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Jochen Grywatsch: Die Balance von Strategie und Zufall

Überlegungen zum Dokumentationsprofil des Westfälischen Literaturarchivs

1. Einleitung
1.1. Von den Zufällen des Archivs
Aus der Praxis der eigenen Archivarbeit wird immer wieder deutlich, dass trotz aller Planungen und Strukturierungsbemühungen bei der Überlieferungsbildung – und um die geht es im Folgenden – eine Menge sagen wir: Unwägbarkeiten eine Rolle spielen, Umstände, die aus der Sicht des Archivs den Charakter von Zufällen haben. Der Zufall des Vor- oder Nachlasses, der uns oder anderen angeboten wird, der Zufall der Sammlung, die jemand angelegt hat oder eben nicht, der Zufall des Kontakts mit Beteiligten, der Zufall der Vermittlung um mehrere Ecken, der Zufall des Lebens mit allen Unwägbarkeiten.
Beispielhaft etwa dieser: Dass Peter Rühmkorf als ein westfälischer Autor oder sollten wir besser sagen: als ein Autor aus Westfalen gelten kann und gilt – und zwar, da er in Dortmund geboren wurde, wo er allerdings aber nur sehr kurze Zeit blieb, bis seine Mutter mit dem Kleinkind an die Unterelbe ging. Das aber reichte aus, Rühmkorf 1979 mit dem (regional gebundenen) westfälischen Literaturpreis, dem Droste-Preis auszuzeichnen, und ihn folgerichtig auch in das „Westfälische Autorenlexikon“ aufzunehmen – sein Nachlass allerdings, wen überrascht’s, haben nicht wir hier in Westfalen, sondern er liegt in Marbach.
Aber weiter von den Zufällen: Peter Rühmkorf beschäftigte zu Lebzeiten einen eigenen Archivar, der sich als weitblickender, rühriger Sachwalter betätigte. Keine Frage, dass auch dieser Umstand dazu beigetragen hat, dass ein Bestand Peter Rühmkorf sehr strukturiert und umfassend vorliegt. Wir sehen also betätigt: Die Arbeit des Literarturarchivars ist vielfältigen Unwägbarkeiten und Zufällen ausgesetzt. Auch wenn man sich die Landschaft der Literaturarchive anschaut, ist deutlich, dass wir es hier nicht mit einer systematisch aufgebauten Struktur zu tun haben, sondern dass auch hier der Zufall regiert bzw. Zustände geschaffen hat, auf deren Basis sich weitere Entwicklungen vollzogen haben. Auch die Nachlassakquise während der ersten Jahre unseres Archivs erfolgte, so wie das in vielen Archiven geschieht, gewissermaßen nach dem Zufallsprinzip, das die Überlieferungsbildung zunächst vor allem unter den Gesichtspunkten aktueller Nachfragen und dringender Notwendigkeiten aufbaute. „Nachlaßsammlungen nach dem Zufallsprinzip“ ist denn auch ein Beitrag von Joseph A. Kruse, des früheren Leiters des Heine-Instituts und gleichzeitig des Rheinischen Literaturarchivs, überschrieben [1].

