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Jochen Grywatsch: Die Balance von Strategie und Zufall

Überlegungen zum Dokumentationsprofil des Westfälischen Literaturarchivs

3. Die Landschaft der Literaturarchive und die Sammelprofile der Institutionen
Die Arbeit der Literaturarchive ist – allerdings eher auf einer strukturellen Ebene – ähnlich der Tätigkeit der ‚klassischen‘ Archivare in den Staats- und Stadtarchiven, in den Archiven der Ämter und Behörden. Gleichzeitig gibt es doch auch beträchtliche Abweichungen. Denn das, worauf der Literaturarchivar zu fast einhundert Prozent seine Aufmerksamkeit lenkt, ist für staatliche Archivare ein Nebenbereich. Der herkömmliche Nachlass (der auch ein ‚Vorlass‘ sein kann) und die Sammlung, also das, was fast den gesamten Kosmos des Literaturarchivars ausmacht, interessierte den Staatsarchivar oft nur, wenn in der amtlichen Überlieferung Lücken auftreten. Dann konnte ein Nachlass interessant werden, der unter der sprechenden Bezeichnung „Ersatzüberlieferung“ firmierte.

3.1. Literaturarchive im überregionalen Raum
Schauen wir uns die Landschaft der Literaturarchive im deutschsprachigen Raum an, dann ist deutlich, dass wir es mit einem gewachsenen Geflecht zu tun haben, das sich historisch ausgebildet hat. Es kann hier die inzwischen weitverzweigte Landschaft im Einzelnen nicht ausgebreitet werden.
Die aufgrund unterschiedlicher Impulse unterschiedlich gewachsenen Strukturen sind in Deutschland von den großen, überregionalen Literaturarchiven (Deutsches Literaturarchiv, Marbach, Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar; Literaturarchiv der Akademie der Künste, Berlin; Das Freie deutsche Hochstift, Frankfurt am Main) geprägt. Wenn diese Institutionen auf einer Ebene nebeneinander genannt werden, so muss gleichzeitig deutlich sein, dass sie unterschiedlich aufgestellt sind und ganz verschiedene Sammelspektren haben.
Auf einer (wenn man so will: darunter liegenden) Ebene sind weitere Archive zu nennen, die sich in unterschiedlicher Ausrichtung unter spezifischen Gesichtspunkten sammeln, das sind v.a. regionale, thematische, einem Autor oder einer Institution (v.a. Verlag) gewidmete Archive; das Archiv des Museums für Literatur am Oberrhein (Karlsruhe), das Literaturarchiv Oberschwaben (Biberach), das Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt (Dortmund), das Theodor-Fontane-Archiv in Potsdam und das Archiv zum Verlag Friedrich Vieweg in Braunschweig.
Insgesamt könnte man das, was sich auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland als Landschaft der Literaturarchive entfaltet, als einen bunten, aus unterschiedlichen Materialien wie zufällig zusammengesetzten und dabei höchst löcherigen Flickenteppich bezeichnen.
Für die Schweiz ergibt sich ein klareres, strukturierteres Bild. Das Schweizer Literaturarchiv, 1991 in der Schweizer Nationalbibliothek in Bern gegründet, ist als erstes zu nennen. Weitere Regionalarchive gibt es nicht; Es existieren daneben Spezialarchive zu einzelnen Autoren, Robert Walser, Max Frisch und Thomas Mann.
Der Blick auf Österreich gibt ein gut strukturiertes Netz an Institutionen zu erkennen, die sich um die Überlieferungssicherung in Sachen Literatur bemühen. Im Zentrum steht das Österreichische Literaturarchiv in Wien (gegründet 1989, Vollbetrieb seit 1996) als eine Art übergreifende Dachbehörde. In den einzelnen Bundesländern existieren dann eigene, regionale Literaturarchive, etwa das Robert-Musil-Institut/Kärntner Literaturarchiv in Klagenfurt, das Steirischen Literaturarchiv der Steiermärkischen Landesbibliothek in Graz, die Dokumentationsstelle für Literatur in Niederösterreich in St. Pölten, die Stiftung Salzburger Literaturarchiv, das Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck für Tirol, das Vorarlberger Literaturarchiv (Bregenz).
Nicht zu vergessen ist das Letzebuerger Literaturarchiv, das Luxemburger Centre Nationale de Littérature, in dem auch in deutscher Sprache schreibende Autoren aufbewahrt werden.

