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Huub Sanders: Das Internationale Institut für Sozialgeschichte, Amsterdam: Kontinuität und neue Aussichten im Sammlungsprofil

Anfangsjahre


Am Anfang der 30er-Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts ließen zwei unabhängige Entwicklungen die Gründung eines selbständigen Institutes angezeigt erscheinen. Zum einen machten die schnell wachsenden sozialhistorischen Sammlungen des NEHA einen eigenen Ansatz erforderlich. Zum anderen verschärfte sich die politische Lage in Mittel- und Osteuropa zusehends. Hitlers Machtergreifung und die Entwicklungen in der Sowjetunion bedrohten nicht nur Menschen aller Überzeugungen in der Arbeiterbewegung, sondern auch ihre Sammlungen. Posthumus trat entschieden für die Rettung ihrer Unterlagen ein, denn er war überzeugt, dass sie, einmal in die falschen Hände geraten, vernichtet würden oder, im günstigsten Fall, für lange Jahre nicht mehr für unabhängige Forscher zugänglich wären.


Mit seiner Vision eines unabhängigen, neutralen Forschungsinstitutes hatte er das Glück, Nehemia de Lieme, Direktor von De Centrale, einer Versicherungsgesellschaft mit engen Verbindungen zur sozialdemokratischen Bewegung, zur Mitarbeit bewegen zu können. In der Satzung dieser Versicherungsgesellschaft war festgelegt, dass ein Teil der Gewinne für kulturelle Zwecke der Arbeiterbewegung gestiftet werden sollte. De Lieme war von der Bedeutung der Initiative von Posthumus überzeugt, so dass De Centrale in den Jahren bis 1940 das Institut in außerordentlichem Maße finanziell unterstützte.
  
In der Zeit von 1935 bis 1940 widmete man sich vor allem der Rettung von Material aus ganz Europa. Bei der bedeutendsten Sammlung, die in dieser Zeit erworben wurde, handelt es sich um das Vermächtnis von Marx und Engels.


Die erste Bibliothekarin des Institutes, Annie Adama van Scheltema-Kleefstra, schmuggelte kurz vor dem Einmarsch der Nazis in Wien tatsächlich Manuskripte von Bakunin aus Österreich heraus. Auch Bibliotheken und Archive von Menschewiken und Sozialrevolutionären, die aus Russland geflohen waren, wurden nach Amsterdam gebracht.


Die Liste der wichtigsten Erwerbungen ist zu lang, um an dieser Stelle alle aufzuführen, aber die Unterlagen der CNT und der FAI sollen dennoch genannt werden: Nur wenige Wochen, bevor Franco iim Monat Mai 1939 die letzten republikanischen Gebiete in Nordspanien besetzte, wurden diese Papiere über die Pyrenäen gebracht.

Überaus weitsichtig hat Posthumus in Großbritannien eine Filiale des Instituts gegründet. Die wertvollsten Archive wurden dort in Sicherheit gebracht, als der Vorstand des Instituts nach dem Münchener Abkommen die Überzeugung gewann, dass die Gefahr eines Krieges gerade nicht vorüber war, auch nicht für die neutralen Niederlande.


Posthumus behielt Recht, denn nur wenige Tage nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen im Mai 1940 stand bereits eine Gruppe von Nazi-Funktionären vor der Tür des Instituts. Am 15. Juli wurde das IISG auf Befehl des SDS geschlossen. Die Mitarbeiter wurden nach Hause geschickt und der Einsatzstab Rosenberg hielt ein wenig später Einzug.


Nach dem Krieg


Der größte Teil der Sammlungen wurde erst in 1946 in der britischen Zone Deutschlands in der Nähe von Hannover wieder entdeckt. Andere Unterlagen wurden dank der Bemühungen des Offenbacher Archivdepots der amerikanischen Armee zurückgebracht. Das in der sowjetischen Zone Europas aufgefundene Material wurde nicht so bereitwillig oder gar nicht zurückgegeben.
1991, nach dem Putschversuch in Moskau, stellte sich heraus, dass weitere IISG-Unterlagen über Jahre in einem Geheimarchiv in der sowjetischen Hauptstadt aufbewahrt worden waren. Nach langen Verhandlungen sind viele, aber noch immer nicht alle Sammlungen zurück nach Amsterdam gekommen. Alles in allem ging jedoch bemerkenswert wenig im Krieg verloren. Die Trotzki-Papiere, schon 1938 gestohlen, sind vielleicht die wichtigste Ausnahme.


Deutsche Sammlungen

Die Kollektionen, die in der Vorkriegszeit aus Deutschland erworben wurden, gehören zu den wichtigsten, die das IISG verwaltet, sie umfassen drei Kategorien:

a) Der deutsche Sozialismus des 19. Jahrhunderts.
Die wichtigsten Sammlungen aus dieser Periode sind, wie gesagt,  die Nachlässe von Marx und Engels, außerdem die Archive unter anderen von Moses Hess, Johann Philipp Becker, August Bebel, Julius Motteler und Hermann Jung, dessen Nachlass auch wichtige Dokumente zur 1. Internationale enthält. Diese Kollektionen stammen aus dem sogenannten "Historischen Archiv der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Dieses "Parteiarchiv" ist nicht das Organisationsarchiv der SPD, sondern ein von der Partei angelegtes historisches Archiv, das verschiedene Personennachlässe und Organisationsarchive enthält.

b) Die Blütezeit der klassischen deutschen Sozialdemokratie.
Auch mehrere Kollektionen aus dieser Periode stammen aus dem SPD-Parteiarchiv, darunter die Nachlässe von Eduard Bernstein und Georg von Vollmar und die Protokolle der SPD-Reichstagsfraktion der Jahre 1898-1919. Gesondert erworben wurden der wichtige Nachlass Karl Kautskys und das sogenannte Familienarchiv Kautsky. Schon im April 1939 wurde der Archivteil von Kautskys Nachlaß aus Sicherheitsgründen nach England transportiert.

c) Die linke Opposition gegen Hitler, vor allem in der Emigration.
Das IISG besitzt eine große Anzahl von Nachlässen und Kollektionen von Emigranten, Exilorganisationen, Gegnern des Naziregimes und oppositionellen Gruppierungen aus der Periode 1933-1945. Einige Namen in diesem Zusammenhang: Friedrich Adler, Otto Bauer, Julius Braunthal, Wilhelm Dittmann, Albert Grzesinski, Paul Hertz, und Hans Stein.

Obwohl sie nicht ganz in diese Aufreihung passen, müssen auch die anarchistischen Kollektionen des IISG erwähnt werden. Seit der Übernahme des umfangreichen Archivs des österreichischen Historikers und Sammlers Max Nettlau war das Institut der wichtigste Aufbewahrungsort für Dokumente aus der anarchistischen Bewegung. Auch Kollektionen von anderen libertären Personen und Organisationen aus dem deutschsprachigen Raum sind im IISG einzusehen, z.B. die Nachlässe von Paul Eltzbacher, Raphael Friedeberg und Rudolf Rocker.



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