe könnte man sich bei Autoren vorstellen: Während es bei manchen ausreichen mag, dass man ihre Existenz belegen kann, über bio-bibliografische Einträge, könnte man von anderen Nachlassmaterialien in geringem Umfang übernehmen, während bei wieder anderen, bedeutenderen Zeitgenossen der Nachlass in gewohnter Manier möglichst lückenlos archiviert wird.

Anhand der definierten Dokumentationsziele muss dann auf Basis der eigenen Bestände ermittelt werden, was bereits im Archiv vorhanden ist bzw. in welchen Maße die Bestände noch angereichert werden müssen, um die Ziele zu erfüllen. Da die Zeit immer weiter voranschreitet, müssen selbstverständlich Informationen über relevante Archivbestände und Bestandsbildner kontinuierlich erhoben werden, um sofort tätig werden zu können, wenn es Not tut. Hier spielt die unmittelbare Kenntnis der kulturellen Szene, die ich oben erwähnte, eine zentrale Rolle. Gleichzeitig muss eine Wertanalyse erfolgen, auch gerade bei aktuellen Übernahmen, um zu kontrollieren, ob der erworbene oder übernommene Quellenfundus ausreicht, um die Dokumentationsziele in der angestrebten Intensität zu gewährleisten, bzw. eventuelle Überlieferungslücken aufzuzeigen.

Anhand der Kategorie „Literarische Veranstaltungen“ möchte ich das im folgenden Schema einmal am konkreten Beispiel durchdeklinieren:

Schema für die archivarische Dokumentation aktueller literarischer Veranstaltungen im Gebiet der Rheinschiene



Kategorie/

Thema

Dokumenta-tionsgrad

Quellenarten/ Quellenfundus

Bestandsbildner

bereits

im Archiv

vorhanden

andere überlieferungs­relevante Institutionen

Literarische Veranstal­tungen Rheinschiene

(Bonn, Köln, Düsseldorf, Duisburg)

a) niedrig

Presseberichterstat-

tung; Flyer, Plakate, Programme der wichtigsten Veran-stalter

Private und insti-tutionelle Veranstalter; Einzelpersonen (Autoren, Journalisten, Literaturinteres-sierte, andere Multiplikatoren)

AFAS – Archiv für alternatives Schrifttum

Literarische Veranstal­tungen Rheinschiene

(Bonn, Köln, Düsseldorf, Duisburg)

b) mittel

zusätzlich zu a): Korrespondenzen städtisch geförderter Veranstaltungen, Antragsformulare, Abrechnungen

Private und insti-tutionelle Veranstalter; Kulturverwaltung; Einzelpersonen (Autoren, Journalisten, Literaturinteres-sierte, andere Multiplikatoren)

AFAS – Archiv für alternatives Schrifttum; Stadtarchive Bonn, Köln, Düsseldorf, Duisburg

Literarische Veranstal­tungen Rheinschiene

(Bonn, Köln, Düsseldorf, Duisburg)

c) hoch

zusätzlich zu a) und b): Autorenmanus-kripte; Bestände wichtiger Veranstal-ter: Haus der Sprache und Literatur; Literaturhäuser Bonn und Köln; Literaturbüro Düsseldorf; Heinrich-Heine-Institut; Stadtbibliotheken;

LitCologne; Bücherbummel Düsseldorf; Lesebühne Köln; Materialien über Verlage (parasiten-presse, KRASH u.a.), Lesebühnen (Lese-bühne Köln, Litera-turclub Köln, LCD), Poetry Slams (ZAKK, BlaBla, Sonic Ballroom; Blue Shell, Pretty Vacant etc.)

Private und insti-tutionelle Veranstalter; Kulturverwaltung; Stadtbibliotheken; Einzelpersonen (Autoren, Journalisten, Literaturinteres-sierte, andere Multiplikatoren); Körperschaften: Verlage, Institutionen und freie Veranstalter (Buchhandel, Autorengruppen, Organisations-kollektive)

AFAS – Archiv für alternatives Schrifttum;

Stadtarchive Bonn, Köln, Düsseldorf, Duisburg



Ich weiß natürlich, dass Sie, die Sie in den Archiven tagtäglich Verantwortung für Übernahme¬entscheidungen tragen, solche Erwägungen längst und immer schon anstellen – explizit wie implizit. Ich frage mich aber, und das war die Motivation für diese Vorüberlegung, ob es nicht nützen könnte, diese Erwägungen in einer systematisierten Struktur, wie hier ansatzweise entworfen, zusammenzustellen, um einen Leitfaden zu entwerfen, eine Art Nachlasskataster für kulturelle Überlieferungen.

Dieses könnte anderen als Entscheidungshilfe dienen, z.B. einem minimal besetzten Orts- oder Stadtarchiv, das für gewöhnlich nicht in Kontakt mit kulturellen Nachlässen kommt. Der verallgemeinerte Leitfaden böte quasi eine Matrix, anhand derer die Situation vor Ort gegliedert und mit konkreten Daten angereichert werden könnte. Aber auch uns, die wir ständig mit der Übernahme kultureller Bestände zu tun haben, könnte das eine Orientierungshilfe sein, um vielleicht bereits im Vorfeld präziser formulieren zu können, welche Materialien wir tatsächlich brauchen werden und welche nicht.

Anders gesagt: Wofür ich an dieser Stelle werben möchte, ist – beispielsweise unter dem Dach der koop litera – eine solche Arbeitsgruppe für den Bereich der Literaturarchive einzurichten, analog zum Vorgehen der Kommunalarchive.

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