3.2. Literaturarchive im regionalen Raum
Richten wir den Blick nun näher auf die hier im Mittelpunkt stehende Archivspezies, das regionale Literaturarchiv. Um nochmals das Bild des Teppichs zu bemühen, müsste ich bei der Analyse der Regionalstruktur der deutschen Literaturarchive davon sprechen, dass hier erheblich mehr Lücken als Flicken vorhanden sind.
Zunächst von NRW abgesehen, gibt es zuständige Institutionen für die Regionen München, Oberschwaben, den Oberrhein und das Saar-Lor-Lux-Elsaß-Gebiet. Überall sonst trifft man auf Leerstellen, auf Lücken.
In NRW freilich sieht es zum Glück anders aus; eine rühmliche Ausnahme, ist man geneigt zu sagen. Hier sind mehrere Institutionen flächendeckend aktiv – und sogar darüber hinaus. Der westfälische und der rheinische Landesteil sind durch die aktuellen Bemühungen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe und seiner Literaturkommission mit unserer Institution sowie dem Heinrich-Heine-Institut mit seinem Rheinischen Literaturarchiv gewissermaßen schon weitgehend abgedeckt. Dazu kommt noch ein eignes Haus, das für den regionalen Bereich der historischen Landschaft Lippe in Ostwestfalen zuständig ist und als prominente Bestände Weerth, Freiligrath und Grabbe neben anderen aufbewahrt. Das Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt in Dortmund kommt dazu, das deutsche und europäische Arbeiterliteratur sammelt. Kleinere Sammeleinheiten bestehen in Einzelfällen auf der Ebene der Gemeinde-, Stadt- und Kreisarchive.
Hinzu kommen – das ist natürlich auch für alle Regionen in den einzelnen Bundesländern zu berücksichtigen – natürlich die großen Landesbibliotheken (ob in Hamburg, Kiel, Wiesbaden, Kassel), die als prominente und kompetente Stellen zumindest z.T. auch für die regionale Nachlasspflege aktiv waren. In unserem westfälischen Bereich sind die Bibliotheken in Dortmund, Münster und Detmold mit z.T. sehr wertvollen und umfangreichen Beständen (in letzterem Bezirk ist die schon genannte Institution ein Teil der Lippischen Landesbibliothek). Allerdings sind die Aktivitäten begrenzt, es stehen hier hohe ästhetische Gesichtspunkte im Vordergrund, gesammelt wird, was literarhistorisch von herausragender Bedeutung ist.
Die jüngere Entwicklung der Bibliotheken bestätigt unsere Erfahrung, dass sich so gut wie keine Institution um die Gegenwartsliteratur kümmert. Hier war es der Eigeninitiative der Schriftsteller überlassen, sich um einen geeigneten Aufbewahrungsort zu kümmern. Oft bestanden Hemmschwellen, sich an eine Universitätsbibliothek zu wenden, die im überwiegenden Fall eher ablehnend antwortet, oder an ein kommunales Archiv, das in der Regel nur über geringen literarischen Sachverstand verfügt. In diesen Missstand hinein wurden im Rheinland und in Westfalen regionale verfasste Literaturarchive gegründet.

3.3. Das Westfälische Literaturarchiv
Lassen Sie mich ein paar Worte zum Westfälischen Literaturarchiv anfügen. Im zehnten Jahr seines Bestehens werden derzeit etwa 40 Bestände im Archiv aufbewahrt. Das Archiv funktioniert als Teilzeitbetätigung von Katharina Tiemann hier vom Westfälischen Archivamt und von mir von der Seite der Literaturkommission, die wir beide mehrheitlich für andere Aufgaben zuständig sind, sowie seit 2009 durch die äußerst hilfreiche Unterstützung von Frau Sent, die hauptsächlich für die Erschließung und Verzeichnung zuständig ist.
Die Gründung des WLA erfolgte 2001 auf der Grundlage des allgemeinen kulturpolitischen Konsenses über die dringende Notwendigkeit der Verbesserung der literarischen Nachlasspflege für die Region.
Die erkannten Defizite waren in der Studie von Rogalla von Bieberstein genannt:
Fehlen geregelter Zuständigkeiten beim Nachlasserwerb, fehlende Maßstäbe bei der Bewertung von Nachlässen, keine aktive Nachlasserwerbspolitik, die die Beratung von Autoren und Erben einschließt, keine Abstimmung bei Autographenankäufen, mangelnde germanistische Kompetenz der Archivstellen, mangelnde Möglichkeiten zur Erschließung von Nachlässen, das Fehlen einer Zentralkartei westfälischer Autographen, mangelnde Kommunikation der Archive.
Das WLA versteht sich nicht als Konkurrenz sondern in Ergänzung bestehender Literaturarchive bzw. der drei großen Landesbibliotheken als Sammelstelle für literarische Nachlässe und Materialien westfälischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller sowie als Informationsstelle mit kompetenter Beratung in Fragen rund um das Thema "Literarische Nachlässe in Westfalen".
Auf ein weiteres wichtiges Arbeitsmittel ist noch hinzuweisen: die Datenbank „Literarische Nachlässe in westfälischen Archiven“, die auf unseren Internetseiten der Kommission abrufbar ist. Mit dieser Datensammlung vollzog sich ein wichtiger Schritt hin zu einem Kataster westfälischer Schriftstellernachlässe, das bereits auf die Arbeiten des Westfälischen Autorenlexikons zurückgreifen kann.

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