1.2. Das Archiv in der gegenwärtigen kulturwissenschaftlichen Diskussion
Bevor ich ins Thema einsteige, möchte ich einen Aspekt anschneiden, der zunächst wenig mit dem Thema zu tun hat, aber doch auch unsere jetzigen Diskussionen mit bedingt. Schon seit geraumer Zeit ist das ‚Archiv‘ im postmodernen Theoriediskurs thematisch geworden. Hier wären sofort klingende Namen zu nennen, solche, die die philosophischen, kultur- und literaturwissenschaftlichen Diskussionen seit langem bestimmen – Boris Groys zum Beispiel und vor allem Michel Foucault mit seiner „Archäologie des Wissens“. Dabei hat das, was hinter solcher Verwendung des Archivbegriffs steht, nur sehr entfernt etwas mit den konkreten Archiven zu tun, die uns tagtäglich beschäftigen. Benutzt wird der Archivbegriff bei Groys als „Oberbegriff für kulturelle Informations- und Wissensspeicher“ bzw. im Foucault’schen Sinn „als Gesetz dessen, was gesagt werden kann, das System, das das Erscheinen der Aussagen als einzelner Ereignisse beherrscht“ [2]
Auch wenn aus archivwissenschaftlicher Sicht kritisch angemerkt wurde, dass die „Verwandlung des Archivs in eine reine Metapher nicht immer hilfreich“ sei, ist der positive Effekt und Nutzen dieser Entwicklungen auf das Archiv doch nicht zu verkennen. So beginnt die Abhandlung „Das Rumoren der Archive“ (2002) des Berliner Medienwissenschaftlers Wolfgang Ernst mit dieser Passage: „Nicht länger haftet Archiven das Bild des Verstaubten und Philologischen an. Diese Klage scheint heute verklungen, der Staub des Archivs wird verweht von einem frischen Wind der Aufmerksamkeiten oder sedimentiert sich – wie im Falle der Stasi-Akten – gar nicht erst.“ (S. 9)
Wer wollte leugnen, dass diese Veränderung nicht auch von den angesprochenen kulturtheoretischen Denkfiguren beeinflusst ist. Der frische Wind der Aufmerksamkeiten weht aber noch aus anderen Richtungen. So hat die Erfindung des Internets als potentiell unendliches Speichermedium ein grundsätzliches Interesse für Prozesse der Speicherung und Aufbewahrung gefördert. Auch die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaften zu Prozessen der Erinnerung und deren Konstruktionscharakter tun ihre Wirkung. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum sich die grundlegenden Überlegungen zum Archiv in den letzten Jahren auffällig häufen, Beiträge, die auch einen aktuellen Funktionswandel von Archiven reflektieren. Als Folge der genannten Entwicklungen verändert sich das Bild des Archivs, das weniger als „statischer, Kontinuität gewährleistender Speicher kulturellen Wissens“ gesehen wird, „sondern als ein – in Analogie zu Modellen der neurologischen Gedächtnisforschung – sich selbst steuernder, permanent in Umorganisation befindlicher Mechanismus“. Machen wir uns also den frischen Wind der Aufmerksamkeiten zunutze und gehen positiv und produktiv mit den genannten Veränderungsprozessen um. Auch bei der Diskussion um Dokumentationsprofile hilft uns das wachsende Bewusstsein um die Konstruktionsprozesse im Archiv, das Bewusstsein, dass „Vergangenheit im Archiv nicht einfach nur konserviert, sondern auch produziert wird.“ [3]

1.3. Aufgabenstellung: Dokumentationsprofil
Kommen wir zu unserer Aufgabenstellung: Verstärkt in unseren Tagen sprechen Archivare, mithin auch die Literaturarchivare über Dokumentationsprofile für ihre Häuser. Warum ist das so? Was hat dazu geführt? Und warum geschieht das gerade jetzt? Das sind Fragen, die sich anschließen. Vor allem auch diese: Brauchen wir dieses Mittel überhaupt – und wenn ja, wie gestaltet sich eine sinnvolle Struktur, was wäre notwendig, was vernachlässigungswert? Übergreifend lautet unsere Aufgabenstellung also: Auf welche Weise, mit welcher Zielrichtung und mit welchen Parametern würde man für den literaturarchivarischen Bereich Dokumentationsprofile konzipieren? Welche Muster lassen sich dabei entwickeln?

Vorweg sei eins festgehalten: Es wird hier kein fertiges Dokumentationsprofil vorgestellt, dass Sie am Ende für Ihre Institution nutzen und anpassen könnten. Wir befinden uns im Prozess der Entwicklung, und ich erhoffe mir auch aus dieser Runde Impulse für die weitere Arbeit. Es ist notwendig, dazu zunächst den Fokus eng zu stellen auf diejenigen Institutionen, die von ihrer Aufgabenstellung vergleichbar sind – also unsere regional orientierten Literaturarchive. Auch wenn auch für diesen vermeintlich kleinsten gemeinsamen Nenner konstatiert werden muss, dass jede Institution doch wieder ganz anders aufgestellt ist, werden wir im Austausch über das Vergleichbare voneinander profitieren können.

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